Am 2. August 1991 veröffentlichte die WirtschaftsWoche ihren Wettbewerbsvergleich „Keine Übermenschen“ – ein Titel, der damals als beruhigende Relativierung gemeint war. Japan führte das Ranking an, Deutschland hielt Bronze. Die Botschaft: Trotz „teutonischem Jammern“ sei die Lage solide, eine Erholung mittelfristig gesichert. 34 Jahre später liest sich der Artikel wie ein Protokoll versäumter Chancen.


Eine Stimme sticht dabei heraus: Berthold Leibinger, damals VDMA-Vorsitzender und Lenker des Laserspezialisten Trumpf, analysierte die deutschen Stärken und Schwächen mit einer Präzision, die im Rückblick prophetisch wirkt. Seine Warnungen wurden nicht gehört – und beschreiben doch exakt die Lage, in der sich Deutschland – und tragischerweise auch Trumpf – heute befindet.

Die Ausgangslage 1991

Das Ranking des IMD World Competitiveness Center (damals noch unter dem Dach des Lausanner Forschungsinstituts IMD) ordnete die Industrienationen nach 20 Indikatoren und vergab maximal 2000 Punkte:

Die Autoren formulierten eine klare Prognose: „Die deutsche Position verschlechtert sich kurzfristig, wird auf mittlere Sicht aber wieder deutlich besser werden. Die Schweiz wird überholt.“ Als Bedingung nannten sie, dass die „deutsche Selbstmitleid-Demotivierungs-Spirale“ gestoppt und die Herausforderung des Wiederaufbaus im Osten angenommen werde.

Berthold Leibinger, damals VDMA-Vorsitzender und späterer Trumpf-Patriarch, brachte das deutsche Selbstverständnis auf den Punkt: „Als Deutscher kann man nie ruhig schlafen. Wir leisten uns ein Anspruchsniveau, das uns zu Höchstleistungen zwingt.“

Ein Jahr später, 1992, formulierte Leibinger im Wirtschaftsmagazin top-business die Kehrseite dieses Anspruchs mit entwaffnender Klarheit: „Wir sind nicht so viel besser, wie wir teurer sind.“ – Ein Satz, der das deutsche Dilemma auf den Punkt bringt und heute aktueller ist denn je.

Anatomie des Niedergangs

Was 1991 übersehen wurde

Der WirtschaftsWoche-Artikel identifizierte bereits zentrale Schwächen: bürokratische Hemmnisse, Defizite bei Telekommunikation und Energieversorgung, die strukturelle Abhängigkeit von Treibhauseffekten wie dem niedrigen Wechselkurs. Die Autoren warnten vor der „Verkrustung einer Gesellschaft“ am Beispiel Großbritanniens (damals Rang 12).

Was sie nicht antizipierten: Dass Deutschland exakt diesen Pfad einschlagen würde. Die Annahme, der Wiederaufbau im Osten werde für einen „Kreativitätsschub“ sorgen, erwies sich als Wunschdenken. Stattdessen konservierte die Transferunion westdeutsche Strukturen, anstatt sie zu erneuern.

Die falschen Prognosen im Detail

„Die Umwelt wird zur wichtigsten Ressource im Wettbewerb“ – Der Artikel prognostizierte, Umweltschutz werde zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Deutschland, Österreich und die Schweiz lägen hier vorn, während Japan und die USA „noch hohen Nachholbedarf“ hätten. Diese Einschätzung hat sich grundlegend gewandelt: Der Energiehunger der US-amerikanischen Tech-Konzerne und Chinas Industrie dominiert heute die Wettbewerbslandschaft. Deutschland hat sich mit der Energiewende hohe Strompreise eingehandelt, die zum Standortnachteil wurden – während die USA unter dem Inflation Reduction Act milliardenschwer in grüne Technologien investieren, ohne ihre energieintensive Industrie zu belasten. Umwelt- bzw. Klimaschutz wurde nicht zum Wettbewerbsvorteil, sondern zum Kostenfaktor.

„Die Schweiz wird überholt“ – Das Gegenteil trat ein. Die Schweiz behauptete ihre Position über drei Jahrzehnte und führt 2025 das Ranking an. Was 1991 als Nachteil galt – hohe Kosten, kleiner Binnenmarkt – erwies sich als Anreiz für Spezialisierung und Qualität.

„Schwellenländer wie Korea rücken heran“ – Korrekt, aber zu kurz gedacht. Korea (heute Südkorea) rückte nicht nur heran, sondern überholte. Im Digital Competitiveness Ranking 2024 liegt Südkorea auf Rang 6, Deutschland auf Rang 23.

