The ‘New’ Digital Economy and Development

This technical note frames the ‘New’ Digital Economy (NDE) as including, most prominently: 1) advanced manufacturing, robotics and factory automation, 2) new sources of data from mobile and ubiquitous Internet connectivity, 3) cloud computing, 4) big data analytics, and 5) artificial intelligence. The main driver of the NDE is the continued exponential improvement in the cost-performance of information and communications technology (ICT), mainly microelectronics, following Moore’s Law. This is not new. The digitization of design, advanced manufacturing, robotics, communications, and distributed computer networking (e.g. the Internet) have been altering innovation processes, the content of tasks, and the possibilities for the relocation of work for decades. However, three features of the NDE are relatively novel. First, new sources of data, from smart phones to factory sensors, are sending vast quantities of data into the “cloud,” where they can be analysed to generate new insights, products, and services. Second, new business models based on technology and product platforms — platform innovation, platform ownership, and platform complimenting — are significantly altering the organization of industries and the terms of competition in a range of leading-edge industries and product categories. Third, the performance of ICT hardware and software has advanced to the point where artificial intelligence and machine learning applications are proliferating. What these novel features share is reliance on very advanced and nearly ubiquitous ICT, embedded in a growing platform ecosystem characterized by high levels of interoperability and modularity. The NDE appears poised to extend the organizational and geographical fragmentation of work into new realms, including formerly indivisible and geographically rooted activities that reside at the front end of global value chains, especially R&D, product design, and other knowledge-intensive and innovation-related business functions. The impact on jobs and international competition will crucially depend on the pace of change and the ability of organizations and societies to manage it. This technical note discusses how the NDE can be defined, explores its likely implications for the location of innovation and manufacturing, notably involving developing countries. The likely implications for smaller and developing country firms are discussed, as are positive and negative scenarios for society in general.

Quelle / Link: The ‘New’ Digital Economy and Development

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Standardization in Technology-Based Markets

The complexity of modern technology, especially its system character, has led to an increase the number and variety of standards that affect a single industry or market. Standards affect the R&D, production, and market penetration stages of economic activity and therefore have a significant collective effect on innovation, productivity, and market structure. Standards are classified into product-element and nonproduct categories because the two types arise from different technologies and require different formulation and implementation strategies. Because standards are a form of technical infrastructure, they have considerable public good content. Research policy must therefore include standardization in analyses of technology-based growth issues.

Quelle / Link: Standardization in Technology-Based Markets

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Kate Raworth: Donut-Ökonomie

Weitere Informationen:

“Donut-Ökonomie”: Vom Mut, eine neue Ökonomie zu denken

 

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Die Rolle des Galeristen bei der Reduktion von Unsicherheit auf dem Kunstmarkt

Auf einem Markt werden Waren gehandelt. Da Kunstwerke gehandelt werden läßt sich unterstellen, daß es einen Markt für Kunst gibt, den Kunstmarkt. Dennoch wird diese Ökonomisierung des künstlerischen Wertes den einen oder anderen stutzig machen und die Vermutung liegt nahe, daß es wahrscheinlich einige Unterschiede zu anderen Märkten geben wird. Aus diesem Grund soll der Kunstmarkt zunächst auf einige Grundtatbestände des Wirtschaftens und seine Eigenschaften als Markt hin untersucht werden. Dabei werden einfache volkswirtschaftliche Überlegungen zugrunde gelegt.

Quelle / Link: Die Rolle des Galeristen bei der Reduktion von Unsicherheit auf dem Kunstmarkt 

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“Informationelle Selbstbestimmung und der Schutz der Privatsphäre liegen bei dem, der die Daten bereitstellt. Der ökonomische Nutzen übrigens auch” – Interview mit Hans-Jörg Naumer (Allianz Global Invest)

Hans-Jörg Naumer

Monopole und Oligopole tendieren dazu, ihre Macht zu missbrauchen und Wettbewerb zu unterbinden. Als Paradebeispiel für ein Oligopol galten bislang die Ölkonzerne. Dieser Befund trifft mittlerweile auch auf die Datenökonomie mit ihren Hauptakteuren Google, facebook, Amazon, Alibaba & Co. zu. Die Ölkonzerne mussten noch das Land von den Eigentümern erwerben, um an den Rohstoff zu gelangen; in der Datenökonomie werden die Eigentümer als Produzenten und Eigentümer der Daten für deren Überlassung dagegen nicht bezahlt. Der derzeitige Deal ist von einem Machtungleichgewicht geprägt. Die Nutzer haben kaum eine echte Alternative. Entweder sie stimmen den Geschäftsbedingungen zu oder sie können die Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen. Es fehlt echter Wettbewerb. Im Gespräch erläutert Hans-Jörg Naumer (Foto),  Global Head of Capital Markets & Thematic Research von Allianz Global Investors, warum das Eigentum an den Daten unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft ist, wie Daten-Genossenschaften und Datenportabilität für mehr Wettbewerb sorgen könnten und warum das Ende der Privatheit den Beginn der Diktatur bedeutet. Vor wenigen Wochen veröffentlichte Hans-Jörg Naumer den Beitrag Die Facebook-Genossenschaft

  • Herr Naumer, in Ihrem Beitrag Die Facebook-Genossenschaft plädieren Sie für eine Alternative zum derzeit vorherrschenden Datenkapitalismus. Warum ist das nötig?

Wir alle hinterlassen unzählige Datenspuren, bewusst wie unbewusst, und trösten uns damit, dass wir ja nichts zu verbergen haben. Dabei bleibt die Grundfrage ungeklärt: Wem gehören eigentlich die Daten? Tatsache ist: Wir übereignen unsere Daten i.d.R. entgeltlos in Erwartung einer Dienstleistung und vertrauen darauf, dass uns die AGBs vor Missbrauch schützen. Diese anerkennen wir durch das Klicken auf einen Zustimmungsbutton. Eine Chance diese unseren Bedürfnissen anzupassen haben wir eh‘ nicht. Annahme oder Akzeptanz – dabei sein oder nicht, einen Mittelweg gibt es nicht. Privatsphäre gegen Bequemlichkeit, Dateneigentum gegen Anwendung heißt der unausgesprochene Trade-Off.

Wer sagt aber, dass es bei diesem Datenkapitalismus bleiben muss? Warum sollte den Datengebern, also den Nutzern, nicht ein Anteil an der Plattform gehören?

Eine Alternative wäre die Daten-Genossenschaft: Die Plattform gehört den Nutzern, nicht den Betreibern. Genossenschaftsanteile und damit Eigentums- wie Stimmrechte erhalten die Teilnehmer anteilig nach dem Datenvolumen, das sie generieren. Entsprechend werden sie auch anteilig am Gewinn beteiligt. Sie bestimmen auch, wie und wie lange ihre Daten genutzt werden.

