“Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter” von Fareed Zakira

Von Ralf Keuper

Mit der Veröffentlichung seines Buches Der Aufstieg der Anderen sorgte Fareed Zakira für einige Aufmerksamkeit. An Büchern, die vom bevorstehenden postamerkanischen Zeitalter künden, hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. Erwähnt sei nur das lesenswerte Buch Weltmacht USA: Ein Nachruf von Emmanuel Todd . Während Todd die USA vor allem wegen der Überdehnung ihrer Kräfte, infolge der militärischen Interventionen, im Niedergang sieht, ist Zakira deutlich optimistischer, was die Rolle der USA angeht.

Das hindert Zakira jedoch nicht daran, die zahlreichen Indizien zu benennen, die darauf hinweisen, dass sich die Zeit der USA als unumschränkter Supermacht dem Ende nähert. Stattdessen werden die USA sich damit anfreunden müssen, dass die Länder Asiens, allen voran China, ernstzunehmende Gegenspieler und keine Statisten auf der Weltbühne (mehr) sind. Zwar werden die USA noch auf lange Zeit, so Zakira, die größte Wirtschafts- und Militärmacht der Welt bleiben, jedoch ohne den Anspruch auf Gefolgschaft erheben zu können, wie das in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger üblich war. Dafür sind China, Indien & Co. schlicht zu groß. Die Einwohnerzahlen Chinas und Indiens sind um ein Vielfaches höher, als die der Vereinigten Staaten. Diese Tatsache lässt sich nicht mehr länger übersehen, da China und Indien, wenngleich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, auf wirtschaftlichem Gebiet enorme Fortschritte erzielt haben. China ist seit geraumer Zeit der größte Gläubiger der USA.

Lesenswert sind vor allem auch die Passagen, in denen Zakira einen Vergleich zwischen der Situation des britischen Empire gegen Ende des 19. Jahrhunderts und den USA des beginnenden 21. Jahrhundert zieht. Trotz etlicher Parallelen, ist Zakira nicht der Ansicht, dass die USA dem Schicksal des britischen Empire in absehbarerer Zeit folgen werden. Er schreibt:

Zunächst ist festzuhalten, dass der wichtigste Faktor für den Niedergang Großbritanniens – die unumkehrbare Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage – auf die Vereinigten Staaten so nicht zutrifft. Großbritannien wahrte seine unerreichte wirtschaftliche Sonderstellung ein paar Jahrzehnte lang, die USA wahren die ihre seit mittlerweile 130 Jahren. Mitt der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte Amerika sich mit seiner Wirtschaftsleistung erstmals an die Weltspitze. Tatsächlich ist Amerikas Anteil am globalen Bruttosozialprodukt seitdem erstaunlich konstant.

Die Bewertung Großbritanniens halte ich – bei allem Respekt – für ungerecht. Es ist schon ein Meisterstück der Geschichte, wenn ein relativ kleines Land wie Großbritannien es überhaupt geschafft hat, weite Teile der Erde zu kontrollieren, zumindest jedoch kulturell und ökonomisch entscheidend zu beeinflussen. Zwar räumt auch Zakira das indirekt ein, kommt jedoch schnell wieder dahin, die USA als die größte Macht aller Zeiten zu preisen, was historisch so nicht haltbar ist. Es hat andere Reiche gegeben, die für ihre Zeit mindestens so mächtig waren, wie die USA heute – und das über mehrere Jahrhunderte.Als weiteres Unterscheidungsmerkmal nennt Zakira die Ausgaben für das Militär:

Großbritannien beherrschte die Meere, aber nie das Land. Die britische Armee war so klein, dass der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck einmal spottete, sollten die Briten je in Deutschland einmarschieren, würde er einfach die örtliche Polizei anweisen, sie festzunehmen. … Das amerikanische Militär dagegen hat in allen Bereichen – zu Land, zur See, in der Luft und im Weltraum – eine Vormachtstellung und gibt mehr aus als die nächsten vierzehn Staaten zusammengenommen.

