Die Wiederkehr eines verdrängten Musters

Der Begriff des „China-Schocks“ stammt aus der amerikanischen Wirtschaftsforschung und beschreibt die tiefgreifenden Verwerfungen, die Chinas WTO-Beitritt 2001 in den Industrieregionen der USA auslöste. David Autor und seine Kollegen dokumentierten, wie ganze Landstriche deindustrialisiert wurden, während die ökonomische Lehrmeinung noch Handelsgewinne für alle Beteiligten prognostizierte. Europa beobachtete das Geschehen mit der Gelassenheit dessen, der sich auf der sicheren Seite wähnt: Die deutsche Industrie profitierte schließlich vom chinesischen Wachstumshunger, exportierte Maschinen, Autos und Chemieprodukte in ein Land, das seine Fabriken erst noch aufbauen musste.

Zwei Jahrzehnte später kehrt das verdrängte Muster zurück – und trifft Europa diesmal frontal. Der zweite China-Schock unterscheidet sich vom ersten nicht nur graduell, sondern strukturell: China exportiert nicht mehr nur arbeitsintensive Billigwaren, sondern drängt in genau jene Sektoren, die das Rückgrat der europäischen und speziell der deutschen Wertschöpfung bilden – Automobile, Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie.

Die binnenwirtschaftliche Logik der Exportoffensive

Die Dynamik lässt sich nicht auf aggressive Handelspolitik reduzieren. Sie folgt einer inneren Logik der chinesischen Wirtschaftssteuerung. Die Immobilienkrise, die seit 2021 schwelt, hat einen zentralen Wachstumsmotor lahmgelegt. Der private Konsum bleibt chronisch schwach, die Sparquote hoch. Wohin also mit den Kapazitäten, den Arbeitskräften, den politischen Ambitionen?

Die Antwort der chinesischen Führung ist eine massive Umlenkung von Ressourcen in die exportorientierte Industrieproduktion. Der Mechanismus ist klassisch: Subventionen verbilligen die Produktion, ein kontrolliert unterbewerteter Yuan verstärkt die Preisvorteile auf Weltmärkten, staatliche Kreditlinien ermöglichen Investitionen, die sich nach marktwirtschaftlichen Kriterien nicht rechnen würden. Das Resultat sind Überkapazitäten, die auf dem Binnenmarkt nicht absorbiert werden können und deshalb exportiert werden müssen.

Die Zahlen sind eindeutig: Chinas Exporte in die EU steigen, während die europäischen Exporte nach China einbrechen. In über 900 Produktgruppen der Elektrotechnik verzeichnen europäische Importeure Preisrückgänge von bis zu 50 Prozent. Es handelt sich nicht um Effizienzgewinne, die an Kunden weitergegeben werden, sondern um strategisches Preisdumping zur Marktverdrängung.

Die Illusion des Zollschutzes

Die europäische Antwort folgt dem Lehrbuch der Handelspolitik: Antidumping-Verfahren, Ausgleichszölle, Schutzmaßnahmen. Die EU hat Zusatzzölle auf chinesische Elektrofahrzeuge verhängt, die je nach Hersteller zwischen 17 und 45 Prozent betragen.

Auf dem Papier klingt das nach entschlossenem Handeln.

In der Praxis greifen diese Instrumente jedoch systematisch zu kurz, und zwar aus drei Gründen:

  • Erstens: Die Lokalisierungsstrategie. Chinesische Hersteller haben längst begonnen, Endmontagen nach Europa zu verlagern. Magna Steyr in Österreich montiert Fahrzeuge für Xpeng, in Spanien entstehen Werke für Chery, BYD plant Produktionsstätten in Ungarn und der Türkei. Auf diese Weise fallen nur die regulären Einfuhrzölle von zehn Prozent an, die subventionsbedingten Strafzölle werden umgangen. Die lokale Wertschöpfung bleibt minimal – Komponenten und Bausätze kommen weiterhin aus China.
  • Zweitens: Die Produktdifferenzierung. Die verschärften Zölle gelten für reine Elektrofahrzeuge. Plug-in-Hybride fallen unter den Basiszoll von zehn Prozent. Es ist absehbar, dass chinesische Hersteller ihr Produktportfolio entsprechend anpassen werden.
  • Drittens – und dies ist der strukturell entscheidende Punkt: Die territoriale Begrenzung. EU-Zölle gelten ausschließlich für den EU-Binnenmarkt. Sie sind wirkungslos in Drittländern, und genau dort liegen die strategisch wichtigsten Wachstumsmärkte.