  • Obwohl Unternehmen wie Facebook und Google die Daten der Nutzer wie ein Wirtschafts- und Handelsgut behandeln, gibt es zahlreiche Stimmen, die den Eigentumsbegriff für personenbezogene Daten ablehnen. Wie sehen Sie das?

Im Zweifel immer für das Privateigentum. Das Privateigentum ist konstitutiv für unsere Soziale Marktwirtschaft. Mag sein, dass unsere Daten erst im Zusammenspiel mit anderen Daten und Anwendungen zu Informationen werden, also einen Wert und eine Bedeutung erhalten. Ausgangspunkt sind aber wir. Ob wir sie dann verschenken, verkaufen, löschen, … das muss ganz bei uns liegen.

  • Welche Vorteile hat eine Daten-Genossenschaft für die Erzeuger der Daten, sprich die Nutzer?

Die „Genossen“ sind Eigentümer. Sie bestimmen, was mit ihren Daten geschieht. Sie entscheiden, wie lange sie, wie und vom wem genutzt werden können. Informationelle Selbstbestimmung und der Schutz der Privatsphäre liegt bei dem, der die Daten bereitstellt. Der ökonomische Nutzen übrigens auch.

Und: Wenn es keine alleinigen Besitzer – die Plattform – mehr gibt, oder Aktiengesellschaften, bei denen das Kapitaleigentum von der Zurverfügungstellung der Daten getrennt ist, wirkt dies der Kapitalkonzentration entgegen. Die Daten-Genossenschaft ist ein Mittel gegen die Ungleichheit.

  • Wenn Daten so etwas wie Vermögenswerte darstellen, bräuchten wir dann nicht wieder spezielle Institutionen, die für die sichere Verwahrung, die Bewertung und das Clearing zuständig sind – wie eine Daten-Bank e.G.?

Wir brauchen generell weitere Anbieter, denn wir brauchen Wettbewerb, ohne Wettbewerb nutzt auch eine Daten-Genossenschaft nichts. Solange Facebook et al. von dem Netzeffekt profitieren und damit hohe Marktzutrittsschranken existieren, wird die Datengenossenschaft einen leisen Tod als Papiertiger sterben.

Wenn Daten aber portabel sind, wenn sich Nutzer zwischen den Plattformen per API („application programming interface“) verbinden können, so, wie sie es auch heute schon zwischen den unterschiedlichen Mail-Anbietern tun können, dann kann sich der „Wettbewerb als herrschaftsfreier Kontrollmechanismus“ etablieren. Dann können Tüftler ein „Fairbook“ programmieren, das es mit Facebook aufnehmen kann.

  • Von der Datensammelwut ist auch das Internet of Things und damit die Industrie betroffen. Benötigen wir für die mittelständische Wirtschaft entsprechende Daten-Genossenschaften?

Ich denke, dass der Grundgedanke, dass Daten mit Eigentumsrechten verbunden die z.B. mittels einer ID auch anonym ausgetauscht werden können, sich gerade auch in der Wirtschaft entfalten sollte.

  • Wenn Daten wie “normale” Güter gehandelt werden – besteht da nicht irgendwann die Gefahr von Spekulationsblasen und massiven Abwertungen?

Warum? Besteht nicht jetzt die Gefahr, dass die Firmen, die über die Daten verfügen, überbewertet werden, z.B. weil zukünftige regulatorische Eingriffe unterschätzt werden – ebenso wie die Ausbreitung von Datengenossenschaften, welche diese Geschäftsmodelle untergraben? (lacht)

  • Werden wir – u.a. beflügelt durch den “Facebook-Skandal” – den Wert der Privatheit wieder entdecken – oder wird Privatheit überbewertet?

Die Privatsphäre wird völlig unterbewertet, denken Sie nur an Zitate wie jenes von Scott McNealy, dem ehem. CEO von Sun Microsystems: „You have zero privacy anyway. Get over it.“ Wem diese lapidare Anweisung zu wenig ist, mag sich mit Andreas Weigend trösten. Dieser stellt Privatsphäre als relativ junges Kapitel unserer Zivilisationsgeschichte dar. Da wir sie über die Jahrtausende davor offensichtlich nicht hatten, könnten wir im „Post-Privacy-Age“ dieses Kapitel auch einfach wieder schließen.

Dass dies die falsche Einstellung ist, zeigen nicht nur die jüngsten Entwicklungen in China hin zu einem Wohlverhaltensscoring, das sich u.a. auch aus sozialen Medien speist. Wer mit den falschen Leuten vernetzt ist, wird sich zukünftig auf geringere Karrierechancen einstellen müssen.

Daniel J. Solove legt sehr anschaulich dar, warum „I’ve Got Nothing to Hide“ die falsche Einstellung ist. Er sieht in der Privatsphäre unsere Würde und unsere Autonomie begründet. Ist die Privatsphäre erst einmal verschwunden, wirkt sich das auch auf unsere anderen Grundrechte wie die freie Rede, die Versammlungsfreiheit und die demokratischen Grundrechte insgesamt aus.

Gerade deshalb bin ich dafür, dass wir Dateneigentum als Recht anerkennen und sichern und dass sich neue Plattformen etablieren eben auf dem Modell der Datengenossenschaften.

Das Ende der Privatsphäre ist der Anfang der Diktatur.

  • Was denken Sie: Welchen Umgang werden wir in fünf Jahren mit unseren personenbezogenen Daten pflegen – und wie könnte/sollte die Wirtschaft darauf reagieren?

Ich fürchte, dass die Bedenkenlosigkeit mit der wir mit unseren Daten umgehen noch weiter zunimmt. Fakt ist: Wir opfern – mangels Alternativen – unsere Privatsphäre unserer Bequemlichkeit. Das liegt in der Ohnmacht des Einzelnen begründet, der sich nicht wehren kann und der gleichzeitig auf die Angebote der Informationsmonopolisten nicht verzichten will/kann. Deshalb bedarf es eines „starken Staates“ (Walter Eucken), der diesem „Laissez-Faire-Informationskapitalismus“ wie Eucken  ihn wohl nennen würde, Spielregeln vorgibt und einen funktionierenden Wettbewerb sicherstellt bzw. wieder herstellt. Die Nutzer alleine können dies nicht. Sie sehen sich dem Trittbrettfahrer-Problem gegenüber: Sie hätten z.B. gerne einen besseren Schutz ihrer Privatsphäre, sie möchten nicht im Internet von Datenkraken verfolgt werden, aber wenn sie sich alleine dagegen wehren, tun sie dies mit hohem Aufwand bei geringen Aussichten auf Erfolg. Haben sie aber Erfolg, teilen sie diesen mit allen Trittbrettfahrern, die sich nicht für Datenschutz und Privatsphäre eingesetzt haben.

Also heißt es für sie: Dabei sein und akzeptieren, oder soziale Isolation.

  • Herr Naumer, besten Dank für das Gespräch!

