“beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater” von Thomas Leif

Von Ralf Keuper

Die Strategieberatung war über einen langen Zeitraum die Königsdisziplin einer Branche, die in den Nachkriegsjahrzehnten – vor allem in Deutschland  – einen Boom erlebte. Die Nachfrage nach Beratungsleistungen ist ungebrochen. Sie betrifft jedoch im hohem Maß die IT-Beratung; die Strategieberatungen haben es dagegen zunehmend schwer, Gehör in den Vorstandsetagen zu finden. Die Bereitschaft, die alten Kollegen mit Aufträgen zu versorgen, ist im Top-Management längst nicht mehr so weit verbreitet, wie in den 1980er und 1990er Jahren. Mit dazu beigetragen hat sicherlich auch die vielzitierte Digitalisierung, die Entstehung neuer Milliardenkonzerne fast aus dem Nichts, die wiederum die alten Champions in der Automobilindustrie, in den Medien und im Banking alt aussehen lassen. Deren Gründer kamen ohne den Rat von McKinsey & Co. aus. Hätten sie deren Standardvorgehen übernommen, sie wären wohl nie an den Start gegangen. Mit der Kreierung neuer sog. disruptiver Unternehmen werden McKinsey, Boston Consulting, Bain oder Roland Berger kaum in Verbindung gebracht. Ihre Stärke liegt in der Analyse, in der Optimierung des Bestehenden. Skandale wie um Enron oder den langjährigen McKinsey Chef Gupta haben das Ansehen der “Lords of Strategy” indes beschädigt (Vgl. dazu: McKinsey auf Abwegen?). Die Erfolgsbilanz ist häufig – messbar – mager. Trotz der durchwachsenen Performance der Beratungen sind selbst Gewerkschaften und Ministerien (Hartz-Reform, Bamf) nicht abgeneigt, auf deren Expertise zurückzugreifen.

Insofern hat Martin Leicht mit seinem Buch beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater leichtes Spiel. Für den Erfolg der großen Beratungen macht Leicht zwei Faktoren aus: Kommodifizierung und Kolonisierung.

Zur Kommodifizierung:

“Kommodifizierung” bedeutet die Kodifizierung individuellen Wissens und die Abstraktion der Rohinformation. Es geht darum, Wissen in Produkte zu fassen. Damit wird innerhalb eines Unternehmens eine Standardisierung der Probleme und Lösungsansätze erreicht. Dies ermöglich den Einsatz junger – und das heisst letztlich billiger – Mitarbeiter. Auch der Transfer des Wissens über nationale Grenzen gestaltet sich durch Kommodifizierung einfacher.

Also ein durchaus wirtschaftliches Vorgehen: Das Wissen standardisieren, in Produkte packen und junge Mitarbeiter mit der Ausführung in der Praxis beauftragen. Wenn allerdings bei der Beratung auf Standards zurückgegriffen wird und kaum zwischen den Kunden differenziert wird, dann kann eigentlich auch nicht viel mehr als Standard, Durchschnitt als Ergebnis herauskommen.

Zur Kolonialisierung:

Kolonisierung steht für die Anwendung des vorhandenen Wissens auf neue professionelle Felder.

Als Beispiel nennt Leicht den Einstieg der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (Deloitte, Ernst & Young, PwC, KPMG, Accenture) in das Beratungsgeschäft.

Als wahre Goldgrube hat sich der IT-Bereich in den letzten Jahren erwiesen.

Berateraufträge im IT-Bereich können die Kunden ein Vermögen kosten. Offenbar geht es nicht immer um die beste Lösung, sondern um die teuerste.  …

Die Kluft zwischen Prozessen und Technik gilt unter Beratern als der komplizierteste Störfaktor bei der Entwicklung einer Systemarchitektur. Hier müssten – so der Konsens unter IT-Spezialisten aus der Praxis – Veränderungen vorgenommen werden, um Projektkosten und Projektrisiken zu verringern. Ein guter Vorsatz: Doch dann würden die Einnahmen der Berater abschmelzen.

Mit der Innovationsfähigkeit der Beraterbranche steht es, wie Walter Kriechel in The Lords of Strategy moniert, seit Jahrzehnten nicht zum besten. Es fällt auf, dass die Kunden bzw. Branchen, welche im großen Umfang Beratungsleistungen nachgefragt haben und noch immer nachfragen, wie die Automobilindustrie, die Medienindustrie und die Bankenbranche, den Anschluss entweder bereits verpasst haben (Medien) oder kurz davor sind (Automobilindustrie, Banken).

Die Digitalisierung bzw. die digitale Transformation der Unternehmen ist das neue Tätigkeitsfeld der Beratungen. Mittels Big Data sollen die Unternehmen neue Märkte erschließen, Kunden begeistern und  natürlich auch das Geld für die Beratungsleistungen verdienen. Die Berater selber wollen mit digitalen Angeboten den Wandel meistern, wie in Digitale Unternehmensberatung steht noch am Anfang berichtet wird.

Beratungshäuser wie McKinsey sind nicht untätig geblieben. Im Jahr 2016 übernahm McKinsey die Designagentur Veryday. Ein Rat übrigens, der auf diesem Blog bereits 2013 in Unternehmensberater: Gefangen in der Welt von Gestern gegeben wurde 😉

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