Peter Druckers Innovationstheorie erklärt, warum deutsche Unternehmen systematisch an der digitalen Transformation scheitern – und warum technische Exzellenz dabei zum Verhängnis wird.


Wenn deutsche Manager über Innovation sprechen, meinen sie in der Regel eines: technischen Fortschritt. Bessere Maschinen, präzisere Fertigung, effizientere Prozesse. Diese Gleichsetzung von Innovation mit Ingenieursleistung erscheint so selbstverständlich, dass sie kaum hinterfragt wird. Dabei offenbart sie ein fundamentales Missverständnis – eines, das Peter F. Drucker bereits vor Jahrzehnten aufgeklärt hat.

In seinem Werk Innovationsmanagement für Wirtschaft und Politik formuliert Drucker eine These, die dem deutschen Selbstverständnis diametral entgegensteht: Der Begriff Innovation stammt nicht aus dem Bereich der Technik, sondern aus den Wirtschaftswissenschaften[1]Die meisten Innovationen folgen heute dem Muster des Angebotsdrucks: Eine Neuerung wird entwickelt, weil man ein „Gesetz“ unterstellt, das schon Jean Baptiste Say zu Beginn des 19. Jahrhunderts … Continue reading. Innovation lässt sich als Veränderung von Wert und Befriedigung definieren, die der Verbraucher aus Ressourcen erhält. Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Konsequenzen.

Die Ressourcen-These

Druckers Innovationsverständnis ist radikal anti-romantisch. Die Innovation sei das spezifische Instrument des Unternehmers, schreibt er. Innovation bedeute, Ressourcen mit neuen wohlstandsschaffenden Kapazitäten zu versehen. Durch Innovation würden sogar Ressourcen geschaffen. Ressourcen entstünden erst dann, wenn der Mensch etwas in der Natur Vorhandenes nutzbar mache und so mit wirtschaftlichem Wert ausstatte.

Diese Definition verschiebt den Fokus entscheidend. Innovation ist nicht die Erfindung eines neuen Produkts oder Verfahrens – sie ist die Neukonfiguration von Ressourcen zur Wertschöpfung. Ein Unternehmen kann technisch brillant sein und dennoch an Innovation scheitern, wenn es nicht versteht, wie sich Wert für den Kunden verändert.

Die deutsche Automobilindustrie liefert dafür ein Lehrstück. Jahrzehntelang definierten deutsche Hersteller den Wert eines Automobils über Verarbeitungsqualität, Motorleistung und Fahrwerk. Als Tesla den Wert neu definierte – Software, Updates, Nutzererlebnis – reagierten sie mit dem, was sie am besten können: besseren Motoren. Die technische Antwort auf eine soziologische Frage.

Unternehmertum als erlernbare Verhaltensweise

Ebenso anti-romantisch ist Druckers Verständnis des Unternehmers selbst. Unternehmertum sei kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Verhaltensweise, die nicht auf Intuition, sondern auf Konzept und Theorie beruhe. Dieser Satz widerspricht dem deutschen Ingenieurs-Mythos des genialen Erfinders, der durch technische Brillanz triumphiert.

Die Konsequenz ist weitreichend: Wenn Unternehmertum keine Charaktereigenschaft ist, sondern ein erlernbares Verhalten, dann lässt es sich auch institutionell verankern – oder eben nicht. Deutsche Unternehmen haben Strukturen geschaffen, die technische Exzellenz belohnen und unternehmerisches Denken bestrafen. Wer in einem Konzern Risiken eingeht und scheitert, wird selten befördert. Wer optimiert und perfektioniert, macht Karriere.

Drucker warnt ausdrücklich: Unternehmer, die von Anfang an nur im großen Stil und im Schnellverfahren agieren wollten, würden garantiert scheitern. Stattdessen sei es besser, i…

References

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1 Die meisten Innovationen folgen heute dem Muster des Angebotsdrucks: Eine Neuerung wird entwickelt, weil man ein „Gesetz“ unterstellt, das schon Jean Baptiste Say zu Beginn des 19. Jahrhunderts formuliert hatte; demnach schaffe „sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage“. Geschieht dies nicht, wie Say angenommen hatte, selbsttätig, hilft man gegebenenfalls mit verkaufsfördernden Maßnahmen kräftig nach. So scheint es ja auch mit der „RFID“-Technik zu geschehen, in: > BEDINGUNGEN UND TRIEBKRÄFTE TECHNOLOGISCHER INNOVATIONEN< (acatech – online abrufbar)