Zwei Harvard-Diagnosen zur US-Wirtschaft erscheinen auf den ersten Blick unabhängig – Porter/Rivkin sehen Standort-Versagen, Gutiérrez/Philippon dokumentieren Marktmacht-Exzesse. Doch zusammen beschreiben sie einen problematischen Rückkopplungsmechanismus: Schwache Institutionen erhöhen Markteintrittsbarrieren, Konzentration senkt Investitionsanreize, fehlende Kapitalbildung schwächt den Standort. Ein sich selbst verstärkender Abstieg.


Zwei Perspektiven auf eine Krise

Michael Porter und Jan Rivkin diagnostizieren seit 2012 den strukturellen Verfall der US-Wettbewerbsfähigkeit aus Standortsicht: dysfunktionales Steuersystem, bröckelnde Infrastruktur, stagnierende Bildungsleistung, politische Blockaden. Ihr ernüchterndes Fazit 2016: „U.S. competitiveness is at its worst in generations“. Große Konzerne prosperieren global, aber der Standort USA schafft keinen breiten Wohlstand mehr. Kleine und mittlere Unternehmen leiden besonders – sie können sich anders als Konzerne nicht durch Globalisierung von den Standortschwächen abkoppeln.

Germán Gutiérrez und Thomas Philippon liefern 2017 die komplementäre Marktstruktur-Perspektive: sinkender Wettbewerb in Produktmärkten durch steigende Konzentration. Branchenführer erhöhen ihre Markups, senken aber gleichzeitig ihre Investitionsquoten drastisch. Das Ergebnis ist eine kumulative Investitionslücke von über 10% bis 2015 – trotz Rekordgewinnen und hoher Börsenbewertungen. Der Mechanismus: Wo Marktmacht Wettbewerbsdruck ersetzt, brauchen dominante Player nicht mehr zu investieren, um ihre Position zu halten.

Der Teufelskreis

Was beide Diagnosen isoliert betrachtet nicht zeigen: Sie verstärken sich gegenseitig in einer Abwärtsspirale.

Phase 1 – Standort-Erosion erhöht Eintrittsbarrieren: Schlechte Infrastruktur, komplexe Regulierung, dysfunktionale Politik machen Markteintritt für neue Player teurer und riskanter. Porter/Rivkins Standort-Schwächen werden zu strukturellen Marktzutrittsbarrieren. Die Marktdynamik (Eintritts-/Austrittsraten) sinkt – genau das, was Gutiérrez/Philippon empirisch dokumentieren.

Phase 2 – Konzentration tötet Investitionsanreize: Etablierte Unternehmen können ihre Position ohne produktive Investitionen verteidigen. Sie maximieren Shareholder-Rückflüsse statt Kapitalbildung. Die Investitionslücke wächst – obwohl die Gewinne sprudeln. Das ist die Gutiérrez/Philippon-Mechanik.

Phase 3 – Fehlende Investitionen schwächen den Standort weiter: Weniger Kapitalbildung bedeutet: stagnierende Produktivität, schwächeres Lohnwachstum, geringere Steuereinnahmen für Infrastruktur und Bildung. Der Standort erodiert weiter – zurück zu Porter/Rivkins Diagnose, nur eine Stufe tiefer.

Die beiden Erosionsprozesse bilden keine parallelen Entwicklungen, sondern einen geschlossenen Rückkopplungskreis. Jede Verschlechterung auf einer Ebene verstärkt die Pathologie auf der anderen.

Der Verstärker: Business als Komplize. Porter/Rivkin zeigen 2019 in „A Recovery Squandered“, dass dieser Teufelskreis aktiv von Unternehmen mitfinanziert wird. Die Wirtschaft gibt 6 Milliarden Dollar pro Wahlzyklus für Lobbying aus – nicht um das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern, sondern um Partikularinteressen durchzusetzen. Das Paradox: 86% der befragten Harvard-Alumni bestätigen, dass Lobbyismus dem Gemeinwohl schadet. Aber nur 21% sehen das Problem bei der eigenen Firma.

Diese kollektive Verzerrung der Wirklichkeit  perpetuiert ein politisches System, das weder Standort-Reformen noch Wettbewerbspolitik durchsetzt – genau die Bereiche, die Gutiérrez/Philippon und Porter/Rivkin als kritisch identifizieren. Die Wirtschaft profitiert kurzfristig durch die systematische Beeinflussung von Regulierungsbehörden, untergräbt aber langfristig die institutionellen Grundlagen der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Der Kreislauf schließt sich: Schwache Institutionen → höhere Lobbying-Returns → stärkere Partikularinteressen → schwächere Institutionen.

Implikationen

Diese Synthese hat drei unbequeme Konsequenzen:

Erstens: Industriepolitik ohne Wettbewerbspolitik verpufft. Subventionen, Steuererleichterungen oder Infrastrukturprogramme können Symptome lindern, aber sie durchbrechen den Kreislauf nicht, solange Marktstrukturen Investitionsanreize ersticken.

Zweitens: Der aktuelle KI-Investitionsboom (2024-26) verdeckt das strukturelle Problem nur temporär. Die Hyperscaler-Capex konzentriert sich bei denselben Oligopolisten, die Gutiérrez/Philippon als Teil des Problems identifizieren. Wenn dieser Zyklus endet – und viele Analysten sehen ihn bereits 2026 abflachen – bleibt die doppelte Erosion unverändert bestehen.

Drittens: Die europäische Situation ist nicht besser, nur anders konfiguriert. Europa hat nicht das US-Problem übermäßiger Konzentration, sondern das Gegenproblem fehlender Skalierung. Aber auch hier gilt: Schwache Standortfaktoren (Fragmentierung, Regulierung, Kapitalmarktversagen) und verzerrte Marktstrukturen (nationale Champions ohne Wettbewerbsdruck) verstärken sich gegenseitig. Der Mechanismus ist derselbe, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Fazit

Porter/Rivkin und Gutiérrez/Philippon liefern keine konkurrierenden, sondern sich ergänzende Erklärungen für den strukturellen Abstieg der US-Wirtschaft seit den frühen 2000er Jahren. Wer nur eine Seite des Problems adressiert, ignoriert die Rückkopplungseffekte. Die unangenehme Wahrheit: Dieser Teufelskreis lässt sich nur durch gleichzeitige Intervention auf beiden Ebenen durchbrechen – institutionelle Reformen UND rigorose Wettbewerbspolitik. Alles andere ist kosmetische Krisenbekämpfung.

Ralf Keuper


Quellen:

Porter, M. E., & Rivkin, J. W. (2012). The Looming Challenge to U.S. Competitiveness. Harvard Business Review.

Problems Unsolved and a Nation Divided: The State of U.S. Competitiveness 2016

Porter, M. E., & Rivkin, J. W. (2016). U.S. Competitiveness Project. Harvard Business School.

A RECOVERY SQUANDEREDThe State of U.S. Competitiveness 2019 https://www.hbs.edu/competitiveness/Documents/a-recovery-squandered.pdf

Gutiérrez, G., & Philippon, T. (2017). Declining Competition and Investment in the U.S. NBER Working Paper 23583.