3D-Druck im Bauwesen verspricht schnelleres, günstigeres und nachhaltigeres Bauen. Die Pilotprojekte beeindrucken – doch hinter dem Innovationsnarrativ steht eine Wertschöpfungskette aus margenhungrigen Konzernen, die auf Kostensenkung strukturell nicht angelegt ist. Die Technologie funktioniert, aber sie löst die Probleme des deutschen Bausektors nicht. Sie überdeckt sie.


Das Beckumer Signal

Im Jahr 2020 geschah im westfälischen Beckum etwas, das in der deutschen Baugeschichte ohne Vorbild war: In 100 Stunden Druckzeit entstand das erste vollständig 3D-gedruckte Wohngebäude Deutschlands. Hinter dem Projekt stand die Korte-Hoffmann-Gruppe, ein mittelständisches Unternehmen, das gemeinsam mit PERI 3D Construction und HeidelbergCement den Beweis antrat, dass additive Fertigung im Hochbau keine Zukunftsmusik mehr ist.

Fünf Jahre später hat sich aus diesem Pilotprojekt eine bemerkenswerte Entwicklungsgeschichte ergeben. Mit dem DREIHAUS-Projekt in Heidelberg – 21 Wohneinheiten in drei Gebäudevarianten, die größte davon in nur 26 Arbeitstagen gedruckt – hat Deutschland sein erstes serielles 3D-Druckprojekt im Wohnungsbau. In Frankreich entsteht derzeit mit ViliaSprint² Europas größtes 3D-gedrucktes Mehrfamilienhaus in Bezannes, ebenfalls mit COBOD-Technologie. Der dänische Hersteller hat mittlerweile über 50 BOD2-Drucker weltweit verkauft und ist damit Marktführer im Segment.

Die Kennzahlen klingen verlockend: 30 Prozent schnellere Bauzeiten, 10 Prozent Kostensenkung, ein Quadratmeter Wandfläche in etwa fünf Minuten. Dazu kommt der Einsatz von Heidelberg Materials‘ evoZero – einem kohlenstoffneutralen Zement – der die CO₂-Bilanz erheblich verbessert. Ab 2026 plant die Korte-Hoffmann-Gruppe als Bauträger die bundesweite Serienproduktion, mit standardisierten Modulen ab 2.899 Euro pro Quadratmeter brutto.

Allerdings: Wer bei diesem Preis von „bezahlbarem Wohnraum“ spricht, operiert mit einem großzügigen Begriff. Konventionelle Baukosten liegen regional zwischen 2.000 und 3.000 Euro pro Quadratmeter – der 3D-Druck bewegt sich damit eher im mittleren bis oberen Preissegment als darunter. Die versprochene Kostensenkung von 10 Prozent müsste sich auf einen Vergleichsmaßstab beziehen, der nicht offengelegt wird. Hier zeigt sich früh eine PR-Schere zwischen dem Narrativ der disruptiven Kostensenkung und der tatsächlichen Marktpositionierung.

Die strukturelle Dimension

So beeindruckend diese Einzelerfolge sind – sie müssen im Kontext einer Branche gelesen werden, die sich in einer fundamentalen Krise befindet. Der deutsche Wohnungsbau hat das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr dramatisch verfehlt: 2024 wurden gerade einmal 250.000 Einheiten fertiggestellt. Die Baugenehmigungen sind seit 2023 im freien Fall; das Statistische Bundesamt verzeichnete bereits 2023 den niedrigsten Stand seit 2012.

Die Ursachen sind vielfältig und verstärken sich gegenseitig: explodierende Baukosten (plus 30 Prozent seit 2021 in manchen Gewerken), gestiegene Finanzierungskosten durch die Zinswende, verschärfte Energieeffizienz-Anforderungen und ein struktureller Fachkräftemangel. Laut DIHK-Fachkräfte-Report 2024/2025 haben 53 Prozent der Bauunternehmen Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung, im Tiefbau sind es sogar 61 Prozent. Die zweitgrößte Fachkräftelücke aller Branchen findet sich im Ausbaugewerbe mit…