Anders als viele Kritiker, darunter Emmanuel Todd, sieht Zakira in den Militärausgaben der USA ein Zeichen ökonomischer Stärke und nicht des drohenden Niedergangs:

Die Militärmacht der USA ist nicht die Ursache, sondern die Folge ihrer Stärke. Deren Triebkraft ist die ökonomische und technologische Basis, die weiterhin außerordentlich robust ist. Die Vereinigten Staaten sind mit größeren, gravierenderen und umfassenderen Herausforderungen konfrontiert als je zuvor in ihrer Geschichte, und der Aufstieg der Anderen lässt ihren Anteil an der Weltwirtschaftsleistung sinken. Aber dieser Prozess ist nicht vergleichbar mit dem steilen Niedergang Großbritanniens im zwanzigsten Jahrhundert, das sowohl in puncto Innovation als auch in den Bereichen Energie und Unternehmertum seine Vorreiterrolle einbüßte. Amerika wird eine vitale, dynamische Wirtschaft bleiben und bei den nächsten Umwälzungen in Naturwissenschaft, Technik und Industrie an vorderster Front stehen – solange es sich auf die Herausforderungen einstellen kann.

Da ist was dran.

Später kommt Zakira noch einmal auf den historischen Vergleich Großbritanniens mit den USA zu sprechen:

Die eigentliche Bewährungsprobe für die Vereinigten Staaten unterscheidet sich in gewisser Weise diametral von der, von der Großbritannien im Jahr 1900 stand. Die britische Wirtschaftsmacht schwand, während das Land seinen immensen und weltweiten politischen Einfluss aufrechterhalten könnte. Die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft hingegen können dem ökonomischen Druck und der Konkurrenz standhalten. Sie können sich anpassen und behaupten. Ihre eigentliche Feuerprobe ist politischer Natur – und muss nicht nur von Amerika als Ganzem, sondern insbesondere von Washington bestanden werden. Ist man dort in der Lage, sich auf eine Welt einzustellen, in der andere aufgerückt sind? Wir man dort Antworten auf die Machtverschiebungen in Wirtschaft und Politik finden? Hier ist die Außenpolitik sogar noch stärker gefordert als die Innenpolitik. Kann sich Washington wirklich damit anfreunden, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen und Standpunkte gibt? Kann es in einem Zeitalter Erfolg haben, das es nicht dominieren kann?

Das scheinen mir die wichtigsten Fragen zu sein. Schaut man sich das Agieren der amerikanischen Regierung allein im NSA-Skandal an, hat man den Eindruck, dass die USA hier noch einiges lernen müssen – ebenso aber auch Europa, die sich emanzipieren müssen.

Europa kommt in dem Buch nur am Rande vor, und kommt auch dann nicht besonders gut weg.

Natürlich hat das Buch auch Defizite. Die Tatsache des nach wie vor exorbitanten Ressourcenverbrauchs der USA findet ebenso wenig Erwähnung, wie die wachsende Ungleichheit und die Konflikte zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung. Ganz zu schweigen von den Exzessen an der Wall Street. So sehr der Vergleich mit Imperien aus der Vergangenheit auch dienlich ist, so muss man dennoch im Hinterkopf behalten, dass Geschichte sich nicht wiederholt, d.h. der Niedergang der USA kann noch aus ganz anderen Gründen geschehen, als uns heute plausibel erscheinen. Genannt seien externe Ereignisse, wie Klimakatastrophen oder Sonstiges. Aber auch innere Unruhen können den Abstieg einläuten.

Auch für die USA gilt: Kein Reich währt ewig.

Dennoch ist das Buch ein wichtiger Beitrag, um verstehen zu lernen, vor welchen Herausforderungen die USA und die Welt in den nächsten Jahrzehnten stehen werden.

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