Als der französische Journalist, Essayist, Medienmanager und Politiker Jean-Jacques Servan-Schreiber 1968 seine „Amerikanische Herausforderung“ formulierte, benannte er präzise, was Europa tun müsste, um technologisch wettbewerbsfähig zu bleiben. Sechs Jahrzehnte später zeigt sich ein erstaunliches Muster: Von der Solarindustrie über Batterietechnologie bis zu Halbleitern wiederholt sich ein ähnlicher Verlauf. Warum folgen europäische Technologieinitiativen einem so stabilen Reaktionsmuster – und was lässt sich daraus für den Umgang mit künftigen Herausforderungen lernen?


Prolog: Eine unheimliche Aktualität

Als Jean-Jacques Servan-Schreiber 1968 „Die amerikanische Herausforderung“ veröffentlichte, formulierte er sechs Punkte für eine europäische „Gegenoffensive“: Schaffung großer Industriekomplexe mit moderner Geschäftsführung, Auswahl von Schlüsseltechnologien, europäischer Föderalismus, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Staat, intensive Bildung und – als Voraussetzung für alles andere – eine „Erneuerung der Eliten und der sozialen Beziehungen“.

Die Lektüre dieses Textes im Jahr 2026 ist bemerkenswert. Nicht etwa, weil die Analyse historisch wirkt, sondern weil sie mit erstaunlicher Präzision aktuelle Debatten über Chips, Batterien und digitale Souveränität vorwegnimmt. Die Frage stellt sich: Warum liest sich eine Analyse von 1968 wie eine Beschreibung heutiger Herausforderungen? Und warum scheinen die damals vorgeschlagenen Lösungswege noch immer nicht umgesetzt?

Ein wiederkehrendes Muster

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass europäische Reaktionen auf technologische Herausforderungen einem erstaunlich stabilen Ablauf folgen:

Phase 1: Verzögerte Erkenntnis
Die strategische Bedeutung einer neuen Technologie wird erkannt – häufig zu einem Zeitpunkt, an dem andere Akteure bereits signifikante Marktpositionen aufgebaut haben.

Phase 2: Politische Initiative
Es folgt eine große politische Ankündigung: Ein „European X Act“, eine „Alliance“, ein Programm mit substanziellen Mitteln. Die Kommunikation betont Souveränität, Autonomie und Zukunftsfähigkeit.

Phase 3: Konsortiale Organisation
Um verschiedene Interessen zu integrieren, entsteht eine Struktur mit zahlreichen Beteiligten – nationale Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verbände. Governance-Fragen rücken in den Vordergrund.

Phase 4: Prozess-Fokussierung
Die Abstimmung zwischen den Beteiligten, die Einhaltung von Meilensteinen und die Erfüllung formaler Anforderungen absorbieren erhebliche Ressourcen.

Phase 5: Begrenzte Marktwirkung
Die Initiative generiert Berichte und Kommunikation, erreicht aber keine signifikante Marktrelevanz. Entweder endet sie oder existiert mit reduzierter Sichtbarkeit weiter.

Phase 6: Wiederholung
Die nächste Technologiewelle wird mit ähnlichen Ansätzen adressiert.

Technologiewellen im Vergleich

Solarindustrie: Ein Fallbeispiel

Anfang der 2000er Jahre befand sich Deutschland in einer Führungsposition in der Solarindustrie. Unternehmen wie Q-Cells und Solarworld waren international sichtbar, staatliche Förderung schien den Weg zu ebnen. Innerhalb weniger Jahre verschob sich die Marktposition fundamental. Heute dominieren asiatische Hersteller sowohl die Produktionskapazitäten als auch zunehmend die Technologieentwicklung.

Die Gründe für diese Entwicklung sind komplex – von Förderpolitik-Änderungen über Unterschätzung globaler Wettbewerber bis zu Kostenstrukturen. Bemerkenswert ist weniger das Ergebnis selbst als vielmehr, dass diese Erfahrung wenig Einfluss auf spätere Initiativen hatte.

Batterietechnologie: Die European Battery Alliance

Als die strategische Bedeutung der Batterieproduktion deutlich wurde, erfolgte 2017 die Gründung der European Battery Alliance – ein Zusammenschluss zahlreicher Akteure mit dem Ziel, europäische Produktionskapazi…