„Deutschland erholt sich mittelfristig“ – Der strukturelle Niedergang setzte sich fort. Von Rang 6 (2014) fiel Deutschland auf Rang 24 (2024). Besonders dramatisch: Bei der Effizienz der öffentlichen Hand Rang 32, bei der wirtschaftlichen Effizienz Rang 35.

Was sich nicht verändert hat

Das „teutonische Jammern“, das die WirtschaftsWoche 1991 als historische Konstante seit Tacitus diagnostizierte, ist geblieben. Die Rhetorik gleicht sich: Staatsverschuldung, Inflation, Lohnkosten, schwache Währung. Doch während 1991 substanzielle Stärken dahinter standen – Facharbeiterqualifikation, Forschungstiefe, Produktqualität –, sind diese Fundamente heute porös.

Leibinger formulierte 1991 eine Warnung, die heute fast weitsichtig klingt: „Die größte Gefahr ist, daß wir uns zu sehr um die Opfer des Sozialismus kümmern und darüber den wirklichen Wachstumsmarkt im Fernen Osten vergessen.“ Er forderte gemeinsame Vertriebs- und Servicezentren in Singapur, Seoul oder Taipeh.

Max Syrbe, damals Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, sekundierte mit einer ebenso klaren Warnung: „Wenn ich an Asien denke, wo die Forschungsanstrengungen nicht nachlassen, werden wir im Wettbewerb den Anschluß verlieren.“

Drei Jahrzehnte später zeigt sich: Deutschland investierte Billionen in den Aufbau Ost, während asiatische Märkte von anderen erschlossen wurden. Leibingers eigenes Unternehmen Trumpf kämpft heute gegen chinesische Konkurrenz – auf Märkten, die man in den 1990ern hätte besetzen können. Und der Anschluss, vor dessen Verlust Syrbe warnte, ist bei Schlüsseltechnologien längst verloren.

Die strukturellen Ursachen

Der Japan-Vergleich als Warnung

Japans Absturz von Rang 1 (1991) auf Rang 38 (2024) ist noch dramatischer als der deutsche Niedergang. Die Parallelen sind frappierend: alternde Gesellschaft, bürokratische Verkrustung, Unfähigkeit zur digitalen Transformation, Festhalten an überkommenen Unternehmensstrukturen.

Der japanische Ökonom Yukio Noguchi diagnostiziert: „Senior managers have little international experience and are unable to respond flexibly to changes in the global economy.“ Die Beschreibung trifft auf deutsche DAX-Vorstände mindestens ebenso zu.

Die Digitalisierung als Scheidelinie

1991 lag Deutschland bei „Technik“ auf Rang 2 hinter Japan. Der Artikel lobte den „riesigen Vorsprung in ihrer Produkt- und Marketingstrategie“.

Im IMD Digital Competitiveness Ranking 2024:

Singapur: Rang 1
Südkorea: Rang 6
Taiwan: Rang 9
China: Rang 14
Deutschland: Rang 23
Japan: Rang 31

Die „Tiger“ Korea, Taiwan und Singapur, die 1991 als aufholende Schwellenländer galten, dominieren heute die digitale Wettbewerbsfähigkeit.

Die WirtschaftsWoche 1991 zitierte André Leysen: „Die größte Gefahr für die Deutschen ist, dass sie nicht das Leitmotiv Europa konsequent durch internationale Kapitalverflechtungen weiterverfolgen.“ 34 Jahre später existiert keine relevante europäische Digitalplattform, während US-amerikanische und chinesische Konzerne den Markt dominieren.

Selbstdiagnose ohne Selbstkorrektur: Das Erbe der Leibingers

Berthold Leibingers Satz „Wir sind nicht so viel besser, wie wir teurer sind“ ist zur Familientradition geworden: Seine Tochter Nicola Leibinger-Kammüller, die heute Trumpf führt, verwendet ihn noch immer[1]«In Deutschland sind wir ein bisschen satt geworden und rufen reflexartig nach dem Staat», sagt Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. Die Diagnose wird von Generation zu Generation weitergereicht – ohne dass die Konsequenzen gezogen würden.

Es ist die deutsche Krankheit in Reinform: Die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis bei gleichzeitiger Unfähigkeit zur Selbstkorrektur.

Berthold Leibinger sah 1991 klarer als die meisten seiner Zeitgenossen. Er forderte den Sprung nach Asien, warnte vor der Fixierung auf den Osten Deutschlands statt den Osten Asiens, diagnostizierte die strukturelle Schwäche bei disruptiver Innovation. Und dennoch: Trumpf baute kein asiatisches Vertriebsnetz auf, wie er es selbst forderte. Die nächste Generation wiederholt die väterlichen Weisheiten – während chinesische Wettbewerber Marktanteile gewinnen.

