17.600 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland – Rekordhoch seit zwei Jahrzehnten. Insolvenzforscher Steffen Müller beschwichtigt: kein Niedergang, sondern produktive Marktbereinigung. Diese Diagnose verschleiert, was empirisch längst sichtbar ist. Deutschland vollzieht keinen Schumpeterschen Strukturwandel, sondern eine selbstverschuldete Regression: Hochproduktive Industriearbeitsplätze verschwinden, während binnenorientierte Dienstleistungen expandieren. Die Qualität der Wertschöpfung sinkt, nicht die Zahl der Beschäftigten. Was als unvermeidlicher Wandel verkauft wird, ist das Ergebnis spezifischer Policy-Entscheidungen – und die Weigerung, ihre Konsequenzen beim Namen zu nennen.


Die Beruhigungsrhetorik der Deindustrialisierung

Wenn Insolvenzen als Marktbereinigung verklärt werden

Als die Insolvenzstatistik für 2025 veröffentlicht wurde – 17.600 Firmenpleiten, höchster Stand seit 2005, deutlich über dem Niveau der Finanzkrise – reagierte die wirtschaftswissenschaftliche Zunft mit jener Mischung aus Gelassenheit und methodischer Kühle, die regelmäßig als Expertise durchgeht. Steffen Müller vom IWH-Institut Halle versah die Zahlen mit dem akademischen Imprimatur: kein Zeichen des Niedergangs, sondern normaler Marktwirtschaftsprozess. Unproduktive Firmen werden aussortiert, innovative erhalten Raum. Schumpetersche kreative Zerstörung in Reinform.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Widerstand gegen Deindustrialisierung ist das Problem, nicht die Deindustrialisierung selbst. Wer sich dagegen stemmt, verharrt in überkommenen Strukturen. Wer sie akzeptiert, öffnet sich dem Fortschritt.

Diese Argumentation ist nicht nur haarsträubend, sie ist gefährlich. Sie verwechselt statistisches Gleichgewicht mit ökonomischer Substanz und deutet strukturelle Erosion in produktive Dynamik um. Müllers These setzt voraus, was empirisch nicht stattfindet: dass die freigesetzten Ressourcen – Kapital, Qualifikationen, Wertschöpfungsketten – tatsächlich in produktivere Verwendungen wandern. Schumpeters kreative Zerstörung funktioniert aber nur unter einer Bedingung: Das Neue muss entstehen und das Alte übertreffen. Genau das geschieht in Deutschland nicht.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 2025 verlor die deutsche Industrie netto 143.000 Arbeitsplätze – 392 pro Tag, ein Minus von 1,8 Prozent auf 7,9 Millionen Beschäftigte. Der Dienstleistungssektor schuf im gleichen Zeitraum 164.000 Jobs, davon 205.000 in Gesundheit und öffentlichem Dienst. Nominell ergibt sich ein Beschäftigungsplus von rund 21.000. Die Bundesregierung kann verkünden: Der Arbeitsmarkt bleibt stabil. Strukturwandel vollzieht sich geordnet.

Doch hinter diesem nominalen Gleichgewicht verbirgt sich ein qualitativer Kollaps. Es ist, als würde man den Verlust eines Chemieingenieurs durch die Einstellung zweier Pflegekräfte kompensieren – statistisch ausgeglichen, ökonomisch katastrophal. Hochproduktive, exportorientierte Arbeitsplätze in Automobil, Chemie und Maschinenbau mit hoher Wertschöpfung pro Kopf werden ersetzt durch binnenorientierte Dienstleistungen mit geringerer Produktivität, niedrigerer Exportintensität und höherer Staatsabhängigkeit. Der Industrieanteil am BIP sinkt weiter auf rund 23 Prozent, getrieben durch Energiekosten, die drei- bis fünffach über US- und China-Niveau liegen, Regulierungskosten, die mittelständische Fertigung unrentabel machen, und eine Zinspolitik, die kapitalintensive Produktion bestraft.

Der obligatorische Verweis auf IT- und Digitalwachstum wirkt wie ein statistisches Feigenblatt. Neun- bis zwanzigtausend neue Jobs im Digitalsektor, Umsatzplus von vier bis sechs Prozent – diese Zahlen sind größenordnungsmäßig irrelevant gegen 143.000 verlorene Industriearbeitsplätze. Sie sind produktivitätsmäßig unterlegen, weil Software-Dienstleistung nicht die Exportmultiplikatoren der Maschinenbauindustrie erreicht. Und sie sind strukturell abhängig, weil deutsche IT-Firmen selten Plattformbetreiber sind, sondern Zulieferer für US-Technologien. Deutschland nutzt digitale Tools, schafft aber keine digitalen Ökosysteme mit Netzwerkeffekten. Die Fehlschläge von Gaia-X, Catena-X und Wero dokumentieren diese Unfähigkeit mit ermüdender Regelmäßigkeit.

