“Die Wirtschaftswelt der Zukunft. Wie Fortschritt unser komplettes Leben umkrempeln wird” von Alec Ross

Von Ralf Keuper

An Veröffentlichungen, die sich mit der Zukunft der Wirtschaft beschäftigen, herrscht wahrlich kein Mangel. Nur wenige zeichnen ein differenziertes Bild, wie Alec Ross in Die Wirtschaftswelt der Zukunft. Ross, ehemaliger Berater für Innovation der damaligen Außenministerin Hillary Clinton, ist zuversichtlich, dass die Gesellschaft mit den Herausforderungen, wie sie mit der Verbreitung neuer Technologien verbunden sind, bewältigen kann. Die Risiken dürften jedoch nicht unterschätzt werden, so Ross.

Die Digitalisierung von Geld, Märkten und Vertrauen

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass Bevölkerungsgruppen und Länder, die bisher vom Fortschritt ausgeschlossen waren, ihr Schicksal, zumindest ein Stück weit, selbst in die Hand nehmen können. Nirgendwo sonst ist das so sichtbar wie in Afrika, wo Mobiltelefone sehr verbreitet sind. Ohne ihre Mobiltelefone wäre es den meisten Afrikanern nicht möglich, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren und/oder Geldgeschäfte zu erledigen, wie im Flüchtlingslager Mugunga im Kongo:

Die Verbreitungsrate von Handy liegt im Kongo bei 44 Prozent. In Mugunga gehörten die Telefone zu den wenigen funktionierenden Teilen der Volkswirtschaft und sie dienten keineswegs nur zum Telefonieren. Die Flüchtlinge nutzten sie, um Geld zu schicken und zu empfangen, auch wenn sie über kein eigenes Bankkonto verfügten. … In Flüchtlingsgemeinden wie Mugunga waren Mobiltelefone nach der Vertreibung der einzige Weg, als Familie in Kontakt untereinander zu bleiben. .. Die Handys ermöglichten es den Lagerbewohnern auch, das wenige, was sie an Geld besaßen, in Mobilfunkkonten aufzubewahren. Passwortgeschützt lagerte es dort besser vor Diebstahl geschützt als Bargeld.

Unternehmen wie Uber und Airbnb stehen für einen neuen Wirtschaftsstil, der häufig als Sharing Economy oder Plattformökonomie bezeichnet wird. Anbieter und Kunden finden auf direktem Weg zueinander. Die Plattform übernimmt dabei “nur” die Vermittlung – natürlich gegen Bezahlung. Was auf den ersten Blick wie die Neuerfindung der freien Marktwirtschaft aussieht, ist der Beginn eines Konzentrationsprozesses, ähnlich dem des Industriezeitalters mit den großen “Trusts”:

Seit digitalisierte Märkte selbst den allerkleinsten Händlern offenstehen, geht der Trend dahin, dass wirtschaftliche Transaktionen nicht mehr über reale Ladengeschäfte oder Hotels, sondern verstärkt über einzelne Personen erfolgen, die sich entweder lokal oder über das Internet miteinander verbinden. Auf diese Weise wird der Markt verteilt. Stattfinden tut diese Verteilung über eine kleine Zahl von Technologie-Plattformen, die zumeist in Kalifornien oder in China stehen. Das meine ich, wenn ich von Konzentration spreche.

Um zu verhindern, dass die großen Plattformen durch die Deregulierung der Arbeitsmärkte die soziale Ungleichheit in den Ländern, aber auch unter den Ländern, nicht ins Extrem steigern, müssten sie an den Kosten für ein Sicherheitsnetz beteiligt werden.