Die eigentliche Arena: Drittmärkte

Die deutsche Automobilindustrie erwirtschaftet ihre Margen nicht primär im gesättigten europäischen Markt. Die Zukunft der Branche entscheidet sich in Südamerika, Afrika, Südostasien, im Nahen Osten. Volkswagen hat in Brasilien eine jahrzehntelange Präsenz aufgebaut, BMW und Mercedes pflegen ihre Markenwahrnehmung in aufstrebenden Mittelschichten von Bangkok bis Johannesburg. Diese Märkte sind die eigentliche Arena des zweiten China-Schocks.

In Brasilien, traditionell eine Bastion von Volkswagen und Fiat, haben BYD und Chery aggressive Marktanteile gewonnen. Die chinesischen Hersteller bieten nicht nur günstigere Fahrzeuge, sondern komplette Pakete aus Finanzierung, Ladeinfrastruktur und Serviceversprechen. In Thailand kontrolliert BYD bereits 30 Prozent des Elektrofahrzeugmarktes. In Südafrika drängen Great Wall und Chery mit Preispunkten in den Markt, die für deutsche Hersteller unerreichbar sind.

Die EU-Zölle sind in diesen Märkten nicht nur wirkungslos – sie existieren schlicht nicht. Chinesische Fahrzeuge werden zollfrei oder zu minimalen Sätzen importiert. Wo lokale Zölle bestehen, umgehen die chinesischen Hersteller sie durch Montagewerke vor Ort, wobei die eigentliche Wertschöpfung in China verbleibt.

Die Konsequenz ist eine tektonische Verschiebung: Während Europa seinen Binnenmarkt mit Zöllen zu schützen versucht, verlieren deutsche Hersteller systematisch Marktanteile in genau jenen Regionen, die für ihr langfristiges Überleben entscheidend sind.

Strukturelle Asymmetrie

Hier zeigt sich eine fundamentale Asymmetrie zwischen dem Instrumentarium europäischer Handelspolitik und der Realität globaler Wertschöpfungsketten. Die EU denkt in Kategorien des Binnenmarktschutzes, während die Wettbewerbsschlacht längst transnational verläuft. Es ist, als würde man eine Festung ausbauen, während der Feind das offene Feld bereits kontrolliert.

Diese Asymmetrie hat tiefere Ursachen. Die europäische Handelspolitik folgt noch immer dem Paradigma der Reziprozität: Wir öffnen unsere Märkte, wenn andere ihre Märkte öffnen. Doch China spielt nach anderen Regeln. Der chinesische Binnenmarkt bleibt für ausländische Hersteller faktisch beschränkt – durch Zulassungsvorschriften, Datenlokalisierungsanforderungen, Subventionen für heimische Wettbewerber. Gleichzeitig nutzt China die Offenheit westlicher Märkte und deren Verbündeter aggressiv aus.

Die Belt-and-Road-Initiative hat zudem ein Netzwerk politischer und wirtschaftlicher Beziehungen geschaffen, das weit über den klassischen Handel hinausgeht. Chinesische Unternehmen bringen nicht nur Produkte, sondern auch Finanzierungen, Infrastrukturprojekte und diplomatische Unterstützung. Gegen dieses Gesamtpaket wirken europäische Zölle wie ein Anachronismus.

Jenseits der Autoindustrie

Die Automobilindustrie steht im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, doch der zweite China-Schock erfasst weit mehr Branchen. Im Maschinenbau, lange die unangefochtene Domäne deutscher Mittelständler, wachsen chinesische Wettbewerber mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie, einst Synonym für Weltmarktführerschaft, verliert kontinuierlich Anteile. In der Elektrotechnik – von Schaltanlagen bis zu Industriesteuerungen – unterbieten chinesische Anbieter europäische Preise um 30 bis 50 Prozent.

Die Chemieindustrie sieht sich ähnlichem Druck ausgesetzt. BASF und Covestro melden wachsende Konkurrenz aus China, einzelne Produktionslinien werden stillgelegt. In der Solarindustrie ist die Verdrängung bereits abgeschlossen: Europäische Hersteller spielen keine Rolle mehr, der Markt wird vollständig von chinesischen Anbietern dominiert.