Was Müller als Marktbereinigung deutet, ist in Wahrheit Ausdruck eines Systemfehlers. Die 17.600 insolventen Unternehmen scheitern nicht an mangelnder Wettbewerbsfähigkeit im engeren Sinne, sondern an nicht-wettbewerblichen Standortbedingungen. Energiekosten sind politisch induziert durch Abschaltungen und fehlende Infrastruktur. Die EZB-Straffung trifft den kapitalintensiven Mittelstand härter als Dienstleister. Bürokratiekosten skalieren nicht mit Unternehmensgröße und wirken progressiv für Kleine. Diese Firmen scheitern an exogenen Schocks, nicht an endogener Unproduktivität. Ihre Insolvenz ist kein Markturteil über ineffiziente Ressourcenallokation, sondern Symptom politischer Fehlsteuerung.

Historisch erfolgreiche Strukturwandel – die USA in den Siebziger- bis Neunzigerjahren vom Rust Belt zu Silicon Valley, Südkorea von der Landwirtschaft zur Elektronik – zeigen drei Merkmale: Überlappung, Überlegenheit, Einbettung. Neue Sektoren wachsen, bevor alte kollabieren. Sie erreichen höhere Produktivität als die alten. Institutionelle Kapazitäten werden umgewidmet, nicht vernichtet. Deutschland 2025 erfüllt keine dieser Bedingungen. IT und Green Tech wachsen zu langsam. Die Produktivität sinkt, weil Gesundheit und öffentlicher Dienst expandieren.

Qualifikationen verfallen – der Chemieingenieur wird arbeitslos, nicht Softwareentwickler.
Was Deutschland vollzieht, ist kein progressiver Strukturwandel zu höherer Gesamtproduktivität, sondern ein regressiver Wandel von exportorientierter Industrie mit Skalenerträgen, eingebetteten Innovationsnetzwerken und hoher Kapitalintensität hin zu binnenorientiertem Dienstleistungssektor mit linearen Skalierungen, geringer Exportfähigkeit und niedriger Kapitalintensität. Das ist Regression zur vorindustriellen Wirtschaftsstruktur – nur mit höheren Staatsausgaben statt Landwirtschaft.

Die Rhetorik vom Widerstand gegen Deindustrialisierung enthält eine perfide Umkehrung. Sie suggeriert, Deindustrialisierung sei ein objektiver, quasi-naturgesetzlicher Prozess, dem sich Deutschland zu lange widersetzt habe. Tatsächlich ist sie Ergebnis spezifischer politischer Entscheidungen: Energiepreise, Regulierung, Subventionsverzicht gegenüber dem Inflation Reduction Act oder Chinas EV-Förderung. Was als Marktlogik verkauft wird, ist politisch gewählt. Und was als unvermeidlich dargestellt wird, ließe sich korrigieren – wenn die Bereitschaft dazu bestünde.

Müllers Kommentar reiht sich ein in eine Tradition deutscher Wirtschaftsbeobachtung, die strukturelle Krisen reflexhaft als heilsame Korrekturen deutet. Von der Agenda-2010-Rhetorik bis zur Fit-for-55-Logik folgt die Argumentation einem identischen Muster: Krise diagnostizieren, als überfällige Bereinigung umdeuten, Hoffnung auf automatische Regeneration setzen. Wenn die Regeneration ausbleibt, wird nicht die Strategie korrigiert, sondern die Diagnose wiederholt.

Scheitern gilt nicht als Falsifikation, sondern als Bestätigung, dass mehr vom Gleichen nötig ist.
Diese Selbstberuhigung der Experten erfüllt eine wichtige Funktion. Sie erspart die schmerzhafte Einsicht, dass Deutschland eine selbstverschuldete, vermeidbare Deindustrialisierung betreibt. Sie legitimiert Politik-Kontinuität auch angesichts evidenten Versagens. Und sie stabilisiert eine Diskursformation, in der jede fundamentale Kritik als Fortschrittsverweigerung diskreditiert werden kann. Wer auf die Daten verweist – 143.000 verlorene Industriejobs, kein adäquater Ersatz, sinkende Wertschöpfungsqualität – wird als Nostalgiker etikettiert, der den Wandel nicht akzeptieren will.