Crosspost von Bankstil

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Wir setzen auf KI-Anwendungen für die Veredelung unserer in Deutschland produzierten Produkte und für disruptive Geschäftsmodelle (Wolfgang Wahlster)

Wir setzen auf KI-Anwendungen für die Veredelung unserer in Deutschland produzierten Produkte und für disruptive Geschäftsmodelle durch Smart Services auf diesen Produktplattformen. Wir rüsten die deutschen Exportschlager mittels Künstlicher Intelligenz auf, in unseren Werkzeugmaschinen als Fabrikausstatter der Welt, der Medizintechnik, in unseren Autos, Agrarmaschinen und hochwertigen Haushaltsgeräten. Siemens beispielsweise ist Weltmarktführer für Hochleistungsscanner in der Medizin und die Bildinterpretation mittels KI-Systemen ist eine wesentliche Erfolgskomponente in der klinischen Praxis. Bei KI-Verfahren für autonomes Fahren haben deutsche Unternehmen erheblich mehr Patente als die Amerikaner und Chinesen.

Quelle: “Wir veredeln mit KI unsere Exporte”, Interview mit Wolfgang Wahlster, FAZ vom 25.04.18

 

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Schaffung eines Eigentums an privaten Daten wichtiger Baustein für funktionierende Märkte – Interview mit Prof. Dr. Tim Krieger (Universität Freiburg)

Prof. Dr. Tim Krieger, Bild: Thomas Kunz

Die personenbezogenen Daten sind in den letzten Jahren zu einer Währung geworden. Für die “kostenlosen” Dienste, wie Google oder facebook, bezahlen die Nutzer mit ihren Daten. Die Datenkonzerne wiederum ziehen aus der Bewirtschaftung der Daten der Nutzer, vor allem für Werbe- und Marketingzwecke, Milliardengewinne. Daten sind demnach ein wertvolles Wirtschaftsgut. Strittig ist bis heute die Frage, ob ein Eigentum an Daten besteht und wie es durchgesetzt werden kann. Was liegt da näher, als diese Frage den Ökonomen zu stellen. Besonders geeignet ist hierfür der ordnungsökonomische Ansatz, wie er von der Freiburger Schule repräsentiert wird. Im Gespräch legt Prof. Dr. Tim Krieger (Foto), der an der Universität Freiburg die Wilfried-Guth-Stiftungsprofessur für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik bekleidet, dar, warum der Eigentumsbegriff von zentraler Bedeutung für das Funktionieren von Märkten und die allgemeine Wohlfahrt ist, inwieweit die Übertragung des Eigentumsbegriffs auf die Daten zweckmäßig ist, welche Rolle die Gesetzgebung dabei spielen sollte und weshalb er die Diskussion über die Verteilungsgerechtigkeit in der Datenökonomie für nötig hält. Zusammen mit Malte Dold verfasste Krieger den Aufsatz Informationelle Selbstbestimmung aus ordnungsökonomischer Sicht

  • Herr Prof. Dr. Krieger, was macht das Thema Dateneigentum aus ordnungsökonomischer Sicht so interessant?

Der ordnungsökonomische Ansatz in der Tradition der Freiburger Schule stellt die Frage, wie die formellen und informellen Regeln einer Gesellschaft beschaffen sein müssen, damit sich eine wohlstandsfördernde und menschenwürdige Wirtschaftsordnung herausbildet. Ordnungsökonomen gehen davon aus, dass innerhalb eines sinnvoll gewählten Regelrahmens – und nur innerhalb dieses Rahmens – Markttransaktionen zu wohlfahrtsoptimalen Ergebnissen führen.

Der Freiburger Ordnungsökonom Walter Eucken (1891-1950) formuliert als Grundprinzip einer solchen Wirtschaftsordnung einen Leistungswettbewerb mit funktionierendem Preissystem und intensiven Wettbewerb, der starke Leistungs- und Innovationsanreize setzt und zugleich die Freiheit des Einzelnen schützt. Damit sich dieses Ergebnis einstellen kann, sind einige zentrale Prinzipien zu beachten, insbesondere das Prinzip des Privateigentums, d.h. der klaren Zuordnung der Eigentums- und Verfügungsrechte an materiellen und immateriellen Gütern auf private Akteure, und zum anderen das Prinzip der Vertragsfreiheit, wonach das Eigentum nach eigenem Belieben und zum alleinigen Nutzen des Eigentümers gehandelt werden kann.

Genau an dieser Stelle beginnt das ordnungsökonomische Interesse am Dateneigentum: Welche Anreize setzen die aktuellen Regeln beim Dateneigentum? Kommt es zu einer ökonomischen effizienten Nutzung von Daten? Und wenn nicht, gäbe es andere Regime des Dateneigentums, die für eine Gesellschaft vorteilhafter sind?

Etwas konkreter gesagt: Ist die aktuelle Wildwestmentalität beim Umgang mit privaten Daten und der Glauben, dass derjenige, der als erster einer Information eines Dritten habhaft geworden ist, diese nach eigenem Gutdünken verwenden darf, wirklich optimal? Private Daten, deren Wert nicht erkennbar ist, werden aus ordnungsökonomischer Sicht i.d.R. nicht optimal eingesetzt, weil der scheinbar fehlende Preis falsche Handlungsanreize setzt.

  • Kritiker des Eigentumsbegriffs verweisen gerne darauf, dass die Nutzer dadurch animiert würden, so viel Daten wie möglich preis zu geben, um einen Vorteil zu erlangen – wie im Gesundheitsbereich. Wie bewerten Sie das?

Dieses Argument überzeugt mich nicht, weil es hier implizite Annahmen getroffen werden, die ich für fragwürdig halte. So wird unterstellt, dass die Nutzer systematisch auf eine kurzfristige Einkommensmaximierung abzielen. Diese Vermutung kommt daher, dass heutzutage viele Nutzer bereit sind, selbst für primitivste Apps auf ihrem Smartphone jegliche Privatsphäre sausen zu lassen. Aber hat das wirklich etwas mit dem Dateneigentum zu tun oder nicht eher mit Unwissenheit und Ignoranz?

Die Kritiker gehen offenbar davon aus, dass mit dem Dateneigentum der Wert der Daten steigt, weshalb die Menschen noch bereitwilliger seien, ihre Daten zu verkaufen. Ein höherer Preis ist aber eben immer auch ein klarer Indikator für den Wert eines Gutes. Bei hochpreisigen Waren setzt bei den meisten Menschen jedoch ein Nachdenken – eventuell auch unterstützt durch Bildungsmaßnahmen, die bei finanziell relevanten Problemen eher angeboten werden – darüber ein, warum der Wert so hoch ist und ob man seinen „Datenschatz“ nicht vielleicht behalten sollte. Das Dateneigentum ist jedenfalls nicht der zentrale Grund, warum Menschen eine laxe Einstellung zum Schutz ihrer Daten haben, sondern eher Unwissenheit und Unsicherheit aufgrund des aktuellen Regelrahmens.