Besonders alarmierend ist die Ausweitung auf Sektoren, die bisher als technologisch unangreifbar galten. Chinas „Made in China 2025“-Strategie zielt explizit auf Hochtechnologie: Luftfahrt, Medizintechnik, Robotik, Künstliche Intelligenz. Die bisherige Annahme, dass komplexe Produkte vor chinesischer Konkurrenz geschützt seien, erweist sich als Illusion. China hat 70 Prozent der weltweiten Industrieroboter installiert und verkürzt die Innovationszyklen systematisch.

Politikversagen und Strukturkonservatismus

Die europäische Reaktion auf diese Entwicklung schwankt zwischen Leugnung, Beschwichtigung und symbolischer Politik. Zölle werden verhängt, Antidumping-Verfahren eingeleitet, industriepolitische Strategiepapiere verfasst. Doch an den grundlegenden Strukturen ändert sich wenig.

Das liegt auch an internen Widersprüchen. Die EU-Mitgliedstaaten verfolgen unterschiedliche Interessen: Ungarn und Griechenland werben aktiv um chinesische Investitionen, Deutschland schwankt zwischen Exportinteressen und Schutzbedürfnissen, Frankreich fordert entschlossenes Handeln. Eine kohärente europäische China-Strategie existiert nicht.

Hinzu kommt ein konzeptionelles Problem. Die europäische Debatte kreist um den Schutz des Binnenmarktes und übersieht dabei, dass die eigentliche Herausforderung in Drittmärkten liegt. Es fehlt an Instrumenten, um europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb zu unterstützen, ohne in einen Subventionswettlauf einzutreten, den Europa nicht gewinnen kann.

Die deutsche Industrie ihrerseits reagiert mit dem, was sie am besten kann: technischer Optimierung. Effizienzprogramme, Kostenreduktion, Qualitätsverbesserung. Doch der Glaube, dass technische Exzellenz allein ausreicht, um den chinesischen Wettbewerbsdruck abzuwehren, verkennt die Natur der Herausforderung. Es geht nicht um bessere Produkte, sondern um ein anderes Spiel mit anderen Regeln.

Ausblick: Szenarien der Anpassung

Drei Szenarien zeichnen sich ab:

Im ersten, optimistischen Szenario gelingt es Europa, eine kohärente industriepolitische Antwort zu entwickeln. Strengere Ursprungsregeln zwingen chinesische Hersteller zu echter lokaler Wertschöpfung, koordinierte Exportförderung stärkt europäische Unternehmen in Drittmärkten, strategische Partnerschaften mit aufstrebenden Volkswirtschaften schaffen Gegengewichte zu Chinas Belt-and-Road-Initiative. Dieses Szenario setzt ein Maß an europäischer Handlungsfähigkeit voraus, das bisher nicht erkennbar ist.

Im zweiten, wahrscheinlicheren Szenario setzt sich der gegenwärtige Trend fort: partielle Schutzmaßnahmen für den Binnenmarkt, fortschreitender Verlust von Marktanteilen in Drittländern, schleichende Deindustrialisierung in exponierten Sektoren. Die deutsche Automobilindustrie zieht sich auf das Premiumsegment zurück, verliert aber das Volumengeschäft. Der Maschinenbau behauptet Nischen, gibt Standardprodukte auf. Die Chemieindustrie verlagert energieintensive Produktion.

Im dritten, pessimistischen Szenario beschleunigt sich die Verdrängung. Chinesische Hersteller erobern auch das Premiumsegment, europäische Zulieferer verlieren ihre Kundenbasis, die industrielle Basis erodiert in einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale. Europa wird zum Absatzmarkt für chinesische Industrieprodukte, analog zur Situation vieler Entwicklungsländer im 20. Jahrhundert.

Schluss: Die Grenzen des Denkbaren

Der zweite China-Schock stellt nicht nur ein wirtschaftspolitisches Problem dar, sondern eine konzeptionelle Herausforderung. Die Kategorien, in denen Europa über Handel, Wettbewerb und Industriepolitik nachdenkt, stammen aus einer Ära, in der marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaften miteinander konkurrierten. China folgt einer anderen Logik, in der staatliche Lenkung, strategische Planung und marktwirtschaftliche Elemente zu einem hybriden System verschmelzen, das sich einer eindeutigen Einordnung entzieht.