Die Insolvenzwelle 2025 ist kein Betriebsunfall, sondern Symptom eines Systems, das seine eigenen Erosionsprozesse nicht mehr wahrnehmen will. Müller prognostiziert für 2026 weitere Anstiege, da die Frühindikatoren steigen. Man darf gespannt sein, welche Beruhigungsformeln dann gefunden werden.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Deutschland sich gegen Deindustrialisierung stemmen sollte. Die Frage ist, warum es sich für Deindustrialisierung entschieden hat – und warum diese Entscheidung nicht als solche benannt werden darf. Solange Insolvenzen als Marktbereinigung verklärt werden statt als Versagen von Standortpolitik, solange Wertschöpfungsverlust als Strukturwandel euphemisiert wird, solange wird sich nichts ändern. Die Räder werden sich weiterdrehen. Das Festsitzen wird tiefer. Und die Experten werden erklären, das sei ganz normal.


Quellen: 

Insolvenzen 2025

Creditreform – „Insolvenzen in Deutschland, Jahr 2025“
Beschreibt das Insolvenzgeschehen 2025: 23.900 Unternehmensinsolvenzen (+8,3%), ca. 76.300 Privatinsolvenzen, starker Anstieg bei Kleinstunternehmen und hohe Schäden von 57 Mrd. Euro.

https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/insolvenzen-in-deutschland-jahr-2025

Creditreform – „Insolvenzen: 10-Jahres-Hoch erreicht“
Fasst die Ergebnisse der Jahresstudie zusammen und betont das 10‑Jahres‑Hoch sowie die hohen Ausfallbeträge pro Fall.

https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/insolvenzen-10-jahres-hoch-erreicht

Destatis – Regelinsolvenzen November 2025
Amtliche Monatszahlen: +5,7% mehr Regelinsolvenzen als im Vormonat, plus detaillierte Branchenauswertung.

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_449_52411.html

Destatis – Regelinsolvenzen Dezember 2025
Meldet +15,2% mehr Regelinsolvenzen als im November und zeigt die Dynamik zum Jahresende 2025.

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_012_52411.html

IWH – „IWH-Insolvenztrend: Firmenpleiten 2025 auf höchstem Stand seit zwei Jahrzehnten“
Gibt die Zahl von 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften an, ordnet sie historisch ein und interpretiert sie als Marktbereinigung, nicht als reine Katastrophe.

https://www.iwh-halle.de/presse/pressemitteilungen/detail/iwh-insolvenztrend-firmenpleiten-2025-auf-hoechstem-stand-seit-zwei-jahrzehnten

Deindustrialisierung und Arbeitsmarkt

Finanzmarktwelt – „Deindustrialisierung in 2025: Deutschland verlor 392 Arbeitsplätze pro Tag“
Rechnet vor, dass 2025 insgesamt 143.000 Industriearbeitsplätze verschwanden (–1,8%), während Dienstleistungen 164.000 Stellen schufen, und kritisiert, dass dies Deindustrialisierung statistisch kaschiert.

https://finanzmarktwelt.de/wie-neue-jobs-beim-staat-die-deindustrialisierung-verdecken-374807

bpb – „Was bleibt von Deutschlands Industrie übrig?“
Analysiert Strukturwandel, sinkenden Industrieanteil und die Unterschiede zu Dienstleistungsjobs.

https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/zahlenbitte/558268/5-was-bleibt-von-deutschlands-industrie-uebrig

Stiftung Marktwirtschaft – „Auf den Punkt: Deindustrialisierung 2025“ (PDF)
Zeigt, wie der Industrieanteil am BIP auf etwa 23% sinkt und welche Standortrisiken daraus folgen.

https://www.stiftung-marktwirtschaft.de/wp-content/uploads/2025/06/Auf-den-Punkt_05_Deindustrialisierung_2025_WEB.pdf

Medienberichte und Kontext

Tagesschau / Deutschlandfunk / Wiwo etc.
Mehrere Beiträge visualisieren die Creditreform‑Daten, sprechen von einem Zehn‑Jahres‑Hoch bei Insolvenzen und schätzen rund 285.000 betroffene Beschäftigte.

Beispiel:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/insolvenzen-creditreform-100.html

Stern – „Firmeninsolvenzen 2025 auf höchstem Stand seit 20 Jahren“

https://www.stern.de/gesellschaft/regional/sachsen-anhalt/firmeninsolvenzen-2025-auf-hoechstem-stand-seit-20-jahren-37021660.html