  • Die Internetkonzerne wie Google oder Facebook bewirtschaften die Daten der Nutzer als wäre es ihr Eigentum und ziehen daraus enorme Gewinne. Müssen wir uns dem Daten- bzw. Rechtsregime der Internetkonzerne beugen?

Tatsächlich scheint hier zunächst einmal ein Verteilungskonflikt zu bestehen. Die Gewinne der Internetkonzerne wären ohne die kostenfreie Verwendung der Daten der Nutzer kaum so hoch. Die Nutzer werden daran nicht beteiligt, was man als unfair ansehen könnte. Allerdings sollte man sich die Bewertung nicht ganz so einfach machen, da ja auch den Nutzern Vorteile entstehen. Je mehr private Daten in die Algorithmen von Google & Co. eingespeist werden, desto besser werden die Suchergebnisse. Ein gewisser Gegenwert besteht bei solchen Diensten also.

Problematisch wird es, wenn die privaten Daten nicht zur Verbesserung der ursprünglichen Dienstleistung, also zum Beispiel der Bereitstellung von Suchergebnissen, genutzt werden, sondern anderweitig etwa für Marketingmaßnahmen eingesetzt oder weiterveräußert werden. Die wenigsten Nutzer dürften dies wollen, jedoch haben die Internetkonzerne eine quasi-monopolistische Stellung erreicht. Suchmaschinen wie Google oder Internethändler wie Amazon sind so erfolgreich und gut, weil sie so viele Nutzer haben, deren private Daten zur Optimierung des Angebots genutzt werden. Wer anderswo sucht oder kauft, wird zumeist mit weniger präzisen Informationsangeboten vorliebnehmen müssen. Also wendet man sich doch den „Großen“ zu, was diesen Macht gibt.

Aus ordnungspolitischer Sicht ist eine derartige Machtkonzentration nicht wünschenswert, auch wenn die Qualität der Angebote bei den großen Anbietern besser ist. Um zu vermeiden, dass die Macht der Internetkonzerne irgendwann einmal missbräuchlich ausgenutzt wird, bedarf es einer sinnvollen Regulierung. Die Schaffung eines Eigentums an den privaten Daten ist dabei ein wichtiger Baustein.

  • Vor einiger Zeit regte der EU-Kommissar Günther Oettinger ein Bürgerliches Gesetzbuch für Daten an. Eine gute Idee?

Zwar ist es zu begrüßen, wenn die Politik Regeln für die Nutzung und Verwendung von Daten insbesondere Dritter angehen will. Aber die Analogie zum Bürgerlichen Gesetzbuch ist unglücklich und leitet in die Irre. Die digitale Welt ist schnell und dynamisch, das BGB ist starr und verändert sich allenfalls im Schneckentempo. Heutzutage werden durch die Macht der Algorithmen neue Normen geschaffen, denen große Teile der Weltbevölkerung folgen, während die nationale, aber auch die europäische Gesetzgebung und Rechtsprechung hoffnungslos hinterherhinken.

Was wir benötigen, sind die rechtlichen Grundlagen für eine intelligente Regulierung – national wie international. Die Regulierung muss mit der digitalen Welt mitwachsen und dabei die grundlegenden Normen, die wir uns als Gesellschaft geben, automatisch verwirklichen. Um ein Beispiel zu nennen: Der Europäische Gerichtshof hat das „Recht auf Vergessenwerden“ rechtlich verankert. Das klingt zunächst gut, aber das Recht muss individuell beantragt werden. Der einzelne Nutzer ist also nicht Herr seiner Daten, sondern ist abhängig davon, dass bspw. ein Onlinedienst seine Daten wirklich löscht. Kontrollieren und ggf. einfordern kann er dies nur mit größerem Aufwand.

Es wäre sinnvoller gewesen, die Dienste per Gerichtsbeschluss dazu zu zwingen, alle privaten Daten nach einer gewissen Zeit automatisch zu löschen. Die Daten wären dann nur zeitweise einem Unternehmen überlassen und fallen nach Ablauf der Nutzungsfrist automatisch an den Nutzer zurück, indem sie gelöscht werden. Möchte der Nutzer seine Daten weiterhin durch den Dienst verarbeiten lassen, dann steht ihm dies ja frei. Entscheidend ist aber vor allem, dass der Grundsatz der Löschung nach einer gewissen Anzahl von Jahren von technischen Entwicklungen weitgehend unabhängig ist. Er muss nur durch die Regulierungsbehörde kontrolliert bzw. durch die Rechtsprechung durchgesetzt werden. Die Aufgabe, einen Löschalgorithmus umzusetzen, läge bei den Diensten und Anwendern von Algorithmen. Dies ist ökonomisch effizienter als wenn Millionen von Nutzern mühsam Einzelanträge auf Löschung stellen. 

  • Die Rechte der Nutzer an ihren Daten werden durch neue Gesetze, wie die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gestärkt. Reicht das nicht schon aus?

Mit der Datenschutzgrundverordnung sollen Grundrechte und Grundfreiheiten natürlicher Personen, insbesondere deren Recht auf den Schutz personenbezogener Daten und der freie Verkehr solcher Daten, erstmalig in einem einheitlichen, europaweit gültigen Regelwerk geschützt werden. Das ist ein Fortschritt, denn noch vor wenigen Jahren sah die Lage bei den Datenrechten der Nutzer in Europa deutlich düsterer aus. Die Politik konnte oder wollte die Relevanz des Themas nicht sehen. Die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und anderer Gerichte hat dann zunächst die Rolle der Regulierung der Internetkonzerne übernommen. Schließlich folgte auch die Gesetzgebung, indem sie die Vorgaben der Gerichte umsetzte.

Doch bei allem Fortschritt muss klar sein, dass sich sowohl Gesetzgebung als auch Rechtsprechung noch ganz am Anfang ihrer Regulierungsaufgabe befinden, die zudem von Tag zu Tag größer wird, weil sich das Internet so dynamisch entwickelt und damit immer wieder Herausforderung für den Datenschutz aufwirft. Umso entscheidender ist es, dass allgemeine Grundsätze formuliert werden, auf die sich jeder Nutzer berufen und die er dann auch durchsetzen kann. Diese Klarheit und Eindeutigkeit besteht noch nicht. Sie kann sich aber entwickeln, wenn der politische Wille dafür vorhanden ist.

  • In der Diskussion um das Dateneigentum fällt auf, dass sich auch die Wirtschaft nicht einig ist. Während die Versicherer und der ADAC das Eigentum der Autohalter an ihren Fahrzeugdaten betonen, lehnen die Automobilhersteller diese Forderung ab. Mehr als nur die typischen Interessenkonflikte? 