Das Muster ist typisch für den deutschen Niedergang: Brillante Analyse, ausbleibende Umsetzung. Die PR-Schere zwischen Erkenntnis und Handeln klafft nicht nur bei der Politik, sondern auch beim Mittelstand selbst.

Allerdings muss man fairerweise fragen: Hätte es einen Unterschied gemacht? Der Aufstieg der asiatischen Konkurrenz war strukturell kaum zu verhindern. Chinas industriepolitische Strategie „Made in China 2025“ zielte explizit auf Technologieführerschaft in Schlüsselbranchen – mit oder ohne deutsche Präsenz vor Ort. Technologietransfer wäre ohnehin passiert: durch Joint Ventures, Lizenzierungen, Reverse Engineering, Abwerbung von Ingenieuren. Die Kostenvorteile waren strukturell – kein Vertriebsnetz ändert, dass chinesische Maschinen 30-40% günstiger sind. Und Japan, das massive Präsenz in Asien hatte, stürzte trotzdem von Rang 1 auf 38 ab.

Frühe Präsenz hätte allenfalls Kundenbeziehungen und Markenloyalität aufgebaut, ein besseres Verständnis von Markt und Konkurrenz ermöglicht. Die Schweiz zeigt, dass Hochpreisstrategien auch unter Druck funktionieren können – aber eben nur mit permanenter Anpassung.

Die eigentliche Pointe ist eine andere: Selbst wenn die Strategie gestimmt hätte, wäre ihre Umsetzung am deutschen System gescheitert. Die Unfähigkeit zur Selbstkorrektur ist nicht individuelles Versagen einzelner Unternehmer, sondern systemische Eigenschaft. Das macht die Diagnose nicht weniger richtig – aber die Therapie sehr viel schwieriger.

Was die Analyse von 1991 richtig sah

Die Bedeutung von Fleiß und Anspruch

„Die Wurzel des Wohlstands ist: Industria (lat.) heißt Fleiß. Und ohne Fleiß keine Wettbewerbskraft.“ Diese Erkenntnis bleibt gültig – nur hat sich der Fleiß verlagert. In den „Tiger“-Staaten herrscht jene Intensität, die Deutschland in den Wirtschaftswunderjahren auszeichnete.

Die Warnung vor Protektionismus

Der Artikel warnte vor „romantischen Protektionismus-Plädoyers“ und ihrer „realen Angstbasis“. Heute, angesichts von Handelskriegen, Lieferkettengesetzen und „De-Risking“-Strategien, wirkt diese Warnung aktueller denn je.

Die Bedeutung von Staatseffizienz

Schon 1991 spottete die WirtschaftsWoche über die deutsche Telekommunikation: Postminister Schwarz-Schilling könne kaum leugnen, „daß es im Konkurrenzvergleich bei Fax und Phon noch länger heißen wird: ‚Kein Anschluß unter dieser Nummer.'“ Das Wortspiel mit der Telefon-Ansage beschreibt heute die digitale Infrastruktur deutscher Behörden treffender denn je. Die Staatseffizienz (Rang 32 im IMD-Ranking 2024) ist zum entscheidenden Wettbewerbsnachteil geworden.

Fazit: Die verpasste Erneuerung

Der WirtschaftsWoche-Artikel von 1991 endete optimistisch: „Ein neuer Aufbruch, made in Germany, ist gefragt.“ 34 Jahre später warten wir noch immer darauf.

Die Analyse zeigt: Das deutsche Modell der inkrementellen Verbesserung funktioniert in Zeiten disruptiver Transformation nicht mehr. Die Stärken von 1991 – solide Ingenieursausbildung, mittelständische Weltmarktführer, sozialpartnerschaftlicher Konsens – sind nicht verschwunden, aber sie reichen nicht mehr aus.

Was fehlt, ist jene „Agilität und Adaptabilität“, die das IMD als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit identifiziert. Die Schweiz demonstriert, dass auch kleine, hochentwickelte Volkswirtschaften mit hohen Kosten an der Spitze bleiben können – wenn sie bereit sind, sich permanent anzupassen. Deutschland hat diese Bereitschaft verloren.

Die „Übermenschen“ von 1991 – Japan und Deutschland – sind heute Abstiegskandidaten. Beide Länder zeigen, wie schnell wirtschaftliche Vorherrschaft erodieren kann, wenn institutionelle Erneuerung ausbleibt. Der Titel „Keine Übermenschen“ war als Beruhigung gemeint. Er hätte als Warnung verstanden werden müssen.

Ralf Keuper


Quellen:

WirtschaftsWoche Nr. 32, 2. August 1991: „Keine Übermenschen – Wettbewerbsvergleich: Wie gut ist das Made in Germany?“

IMD World Competitiveness Ranking 2024

IMD World Competitiveness Ranking 2025

IMD World Digital Competitiveness Ranking 2024