Als Carl von Linde 1890 die Kältetechnik verließ, stand sein Unternehmen auf dem Höhepunkt des Erfolgs. Die Gesellschaft für Lindes Eismaschinen dominierte den Markt für Brauerei-Kühlanlagen, die technischen Probleme waren weitgehend gelöst, das Geschäft lief. Es wäre der ideale Moment gewesen, die Position zu konsolidieren und zu optimieren. Stattdessen tat Linde das Gegenteil: Er wandte sich einem völlig neuen, technologisch unbearbeiteten Feld zu – der Tieftemperaturtechnik und Gaszerlegung.


Dieser Schwenk, so schreibt Hans Liudger Dienel in seiner Unternehmensgeschichte, sicherte Linde „bis zum heutigen Tag die Existenz“. Die Gaszerlegung erwies sich als „Schlüsseltechnologie mit einem beliebig breiten Anwendungsfeld zur Herstellung immer neuer Stoffe“. Linde hatte sein Unternehmen dorthin manövriert, „wo er sie haben wollte, als technisch führendes Unternehmen in einem potentiell unbegrenzten Feld für technische Neuentwicklungen“.

135 Jahre später steht ein anderes europäisches Technologieunternehmen vor einer vergleichbaren Situation – nur dass es den entscheidenden Moment vermutlich bereits verpasst hat. ASML aus den Niederlanden beherrscht mit seinen EUV-Lithographieanlagen faktisch ein Monopol in der Halbleiterfertigung. Noch im April 2024 erklärte CEO Christophe Fouquet, China werde „viele, viele Jahre“ brauchen, um aufzuschließen. Wenige Monate später wurde bekannt, dass in einem Hochsicherheitslabor in Shenzhen ein funktionsfähiger EUV-Prototyp steht, gebaut von ehemaligen ASML-Ingenieuren. Gleichzeitig demonstriert DeepSeeks KI-Modell V3, dass hocheffiziente Algorithmen mit älteren, günstigeren Chips auskommen – und damit die Prämisse ständig steigender Nachfrage nach EUV-gefertigten Spitzenchips untergraben.

Die Geschichte von Linde und die aktuelle Situation von ASML illustrieren eine fundamentale Frage der Technologieökonomie: Wann und wie erkennen technologisch führende Unternehmen strategische Wendepunkte – und warum scheitern gerade Monopolisten systematisch daran, rechtzeitig zu handeln?

I. Lindes Timing-Prinzip: Der Schwenk am Höhepunkt

Carl von Lindes Erfolgsformel beruhte nicht primär auf technischer Brillanz, sondern auf einem ungewöhnlichen Timing-Prinzip: Er verließ etablierte Geschäftsfelder nicht wegen wirtschaftlicher Probleme, sondern weil die technischen Probleme gelöst waren.
Dienel beschreibt die Logik: Als „die konstruktiven Probleme der Kältetechnik schließlich weitgehend gelöst waren, verlor Linde das Interesse daran und wandte seine forschende Neugier auf den neuen Bereich der Tieftemperaturtechnik.“ Die Motivation war explizit strategisch: Linde „suchte und fand ein technisch anspruchsvolles Gebiet, das seinem Unternehmen die Konkurrenz über Neuentwicklungen statt über den Preis ermöglichte.“

Diese Passage enthält drei kritische Elemente:

Erstens: Die Antizipation der Commoditisierung. Linde erkannte, dass gelöste technische Probleme unweigerlich zu Preiswettbewerb führen. Sobald Konkurrenten die technischen Hürden überwinden, wird Innovation zum commodity und Margen erodieren. Der rationale Moment für einen Technologieführer, das Feld zu verlassen, ist nicht der Beginn des Niedergangs, sondern das Ende der technischen Herausforderung.

Zweitens: Die bewusste Suche nach „technisch anspruchsvollen Gebieten“. Linde optimierte nicht seine Kältemaschinen, sondern suchte systematisch nach Feldern, wo technologische Führerschaft überhaupt noch möglich war. Die Kriterien waren klar: technologisch unbearbeitet, potentiell unbegrenztes Anwendungsfeld, Raum für Neuentwicklungen.

Drittens: Die Geschwindigkeit des Schwenks. Der Wechsel zur Tieftemperaturtechnik erfolgte 1890, als das Kältegeschäft florierte. Linde wartete nicht auf Krisensignale. Er strukturierte den Schwenk proaktiv am Höhepunkt.

Das Resultat war bemerkenswert: Trotz großer Forschungsanstrengungen in Amerika seit der Zwischenkriegszeit blieben die europäischen „prime movers“ – Air Liquide, BOC und Linde – in der Tieftemperatur- und Gaszerlegungstechnik weltweit dominant. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Industrie technologisch führend war, „setzten sich die europäischen Tieftemperaturunternehmen technisch und wirtschaftlich wieder an die Spitze.“

Linde profitierte von einem 50-jährigen Zeitfenster technologischer Dominanz. Die Frage ist: Sind solche Zeitfenster heute überhaupt noch möglich?

II. Technologiezyklen und die Beschleunigung der Diffusion

Die vielleicht wichtigste Veränderung seit Lindes Zeit ist die dramatische Beschleunigung technologischer Diffusion. Was im 19. und frühen 20. Jahrhundert Jahrzehnte dauerte, vollzieht sich heute in Jahren.

Die historischen Muster sind eindeutig:

UK Textilmaschinen (1800er): Trotz drakonischer Emigrationsverbote für Maschinenbauer und Exportkontrollen für Konstruktionspläne baute Samuel Slater 1790 die erste amerikanische Spinnerei aus dem Gedächtnis nach. Die britische Monopolstellung erodierte innerhalb von zwei Generationen.

Sowjetische Atombombe (1945-1949): Westliche Experten schätzten, die Sowjetunion brauche mindestens 15-20 Jahre für die Bombe. Tatsächlich dauerte es vier Jahre. Die Kombination aus Spionage, eigener Forschung und reverse engineering verkürzte den technologischen Rückstand drastisch.

Japanische Halbleiter (1970-1985): Japan entwickelte s…