Auch die Unternehmenswelt kann die Entwicklung der digitalen Welt nicht vorhersehen und ist auf mehr oder weniger unsichere Vorhersagen und Abschätzungen der Nützlichkeit des Dateneigentums für das eigene Unternehmen angewiesen. Manches davon bildet unternehmensspezifische Interessenlagen ab, anderes ist Kaffeesatzleserei. Automobilhersteller ahnen, dass ihre Kunden den Fahrkomfort und andere Eigenschaften ihrer Autos vermutlich höher bewerten als Fragen der Datenweitergabe, gerade wenn hierdurch der Komfort weiter erhöht werden könnte. Für Versicherungskonzerne geht es dagegen sehr viel mehr um das Vertrauen der Kunden. Sie müssen also das Thema Datennutzung anders betrachten und werden daher eher das Dateneigentum unterstützen. Interessant ist dabei jedoch, dass in beiden Fällen das Dateneigentum am Kundenverhalten wenig verändern dürfte. Verspricht der Autohersteller Komfort im Tausch gegen Daten, dann werden die meisten Autofahrer dieses Angebot wahrnehmen. Dagegen werden die Versicherungen bei einem ähnlichen Tauschangebot keinen dramatisch höheren Zuspruch ernten.

  • Wie müsste ein Markt für personenbezogene Daten und private Informationen beschaffen sein, damit ein Marktversagen möglichst ausgeschlossen und die allgemeine Wohlfahrt erhöht werden kann? 

Aus der ökonomischen Theorie lässt sich ableiten, dass die eindeutige Zuweisung von Eigentumsrechten und deren konsequente Durchsetzbarkeit zentrale Voraussetzungen für das Funktionieren der Märkte und damit für die Maximierung der allgemeinen Wohlfahrt sind. Aktuell sind die Eigentumsrechte nicht klar definiert – trotz Datenschutzgrundverordnung oder dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Stets gibt es weitere Akteure, die die Daten ohne Kompensation nutzen und damit das jeweilige Eigentumsrecht verwässern. Hierdurch entstehen Effizienzverluste, weil die Daten nicht mehr ihrem Wert nach bewirtschaftet werden und dadurch sehr wahrscheinlich falsch eingesetzt werden.

Die Frage ist allerdings, was passieren wird, wenn das Dateneigentum käme und dann auch durchsetzbar wäre. Würden wir tatsächlich das Entstehen von Märkten beobachten, die dann auch effizient funktionieren? Vermutlich nicht. Hierfür gibt es zwei Gründe. Erstens haben private Informationen teilweise den Charakter eines öffentlichen Guts. Sind die Daten offenbart, sind sie allgemein verfügbar und können vielen weiteren Marktakteuren Nutzen stiften. In seinem privaten Kosten-Nutzen-Kalkül wird der Dateneigentümer diese gesellschaftlich positive Wirkung, etwa in Form von besseren Suchergebnissen für jedermann, typischerweise nicht berücksichtigen. Tendenziell werden in einer solchen Gesellschaft zu wenige Daten offenbart und die Wohlfahrt ist zu gering. Zweitens dürften die Transaktionskosten, die beim Betreiben eines solchen Marktes entstehen, außerordentlich groß sein.

Hieraus folgt, dass vermutlich andere Institutionen an die Stelle des Marktes treten werden, die den Datenverkehr günstiger regeln. Beispielsweise können implizite Preise durch die Rechtsprechung entstehen: Werden Daten missbräuchlich eingesetzt, dann wird eine Strafe und ein Schadensersatz in bestimmter Höhe verhängt. Jedes Unternehmen kann dann hochrechnen, ob es sich lohnt, die Daten einzusetzen. Aktuell liegt dieser Preis leider noch zu nahe an Null, um ein Umdenken herbeizuführen, aber dies kann sich bereits durch wenige Präzedenzurteile schnell ändern. 

  • Welche Institutionen wären dazu nötig – müssten wir neue entwickeln, wie Daten-Banken für personenbezogene Daten als Clearing- und Verrechnungsstelle – könnte es demnächst Daten-Genossenschaften als Gegenwicht zu den großen Plattformen, wie Google, Amazon oder Facebook, geben?

All diese Vorschläge scheinen mir aus den zuvor genannten Gründen eher unwahrscheinlich zu sein. Vielmehr wird sich ein impliziter Preis der Datennutzung bzw. des Datenmissbrauchs bilden, der den Datenmissbrauch senken wird – vorausgesetzt, dass der Staat dann auch für die Durchsetzung der Urteile sorgt und nicht die Macht der Internetkonzerne zu groß geworden ist. Das Ergebnis wird im Idealfall identisch zu dem einer echten Marktlösung sein.

  • Wo sehen Sie derzeit den größten Klärungsbedarf in der öffentlichen Diskussion um das Dateneigentum – was kommt (noch) zu kurz?

Zu kurz kommt vor allem zwei Fragen. Erstens ist bisher zu wenig klar, was wir mit dem Dateneigentum eigentlich erreichen wollen und erreichen können. Geht es – was mir sehr sympathisch ist – darum, dass die privaten Daten der Menschen in optimaler Weise vor missbräuchlicher Nutzung geschützt sind, dann müssen wir nach den besten Wegen suchen, um dorthin zu kommen. Aus einer ordnungsökonomischen Perspektive wäre das Dateneigentum dafür eine wichtige Voraussetzung, weil sich aus ihm heraus die notwendigen Anreizstrukturen für alle beteiligten Parteien bilden, die Daten tatsächlich zu schützen. Für andere gesellschaftliche Ziele könnten andere Herangehensweisen sinnvoller sein. Zweitens taucht die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit im öffentlichen Diskurs bisher nahezu gar nicht auf. Aktuell sehen wir, dass bei den Anbietern von Internetdiensten Gewinne deshalb entstehen, weil sie die Daten privater Nutzer nahezu kostenlos einsetzen können. Man kann dies akzeptabel finden oder auch nicht – aber man sollte darüber diskutieren, damit nicht die Legitimität unserer Institutionen wie dem Staat oder dem Markt dauerhaft Schaden nimmt.     

  • Herr Prof. Dr. Krieger, vielen Dank für das Gespräch!

Zuerst erschienen auf Bankstil

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“Verwaltungsdesaster. Von der Loveparade bis zu den NSU-Ermittlungen” von Wolfgang Seibel u.a.

Bürgerinnen und Bürger demokratischer Rechtsstaaten vertrauen darauf, dass der Staat Gefahren für Leib und Leben rechtzeitig erkennt und abwendet. Versagen Staat und Verwaltung vor dieser Aufgabe, kommt es auf rigorose Ursachenanalyse und die Abschätzung allgemeiner Risikofaktoren an. Dem widmet sich dieses Buch am Beispiel von vier spektakulären Fällen. Es geht um den Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006, die Loveparade- Katastrophe in Duisburg 2010, das Versagen der Hamburger Jugendbehörden bei der tödlichen Misshandlung eines Kindes 2013 und das Unvermögen der Polizei bei der Fahndung nach den NSU-Mördern in den Jahren 2000 bis 2007. Keine dieser Tragödien, so die Autoren, war unabwendbar, alle beruhten auf Fehleinschätzungen erkennbarer Risiken, die aufgrund von Kosteneinsparungen, Konfliktvermeidung, geringer Widerstandsfähigkeit möglicher Betroffener oder der Politisierung von Fachfragen vernachlässigt wurden. Das Buch verbindet diese Fallanalysen mit einem Plädoyer für eine neue Verantwortungsethik in der Verwaltung.

