Einige Anmerkungen zum Situativen Ansatz

Von Ralf Keuper

Während der Recherche im Internet zum Situativen Ansatz war ich überrascht, auf so wenig Material  zu stoßen. Die meiner Ansicht nach noch immer informativste Veröffentlichung zum Thema stammt von Wolfgang H. Staehle und heisst Der situative Ansatz in der Betriebswirtschaftslehre.

Überrascht bin ich vor allem deshalb, da der situative Ansatz gerade für die neuen Organisationsformen, in deren Zentrum der Netzwerkgedanke steht, wichtige Hinweise liefern kann – auch für die Beratungsbranche.

Wer in der Beratungsbranche tätig ist, macht immer wieder die Erfahrung, dass es von Vorteil ist, sich nicht voreilig auf bestimmte Verfahren oder sog. Best Practices festzulegen. Dagegen hat sich der situative Ansatz, d.h. ein an die jeweiligen Umstände angepasstes Vorgehen, bewährt.

Kaum jemand hat das Grundprinzip des situativen Ansatzes so kurz und prägnant beschrieben wie Helmuth von Moltke am Beispiel der Strategie:

Die Strategie ist die Fortführung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den sich stets ändernden Verhältnissen.

Besser kann man es kaum ausdrücken.

Jedenfalls wird dadurch deutlich, wie wichtig die Berücksichtigung des jeweiligen Kontexts für die Entscheidungsfindung ist. Da sich die Umstände stets ändern, ist ein Festhalten an einem einmal definierten Plan oder Vorgehensmodell schnell kontraproduktiv, weshalb sich in der Softwareentwicklung auch der agile Ansatz etabliert hat. Der Anwendung sog. Best Practices liegt nach wie vor das Prinzip des One size fits all zugrunde, was sich diametral zur Praxis verhält, zumindest, wenn man von einem einigermaßen dynamischen Umfeld ausgeht, was heutzutage eher die Regel als die Ausnahme ist.

Die Frage muss daher immer lauten: Welches sind die wichtigsten Einflussfaktoren der vorliegenden Situation und welche kann man zunächst vernachlässigen? Wo ziehe ich die Systemgrenze?

Das entspricht übrigens in vielen Punkten dem Vorgehen der Kepner Tregoe – Methodik.

Den situativen Ansatz konnte Wolfgang Staehle nicht mehr weiter ausarbeiten. Er starb bereits 1992 im Alter von 54 Jahren. Sein Buch Management, das noch immer aufgelegt wird, ist bereits ein Klassiker. Bisher hat er in der deutschen Betriebswirtschaftslehre keinen Nachfolger gefunden, der mit einem ebenso umfassenden Verständnis ausgestattet ist.

Er fehlt.

Freilich muss der Ansatz heute ergänzt und modifiziert werden. Die Hypothesenbildung mit ihrer empirischen Überprüfung müsste den heutigen Verhältnissen angepasst werden, was nicht zwangsläufig auf Big Data hinauslaufen muss. Gleichwohl haben sich die Zeiträume, die zur Überprüfung der Hypothesen und Annahmen bereit stehen, deutlich verkürzt und damit auch die Prognosezeiträume.

Ein Weg könnte die Bayesian Strategy sein, wie sie von Greg Satell propagiert wird. In einer Zeit, in der die einmalige Situation, der Kontext für den Erfolg eines Unternehmens immer entscheidender wird, bietet der Situative Ansatz noch genügend Entwicklungspotenzial.

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