Die europäische Antwort kann nicht in einer Kopie des chinesischen Modells liegen. Sie muss aber die Grenzen des eigenen Denkens überschreiten. Zölle allein werden das Problem nicht lösen – nicht, solange die eigentlichen Schlachtfelder außerhalb Europas liegen. Was fehlt, ist eine strategische Vision, die über den Binnenmarktschutz hinausgeht und Europa als handlungsfähigen Akteur in einer multipolaren Weltwirtschaft positioniert.

Ob diese Vision rechtzeitig entsteht, ist offen. Sicher ist nur, dass die Zeit drängt. Der erste China-Schock traf vor allem amerikanische Arbeiter in traditionellen Industriezweigen. Der zweite trifft das Herz der europäischen Wertschöpfung – und er hat gerade erst begonnen.

Ralf Keuper 


Quellen:

Der zweite China-Schock – Die Politische Meinung
​Link:
https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/der-zweite-china-schock

Kurzbeschreibung: Analyse des zweiten China-Schocks durch chinesische Überkapazitäten in High-Tech und Maschinenbau sowie Handlungsempfehlungen für die EU.​

China-Schock 2.0: Europas Wirtschaft mit Ablaufdatum – finanzmarktwelt.de​
Link:
https://finanzmarktwelt.de/china-schock-2-0-europas-wirtschaft-mit-ablaufdatum-371135/

Kurzbeschreibung: Zeigt, wie chinesische Dumpingpreise in Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik europäische Anbieter unter Druck setzen​

Der zweite China-Schock: Wogegen sich Deutschland und Europa wappnen müssen – CER​
Link:
https://www.cer.eu/in-the-press/der-zweite-china-schock-wogegen-sich-deutschland-und-europa-wappnen-m%C3%BCssen

Kurzbeschreibung: Skizziert Risiken durch chinesische Exportoffensive bei E-Autos, Batterien und grüner Technologie für Europa.​

„Der China-Schock zerstört Europas Kernindustrie“ – CER​
Link:
https://www.cer.eu/in-the-press/%E2%80%9Eder-china-schock-zerst%C3%B6rt-europas-kernindustrie%E2%80%9C

Kurzbeschreibung: Interview/Beitrag zu den Folgen für Automobilindustrie und andere Kernbranchen in Europa.​

Schockwellen made in China – Internationale Politik​
Link:
https://internationalepolitik.de/de/schockwellen-made-china

Kurzbeschreibung: Betrachtet globale Auswirkungen chinesischer Industriepolitik, inklusive Märkte in Afrika und Südamerika.​

Kommission muss Chinas Ausfuhrbeschränkungen für seltene Erden bekämpfen – Europäisches Parlament​
Link: https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20250704IPR29456/kommission-muss-chinas-ausfuhrbeschrankungen-fur-seltene-erden-bekampfen
Kurzbeschreibung: Stellungnahme des EU-Parlaments zu chinesischen Exportbeschränkungen bei seltenen Erden und möglichen Gegenmaßnahmen.​

Neue Zölle, alte Dynamik: China bleibt auf Kurs in Europa – elektroauto-news.net​
Link:
https://www.elektroauto-news.net/news/china-bleibt-auf-kurs-in-europa

Kurzbeschreibung: Erläutert, wie chinesische Hersteller trotz EU-Zöllen mit Lokalisierung und Montage in Europa präsent bleiben.​

Einfallstor für EU-Markt: China trumpft mit Türkei-Deal auf – taz
​Link:
https://taz.de/Einfallstor-fuer-EU-Markt/!6019515/

Kurzbeschreibung: Beschreibt, wie die Türkei durch Abkommen mit China als Türöffner für den EU-Markt fungiert.​

Chinas E-Auto-Gigant BYD erobert Europa mit Türkei-Fabrik – Blick​
Link:
https://www.blick.ch/wirtschaft/byd-erobert-europa-chinas-e-auto-gigant-baut-jetzt-auch-fabrik-in-der-tuerkei-id19932805.html

Kurzbeschreibung: Bericht über BYDs Fabrik in der Türkei und die Implikationen für europäische Hersteller.​

Globaler Marktanteil von Elektrofahrzeugen: Quartalsweise – Counterpoint Research (deutsche Seite)​
Link:
https://germany.counterpointresearch.com/insights/globaler-marktanteil-von-elektrofahrzeugen-quartalsweise/

Kurzbeschreibung: Daten zu globalen EV-Marktanteilen, einschließlich stark wachsender chinesischer Exporte nach Südamerika, Afrika und Asien.