Quelle: Verwaltungsdesaster. Von der Loveparade bis zu den NSU-Ermittlungen” von Wolfgang Seibel u.a. 

Weitere Informationen:

Verwaltungsforschung. Wenn Behörden Fehler machen

Verwaltungsexperte: “Neinsagen erfordert Courage”

Politisiertes Infrastrukturmanagement und physische Sicherheit

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Tech-Party! Europa-Haus versus Silicon Valley

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“Das Thema digitale Identitäten hätte sich großartig über die paydirekt-Plattform .. lösen lassen” – Interview mit Dr. Andreas Windisch (asquared)

Dr. Andreas Windisch

Die strategische Bedeutung der Digitalen Identitäten ist in den letzten Monaten in den Fokus gerückt. Beispielhaft dafür ist der Start der Daten- bzw. Login-Allianzen Verimi und netID, von YES sowie von Anbietern blockchain-basierter Lösungen wie Blockchain Helix und Idento.one. Der derzeitige Zustand, das Fehlen eines sog. Identity Layers, eines “Meta-Logins” für das Internet, spielt nach Ansicht vieler Marktbeobachter den großen Internetkonzernen (Google Amazon, facebook, Apple – GAFA) in die Hände. Einmal eingeloggt gibt es daraus kaum noch ein Entkommen (Lock-in-Effekt) – der Gewöhnungseffekt und die Bequemlichkeit tun ihr übriges. Könnten die e-Identity-Systeme, u.a. auf Basis der eID des neuen Personalausweises, eine Alternative sein? Ist die Blockchain für die Verwaltung digitaler Identitäten eine geeignete Technologie? Können die Nutzer die Hoheit, die Souveränität über ihre Daten zurückgewinnen? Erhöht der aktuelle facebook-Skandal die Sensibilität der Nutzer für den Wert und die Schutzbedürftigkeit ihrer Daten? Was müsste sich dafür auf technologischem und organisatorischem Gebiet ändern, welche Voraussetzungen müssen noch geschaffen werden? Welche Rolle hätte paydirekt spielen können? Was für Optionen bleiben den Banken noch? Auf diese und weitere Fragen gibt Dr. Andreas Windisch (Foto), Managing Director bei der asquared GmbH und überdies profunder Kenner des Marktes für Digitale Identitäten, im Gespräch Antwort. 

  • Herr Dr. Windisch, was macht das Thema Digitale Identitäten für Sie so interessant?

Ich befasse mich seit vielen Jahren mit innovativen digitalen Geschäftsmodellen. Die stetige Anpassung der Umfeldparameter des Marktes in den Bereichen Kundenerwartungen, Regulatorik und Technologie sind seit jeher Enabler für innovative Geschäftsmodelle. Für nahezu all diese Geschäftsmodelle bilden digitale Identitäten die Grundlage: So sind für die Abwicklung des Grundgeschäfts häufig gewisse personenbezogene Daten erforderlich und/oder es muss sichergestellt werden, dass die Geschäftspartner tatsächlich die sind, die sie vorgeben zu sein. Digitale Identitäten sind somit elementarer Bestandteil innovativer digitaler Lösungen, für die Stand heute jedoch in Deutschland keine übergreifende Lösung existiert. Viele Initiativen und Unternehmungen versprechen aktuell, eine solche Lösung unter Wahrung des Datenschutzes und der Privatsphäre seiner BenutzerInnen bereitzustellen und dadurch auch eine Antwort auf die vielen Datenschutzskandale zu liefern.

Die Schaffung einer adäquaten Lösung für digitale Identitäten Kompatibilität auf globaler bzw. zunächst europäischer Ebene sind gesellschaftlich höchst relevant und für mich als Informatiker und Ingenieur allein deshalb ganz besonders interessant.

Kim Cameron machte bereits im Jahr 2005 darauf aufmerksam, dass ein übergreifender Identity Layer im Internet nicht existiert und beschreibt, wie dieser Layer aussehen sollte. Damals waren die Herausforderungen auf Grund des Fehlens eines solchen Layers bereits deutlich spürbar: Es hat sich ein Flickenteppich aus Ausweichlösungen etabliert, welche Abhilfe schaffen sollten. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl digitaler Geschäftsmodelle und digitaler Ökosysteme sowie die Durchdringung des Internets im Alltag jedoch signifikant gesteigert, weshalb eine Lösung erst recht erforderlich wurde. Ein einheitlicher Identity Layer existiert jedoch nach wie vor nicht, die einhergehenden Probleme sind weiterhin präsent.

Es existieren viele interessante Ansätze für technische Standards, wie beispielsweise openID oder die Lösungen der fido Alliance, die in speziellen Sektoren, für einzelne Nutzergruppen oder bestimmte Anwendungsfälle zum Einsatz kommen. Keiner der Ansätze hat es jedoch bislang geschafft, tatsächlich übergreifend Akzeptanz zu erfahren und sich als (de-facto) Standard zu etablieren.

  • Ist der fehlende Identity Layer des Internets nicht auch der Grund dafür, dass die sog. Datenkraken wie facebook und Google ihr eigenes Rechtsregime beim Umgang mit den personenbezogenen Daten der Nutzer durchsetzen konnten?

Der Begriff Datenkrake wird häufig verwendet, ist aber sehr negativ konnotiert. Facebook und Google sind zwei Beispiele für Unternehmen, die Pioniere sind (bzw. waren) in der Erschaffung und Etablierung von datenbasierten Geschäftsmodellen. Die bekannten Datenskandale verdeutlichen, welche Gefahren in derartigen Geschäftsmodellen liegen, wenn die Themen Datenschutz, Privatsphäre und/oder Security nicht genügend ernst genommen werden.

Ich denke, ein bestehender Identity Layer hätte diese Probleme nicht vollständig verhindern können; immerhin liegt ein Großteil der Probleme auch in der unüberlegten Datenfreigabe durch die Benutzer. Facebook beispielsweise verfügt grundsätzlich über einen ordentlichen Datenfreigabemechanismus und geeignete Privatsphäreneinstellungsoptionen – aber wie schnell werden die nötigen Freigaben bereitwillig für sinnlose Spiele, Umfragen und Quiz von Drittanbietern erteilt? Die Benutzer und deren Sensibilität für das Thema Datenschutz war und ist ein ganz entscheidender Faktor für die Erfolge dieser Player.