Bitcoin und Blockchain

Auch Ross setzt große Hoffnungen in die digitalen Währungen wie Bitcoin und in die Blockchain-Technologie. Dennoch könnte die Entwicklung eine vollkommen andere Richtung einschlagen, als viele Enthusiasten annehmen. Schon heute verliefen Bitcoin-Transaktion nicht völlig anonym. Künftig jedoch könnte die Anonymität vollständig verloren gehen, zumal dann, wenn Regierungen mit ins Spiel kommen. Ross zitiert den Startup-Investor Marc Andreessen:

Wenn jemand glaubt, dass Bitcoin Transaktionen einfacher macht, die nicht von der Regierung überwacht werden können, liegt er hundertprozentig daneben. Alle Transaktionen finden in der Öffentlichkeit statt. Jeder kann sich das gesamte Hauptbuch ansehen und verifizieren, wem das gehört. Wenn Sie also eine Polizeibehörde sind oder ein Nachrichtendienst, können Sie auf diesem Weg viel einfacher den Geldfluss nachvollziehen als beim Bargeld. Insofern erwarte ich, dass die Polizei und die Nachrichtendienste letztlich für Bitcoin sein werden und die Libertären letztlich gegen Bitcoin.

Ohne Institutionen, die die Einhaltung der Regeln (Governance) bei der Abwicklung von Geschäften überwachen, werde die Blockchain nicht auskommen, so Ross.

Die Bank – ein digitales Hauptbuch

Im Grunde ist eine Bank nicht viel mehr als ein digitales Hauptbuch, wie der Gründer des Fintech-Startups Standard Treasury, Zac Townsend, Ross gegenüber bemerkt. Das Geschäft der Banken bestehe, ohne dass ihnen das bewusst sei, aus der Verwaltung, Bewertung und Speicherung von Daten. Die Bilanzierungsprobleme der Banken seien die logische Konsequenz, so Townsend:

Eine Bank ist wenig mehr als Daten. Das sind Big-Data-Unternehmen! Man kann den Dingen schicke Namen verpassen, wie verbriefte Subprime-Hypotheken oder Credit-Default-Swaps oder sonst was, aber eine Bank ist letztlich ein gewaltiges Hauptbuch für Kontrakte mit künftigem positiven oder negativen Cashflow. Das gesamte Einkommen einer Bank basiert darauf, wie sich der aktuelle Wert dieses Cash-flows von Augenblick zu Augenblick verändert, aber sie bekommt die simple Bilanzierung, wer wem was schuldet, nicht korrekt hin.

 Fazit:

Ross zeichnet ein differenziertes Bild der Wirtschaft von morgen, d.h. er wird keine blinde Fortschrittsgläubigkeit verbreitet. Den Chancen stehen, wie sollte es auch anders sein, Risiken gegenüber. Kaum anderswo wird das so sicht- und spürbar wie bei dem Thema Cybersicherheit. Gezielte Cyberangriffe versetzen Regierungen, Unternehmen und Banken gleichermaßen in Alarmbereitschaft. Die Technologierisiken steigen – nicht nur im Banking.
Ob und inwieweit die Länder von der technologischen Entwicklung profitieren, hängt in hohem Maß davon ab, wie offen sie gegenüber Menschen anderer Herkunft und neuen, abweichenden Ideen sind. Das Modell des Silicon Valley mit seiner ausgeprägten Startup-Kultur ist jedoch nur begrenzt exportfähig. Das Silicon Valley werde nicht den Rest der Welt kolonisieren. Vielfalt statt Einfalt, Stilpluralismus und kein Einheitsstil, oder wie Ross schreibt:

Ich denke, die geografische Streuung von Fachkompetenz in den Zukunftsbranchen wird dafür sorgen, dass in der nächsten Phase der Globalisierung Innovations- und Handelszentren geografisch weiter verteilt sein werden als in der vorigen Phase, in der das Silicon Valley eine 20jährige Dominanz genießen konnte. .. Die Vorstellung ist nicht aus der Luft gegriffen, dass die Software- und Big Data-Firmen und -Unternehmer aus dem Silicon Valley auch künftig alles beherrschen werden, aber ich glaube, wenn Big Data sich weiter ausbreitet, wird es sich zu einem Wirtschaftsgut entwickeln, das jede Branche für sich einsetzen kann.

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