Unternehmensberater schreiben Reports darüber, dass „KI den Menschen ergänzt, nicht ersetzt“ – während ihr eigenes Geschäft akut bedroht ist. McKinsey braucht drei Monate für das, was Claude in zehn Minuten schafft. Meistens schlechter. Die PR-Schere erreicht ihre finale Form: Die Architekten der Beschwichtigungsrhetorik werden von ihrer eigenen Geschichte eingeholt.


I. Als die Software-Blase platzte

Der Cybersecurity-Forscher Peter Girnus hat auf X einen satirischen Text verfasst[1]https://x.com/gothburz/status/2019433714871095471, in dem der Strategie-Chef eines großen Software-Unternehmens über den Verlust von 47 Prozent des Börsenwerts in vier Monaten berichtet. Grund: Anthropic hat elf Claude-Plugins veröffentlicht. Kostenlos, Open Source. Programme für Rechtsautomation, Vertragsanalyse, Compliance-Workflows. Arbeit, die 400 Dollar pro Stunde kostete, kostet jetzt 20 Dollar im Monat. Der Manager  beklagt sich, dass Anthropic „so hilfsbereit“ war. Ein stillschweigendes Abkommen wurde gebrochen.

Die Pointe: Die Software-Industrie hatte darauf gesetzt, dass „KI“ bedeutet: Wir verkaufen euch teure KI-Funktionen für eure bestehenden teuren Systeme. Anthropic hat stattdessen das gemacht, was Plattform-Unternehmen immer machen – die Zwischenhändler überflüssig gemacht. Die Zerstörung kam nicht durch bessere Software, sondern durch einen Preissturz um mehrere Größenordnungen. 800 Dollar pro Stunde für Vertragsanalyse werden zu 20 Dollar pro Monat. Das ist keine Verbesserung. Das ist Auslöschung.

Was der Text enthüllt: Die Kluft zwischen öffentlicher Darstellung und interner Realität ist kein Versehen. Es ist System. Öffentlich: „KI ergänzt, ersetzt nicht.“ Intern: Ein Slack-Channel namens „#inevitable“ (unvermeidlich), in dem über Aktienverkäufe und Bonus-Auszahlungen diskutiert wird.

Der Manager beklagt sich über Anthropic. Aber wer hat ihm und seiner Branche eigentlich jahrelang erzählt, dass „KI den Menschen ergänzt, nicht ersetzt“[2]https://x.com/McKinsey_MGI/status/2019411313256968618? Wer hat diese Narrative in Millionen-Dollar-Projekten verkauft und in hunderten von Studien zementiert? Die Unternehmensberatungen. Allen voran: McKinsey.

II. McKinsey und die bedrohte Elite

Die Ironie: McKinsey produziert ständig Studien über „KI-Transformation“ und „Die Zukunft der Arbeit“ – während das eigene Geschäft beispielhaft gefährdet ist. Was macht McKinsey den ganzen Tag? Branchen-Vergleiche, Best-Practice-Sammlungen, 2×2-Matrizen, PowerPoint-Präsentationen, Zusammenfassungen. Genau die Aufgaben, die Sprachmodelle in Sekunden erledigen.

McKinsey würde das bestreiten. In dem Buch The McKinsey Way. Using the Techniques of the World‘ s Top Strategic Consultants to Help You and Your Business schreibt Ethan M. Rasiel: „Every client is unique – no cookie-cutter solutions.“ Jeder Kunde sei einzigartig, keine vorgefertigten Lösungen. Die Firma verlange „hard proof before any recommendations are made“ – harte Beweise, bevor Empfehlungen ausgesprochen werden. Faktenbasierte Analyse, keine Management-Moden. Ein ehemaliger McKinsey-Manager wird zitiert: „People think that the Firm has a precanned answer. That is certainly not the case.“

Das ist die Selbstdarstellung. Die Realität sieht anders aus. Ein typisches McKinsey-Projekt: drei bis sechs Monate Laufzeit, fünf bis acht Berater, 500.000 bis drei Millionen Dollar. Das Ergebnis: eine 200-Seiten-Präsentation mit Zusammenfassung. Die Struktur? Standardisiert. Die Frameworks? Aus dem Katalog. Die 2×2-Matrizen? Templates. Die Best Practices? Datenbank. Das Claude-Äquivalent: 30 Minuten bis zwei Stunden, 20 Dollar im Monat, dieselbe Präsentation – oft besser strukturiert, weil methodisch konsistenter.

Der Widerspruch zwischen „every client is unique“ und der standardisierten Methodik ist die PR-Schere in ihrer Lehrbuchform. McKinsey verkauft keine einzigartigen Lösungen. Sie verkaufen die Legitimation standardisierter Lösungen.

Das war nie ein Problem, solange der Wert nicht in der Analyse lag, sondern in der Absicherung: „McKinsey sagt das“ (Legitimation durch Markennamen), „Die Berater haben empfohlen“ (Verantwortung abschieben), „Wir folgen Best Practices“ (Versicherung gegen Kündigungen). Peter Drucker hätte gefragt: „Was produziert diese Organisation eigentlich?“ Die Antwort: PowerPoint-Folien, Excel-Tabellen, Branchen-Übersichten, 2×2-Matrizen. Was bleibt, wenn KI das alles besser macht? Das Logo.

III. Der Wissensvorsprung löst sich auf

Der Soziologe Niklas Luhmann würde sagen: McKinsey beobachtet, wie Unternehmen sich selbst beobachten – und verkauft diese Beobachtung. Das Problem: Sprachmodelle sind darin besser. Sie verarbeiten mehr Daten, wenden Methoden konsistenter an, finden schneller Muster und kosten einen Bruchteil. Was McKinsey wirklich verkauft, ist nicht die Analyse selbst, sondern die Legitimation der Analyse. Aber auch die wird wertlos, wenn KI-generierte Berichte nachweisbar besser sind.

McKinsey setzt auf „Thought Leadership“ – Vordenkerschaft. Sie veröffentlichen das McKinsey Quarterly, Branchenberichte, Studien, LinkedIn-Artikel. Das Problem: Sprachmodelle können das auch. Claude kann in zehn Minuten einen Artikel schreiben, der stilistisch und inhaltlich nicht von McKinsey-Inhalten zu unterscheiden ist. Der Wissensvorsprung, auf dem das Geschäft basiert, verschwindet. Was bleibt, ist der Markenwert – aber Markenwert ohne echte Unterscheidung ist brüchig.…