Die Existenz eines Identity Layers hätte die mittlerweile erreichte Übermacht der GAFAs vielleicht eindämmen können. Die Benutzer wären vielleicht schon früher für die Relevanz des Datenschutzes sensibilisiert worden, Datenfreigaben mit der „echten“ Identität würden vielleicht etwas überlegter erteilt und die Reichweite der Dienste durch Like- und Login- Buttons hätte signifikant eingeschränkt werden können.

Dies nachzuholen, ist nun das erklärte Ziel laufender Initiativen – ob sie Erfolg haben werden, wird sich zeigen.

  • Welche Voraussetzungen sollten Ihrer Ansicht nach e-Identity-Systeme erfüllen, wenn sie dauerhaften Erfolg haben wollen?

Aus meiner Sicht muss hier an zwei Stellen angesetzt werden. Zunächst müssen bei der Konzeption und Entwicklung des e-Identity-Systems bzw. -Schemes selbst ein paar wichtige Dinge berücksichtigt werden. Dabei geht es im Wesentlichen um die bereits erwähnten Laws of Identity von Cameron, wobei ich noch stärker auf das Persona-Konzept sowie die technischen Voraussetzungen drängen würde, die eine Omnipräsenz des Dienstes ermöglichen. In meinem Beitrag “Erfolgsfaktoren für e-Identity-Systeme” habe ich die Erfolgsfaktoren zusammengefasst. Das ist meines Erachtens aber alles kein Hexenwerk und heutzutage leicht zu bewerkstelligen.

Viel wichtiger und tatsächlich relevant für die Etablierung eines e-Identity-Systems/Schemes ist es, bestehende Digitalisierungslücken im Alltag der Menschen durch Formulierung innovativer Anwendungsfälle – die erst durch das Vorhandensein eines übergreifenden e- Identity-Systems möglich sind – zu schließen, um somit einen für den Benutzer deutlich wahrnehmbaren Mehrwert zu schaffen. Der Erfolg dieser Systeme kommt mit der wiederkehrenden Nutzung, d.h. die Integration in häufig-frequentierte Anwendungsfälle als auch die Schaffung neuer Anwendungsfälle als Alleinstellungsmerkmal sollten im Vordergrund stehen.

  • Mit dem neuen Personalausweis (nPA) steht seit Jahren eine Lösung zur Verfügung, mit der die Nutzer ihre Identitäten im Netz verifizieren können. Warum kommt der nPA trotzdem nicht so recht vom Fleck?

Das stimmt und ich würde mich freuen, wenn ich ihn auch mal irgendwo sinnvoll nutzen könnte. Der nPA ist dem Henne-Ei-Problem erlegen, und in der aktuellen Konstellation haben weder Henne noch Ei Lust darauf, mitzuspielen. Welchen Anreiz haben Service Provider, ein teures Verfahren einzubinden, für das sie sich zunächst aufwändig zertifizieren müssen, wenn es am Ende kaum jemand nutzt? Die eID-Funktion des Personalausweises ist bei den Wenigsten aktiviert worden und wo sie aktiviert wurde, ist die zur Nutzung erforderliche PIN nicht mehr griffbereit und taucht erst Jahre später wieder auf, wenn man den PIN-Brief zufällig in wegsortierten Schreiben wiederfindet – die Ausstellung einer neuen PIN ist selbstverständlich kostenpflichtig. Aber selbst wenn der Ausweis aktiviert und die PIN parat liegt, mangelt es häufig am notwendigen Kartenleser, der teuer und nicht sonderlich nutzerfreundlich ist – Abhilfe schafft mittlerweile die AusweisApp2. Dennoch stellen all diese Hürden die Benutzer vor eine ähnliche Frage, wie bereits die Service Provider: Warum sollte ich mir das für die wenigen Anwendungsbereiche antun, wenn es doch auch anders (einfacher) geht? Erschwerend kommen Vorurteile und Vertrauensdefizite gegenüber Staat und Politik hinzu.

Vielleicht helfen die sich entwickelnden e-Identity-Systeme dem nPA aber sogar auf die Sprünge, indem er analog zur AusweisApp2 möglichst benutzerfreundlich integriert wird, für eben jene Anwendungsfälle, die tatsächlich eine Identifikation des Benutzers erfordern.

  • In letzter Zeit sind gleich mehrere Daten-Allianzen an den Start gegangen bzw. haben ihren Start angekündigt. Ist das richtige, ist das ein erfolgsversprechender Weg?

Naja… positiv hervorzuheben ist, dass das Problem scheinbar an vielen Stellen verstanden worden ist und adressiert wird, was schon mal einen ganz guten Startpunkt darstellt. Die aktuellen Identitäts- und Daten-Allianzen sind zudem mit teils unterschiedlichem Fokus unterwegs: Die netID mit vornehmlich Publisher-Partnern wird vermutlich auf Lösungen für Opt-Ins im Rahmen der kommenden ePrivacy-Richtlinie fokussieren, VERIMI ist ein branchenübergreifender Login-Dienst, YES startet aus dem Finanzdienstleistungssektor und positioniert sich als ID-Scheme und weitere spezialisiertere Initiativen wie z.B. Helix Alpha und idento.one legen den Fokus auf das Thema Daten. Fast alle Initiativen eint jedoch die Hoffnung, der de-facto Standard für den Kunden zu werden, also zukünftig als eine Art Generalschlüssel für alle digitalen Dienste zu dienen. Und an dieser Stelle beginnen meine Zweifel: Um den Generalschlüssel herum ist eine spürbare Konkurrenz erwachsen, die eigentlich unnötig ist. Die Benutzer werden sich ihre Generalschlüssel ohnehin selbst aussuchen: Ob sie nun einen Mercedes.me-Schlüssel, einen Sparkassen-Schlüssel, einen übergreifenden VERIMI- oder YES-Schlüssel oder einen web.de-Schlüssel nutzen möchten, bleibt ihnen überlassen. Wesentlich ist doch, dass alle Systeme interoperabel sind und sich die Initiatoren nicht gegenseitig Steine in den Weg legen. An dieser Stelle erhoffe ich mir die Kooperationsbereitschaft und -willigkeit aller Marktteilnehmer, denn ansonsten schadet dies wieder nur der Verbreitung aller Lösungen und „die anderen“ gehen weiterhin als Sieger vom Platz.

  • Ebenso präsent wie die Daten-Allianzen in der Berichterstattung sind die diversen Startups und Initiativen, die die Nutzer in die Lage versetzen wollen, ihre Identitäten dezentral per Blockchain zu verwalten. Könnte das eine Alternative zu den eher zentralisierten Datenallianzen sein?

Ob eine Lösung Blockchain-basiert ist oder nicht, halte ich persönlich für weniger erfolgsentscheidend. Die distributed ledger Technologie hat bekanntermaßen Vor- und Nachteile und es stellt sich eigentlich immer die Frage, ob man dem Betreiber der Identitätslösung Vertrauen schenkt oder ob man vor allem aus Vertrauensgründen versucht, das System auf mehrere Parteien zu dezentralisieren. Beide Varianten können heutzutage vergleichbar sicher implementiert werden. Wenn ich mir den Erfolg und die Verbreitung der GAFAs ansehe, bin ich sehr skeptisch, ob das Sicherheitsbedürfnis der Benutzer und die Vertrauensfrage an dieser Stelle erfolgsentscheidend für das Identitätssystem sein werden. Regulatorisch wird es nun strengere Anforderungen geben und diese werden auch durch die GAFAs umgesetzt werden. Deshalb wird der Mehrwert für den Benutzer entscheiden, weniger die technische Umsetzung.

  • Viele Branchenbeobachter halten die Banken für prädestiniert bei der sicheren Verwaltung der digitalen Identitäten. Teilen Sie die Ansicht?

Ja und nein. Auf der einen Seite sind viele der kolportierten Begründungen für die Prädestination für Banken zugegebenermaßen etwas beschönigt. So ist die Qualität der seitens der Finanzinstitute vorgehaltenen Identitätsdaten nicht immer so rosig, wie angenommen. Namensänderungen bei Heirat und Adressänderungen wegen Umzugs oder gar Kontaktmöglichkeiten werden häufig stark verzögert oder gar nicht gemeldet und korrigiert.

Finanzinstitute können auf der anderen Seite seit Jahren glaubhaft unter Beweis stellen, dass sie eine vergleichsweise sichere technische Infrastruktur bereitstellen können. Sie besitzen umfragegemäß nach wie vor einen Vertrauensvorsprung in der Gesellschaft. Darüber hinaus liegen digitale Identitäten und die Abwicklung der zugehörigen Zahlung typischerweise sehr eng beieinander, so dass die Nähe zum Finanzdienstleister auch Vorteile verspricht.

  • Könnten nicht auch die Kommunen die Rolle der Treuhänder für digitale Identitäten übernehmen?

Selbstverständlich. Wie auch beim Personalausweis sollte das Vertrauensthema dadurch kein Problem darstellen. Derartige Piloten sind beispielsweise bereits in der Schweiz in Schaffhausen und Zug auf Blockchain-Basis gestartet worden. Herausfordernd werden jedoch die dafür notwendige kurzfristige Digitalisierungsfähigkeit sowie die Abstimmung der Kommunen hinsichtlich gemeinsamer Spielregeln. Und, sobald es sich in der Wahrnehmung um kommunale oder staatliche Lösungen handelt, wird es umso relevanter sein, dass auch entsprechende e-Government-Services darüber nutzbar sind, da anderenfalls ein ähnliches Störgefühl auftreten wird, wie beim deutschen Personalausweis. Und so schnell mahlen die Mühlen in Deutschland leider noch nicht – was sehr schade ist, denn technisch wäre das alles sehr schnell machbar.

  • Im Vergleich zu anderen Ländern, wie Kanada, der Schweiz oder Norwegen, ist hierzulande noch kein einheitlicher Wille bzw. die Tendenz nach einem Standard zu erkennen. Woran könnte das liegen?

Das ist in der Tat eine unglückliche Situation und leider schon viel zu oft beobachtbar gewesen. Das Verständnis und der Wille für einen einheitlichen Standard sind schon vorhanden, leider stehen häufig Einzelinteressen im Vordergrund. In Kanada investierten die größten Banken in eine gemeinsame Lösung, in der Schweiz gibt es ein gemeinsames Industriekonsortium, in Norwegen genau ein Verfahren hinter dem sich die norwegischen Banken versammeln. In Deutschland läuft es (mal wieder) anders. Das deutsche Bankwesen ist mit seiner Drei-Säulen-Struktur zugegebenermaßen auch deutlich komplexer als jenes der benannten Länder und eine Harmonisierung der Einzelinteressen maximal herausfordernd. Das Bezahlverfahren paydirekt zeigt, dass dies zwar grundsätzlich möglich ist, aber nur dann funktionieren kann, wenn an dieser Harmonie festgehalten wird. Auch das Thema digitale Identitäten hätte sich großartig über die paydirekt-Plattform als gemeinsamer Ansatz der Deutschen Kreditwirtschaft lösen lassen – wäre man sich einig gewesen.

Leider ist immer wieder beobachtbar, dass selbst mit kleineren Funktionalitäten und Services in den Wettbewerb gegangen wird, wo es viel sinnvoller wäre, darauf zu verzichten, und diese Funktionalität als Teil eines größeren Ganzen gemeinsam zu entwickeln. Viele vor allem technische Themen sind mitnichten wettbewerbsdifferenzierend und sollten daher gemeinsam entwickelt werden, um sich stattdessen auf die relevanten Themen mit Kunden- Impact zu fokussieren. Das gilt im Banking und beim Zahlungsverkehr genauso wie beispielsweise im Handel oder beim Thema Mobilität.

Sollte niemand mehr einlenken, wird sich das Thema leider nur noch durch den (internationalen) Wettbewerb lösen lassen.

  • Was meinen Sie: Wann könnte der “Tipping Point” für die flächendeckende Nutzung digitaler Identitäten erreicht sein – welche Voraussetzungen fehlen derzeit noch?

E-Identity-Systeme wird es kurzfristig genügend geben. Es fehlt jedoch ein weites Netzwerk aus Akzeptanzstellen sowie die Kooperationsbereitschaft der Wirtschaft bei übergreifenden Services und Ansätzen im Sinne der Kunden. Weniger sinnloser Wettbewerb und Golden Cage für die Kunden, mehr Fokus auf Anforderungen der Kunden und Vielfalt in den Geschäftsmodellen.

Wirklich relevant werden digitale Identitäten nämlich erst, wenn sie in den Alltag der Menschen integriert sind und/oder eine Vielzahl von Anwendungsfällen nur noch damit möglich sind bzw. damit deutlich einfacher möglich sind. So ist das Schließen vorhandener Digitalisierungslücken und das Adressieren von Konsolidierungsmöglichkeiten der erste Schritt auf dem Weg zu einer flächendeckenden Nutzung digitaler Identitäten – mit Fokus auf insbesondere jene Bereiche, die eine verifizierte Identität benötigen, denn damit könnte noch ein Vorsprung gegenüber der internationalen Konkurrenz aufgebaut werden. Das Thema e- Government ist zwar unterwegs, wird aber sicherlich noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Beim Thema Mobilität existieren erste technische Konsolidierungsbestreben – dies anbieterübergreifend auszuweiten und als Role Model auch für andere Industrien zu verstehen, wird die Herausforderung sein.

Ich rechne aus diesen Gründen mit 3-5 Jahren für einen „Tipping Point“, bin aber zuversichtlich, dass es bereits sehr kurzfristig erste wegweisende Piloten geben wird.

  • Herr Dr. Windisch, vielen Dank für das Gespräch!

Zuerst erschienen auf Bankstil

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