Von Edison bis zur Künstlichen Intelligenz und zum 3D-Druck im Bauwesen – der Technikhistoriker Thomas Hughes zeigt, warum technologische Umwälzungen so selten gelingen. Seine Analyse legt nahe: Neue Technologien allein verändern nichts, solange die Beharrungskräfte der etablierten Systeme intakt bleiben. Ein Blick auf die deutsche Baubranche zeigt, wie aktuell diese Einsicht ist.


Die vergessene Ära der unabhängigen Erfinder

Ohne den Erfindergeist ihrer Forscher und Unternehmer hätten die USA kaum den Aufstieg zur führenden Wirtschaftsmacht geschafft. Zwar waren andere Länder, allen voran Deutschland, technologischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen – doch so systematisch und methodisch wie die Amerikaner ging niemand vor. Angefangen hat alles mit den selbständigen Erfindern, deren bekanntester Vertreter Thomas Alva Edison ist.

Die Ära dieser unabhängigen Erfinder begann, als Graham Bell das Telefon erfand und Edison 1876 sein legendäres Menlo Park Laboratorium bezog. Neben Edison prägten Elmer Sperry, Nikola Tesla und die Brüder Wright diese Phase. Was diese Männer verband: Sie begeisterten sich in erster Linie für ihre Erfindungen, Kreativität war ihr höchstes Gut. Unternehmerische Tätigkeit diente nur dem Zweck, ihren Erfindungen praktischen Nutzen zu verschaffen.

Warum gründeten sie eigene Firmen? Weil sie erkannten, dass etablierte Unternehmen, die sich bewährter Technologien bedienten, gewöhnlich kein Interesse hatten, sich radikalen Neuerungen zuzuwenden. Jahrzehnte später sollte Clayton Christensen diese Beobachtung als „Innovator’s Dilemma“ popularisieren – Hughes hatte das Phänomen längst beschrieben.

Die Ära der unabhängigen Erfinder endete im Ersten Weltkrieg – und zwar auf bezeichnende Weise: Als es der von Edison geleiteten Gruppe von Erfindern, die für die amerikanische Kriegsflotte arbeitete, nicht gelang, die ihr gestellten Aufgaben zu lösen, während eine Gruppe von Physikern bestimmte militärische Probleme bewältigen konnte, ging das Goldene Zeitalter zu Ende. Die Zukunft gehörte den wissenschaftlich ausgebildeten Forschern in industriellen Laboratorien.

Jenseits der Theorie

Bemerkenswert war das ambivalente Verhältnis der unabhängigen Erfinder zur Wissenschaft. Für sie waren Naturwissenschaft und abstrakte Theorien nicht geeignet, sie in die Zukunft zu führen. Ihre Forschungen gingen über die Grenzen dessen hinaus, was Technologie und Wissenschaft zu bieten hatten. Sie stießen in einen Bereich vor, der jenseits aller Theorien und geordneter Informationen lag. Die theoretischen Erkenntnisse, die ihnen zur Verfügung standen, erklärten den gegenwärtigen Wissensstand – nicht aber die Möglichkeiten, die noch weiter in der Zukunft lagen.

Bis zu einem gewissen Grad entspricht Elon Musk dieser Charakterisierung. Erst mit den großen industriellen Laboren, in denen Grundlagenforschung betrieben wurde, sollte sich das Verhältnis von Erfindung und Theorie grundlegend ändern.

Der Aufstieg der Systemerbauer

Mit der steigenden Komplexität der technischen Lösungen übernahmen die Gestalter und Manager großer Systeme die Führung. Einer von ihnen war Samuel Insull, ein ehemaliger Mitarbeiter Edisons, der als Erbauer riesiger Energiesysteme in die Technikgeschichte einging. Insull und andere Leiter großer Stromnetze schufen Systeme zur Massenproduktion von Energie noch vor dem Entstehen des Ford-Systems – und nahmen dessen wesentliche Merkmale bereits vorweg.

Was Edison, Ford und Insull verband: Sie suchten nicht primär nach technischen, elektrischen oder chemischen Lösungen. Sie glaubten, die Antworten auf ihre Fragen zu finden, wenn sie sich nicht an die Grenzen der einzelnen Fachgebiete hielten. Wenn sie ein Problem nicht mit technischen Mitteln lösen konnten, versuchten sie ihrem Ziel mit politischen oder ökonomischen Methoden näherzukommen. Sie waren Systemdenker, keine Fachspezialisten.

Die dezentrale Gegenbewegung

Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf, Wirtschaft und Gesellschaft dezentraler, regionaler zu organisieren. Der Technikhistoriker Lewis Mumford glaubte, die geografische Region sollte anstelle der großen Industriestadt den Rahmen für gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten bilden. In den 1960er und 1970er Jahren wurden diese Gedanken aufgegriffen – beispielhaft im „Whole Earth Catalog“.

Im Zentrum stand die Energieversorgung und die Einführung sogenannter sanfter Technologien, wie sie der Physiker Amory B. Lovins propagierte: Eine Zukunft, in der große Stromversorgungssysteme von kleinen, dezentralisierten Quellen für erneuerbare Energie abgelöst würden. Wind, Sonne und pflanzliche Stoffe statt Kernenergie und Kohle. Diese sanften Technologien sollten keine besonderen Spezialkenntnisse erfordern, ihre Anwendung jedem verständlich sein.

Die Macht des Beharrungsvermögens

Was die Chancen solcher Entwürfe betrifft, dämpfte Hughes die Erwartungen. Man könnte glauben, dass die Ablösung großer, zentral kontrollierter Systeme durch das Zusammenwirken von Zufälligkeiten, Katastrophen und Veränderungen verursacht wird – wobei das technologische Beharrungsvermögen gebrochen und aus sozial bedingten Umständen ein neuer technologischer Stil entsteht.

Die Messlatte liegt jedoch sehr hoch: Ein Zusammentreffen äußerer Umstände, das ausreichte, der modernen Technologie ihr Beharrungsvermögen zu nehmen, müsste sich mit den Einflüssen vergleichen lassen, die in ihrem Zusammenwirken die erste industrielle Revolution in Großbritannien und die zweite in den Vereinigten Staaten ausgelöst haben.

Ein Anwendungsfall: 3D-Druck im Bauwesen

Hughes‘ Analyse lässt sich an einem aktuellen Beispiel überprüfen: dem 3D-Druck im Bauwesen. Die Technologie existiert, sie funktioniert, sie verspricht erhebliche Vorteile. In Beckum entstand 2020 das erste vollständig 3D-gedruckte Wohngebäude Deutschlands – 100 Stunden Druckzeit für ein komplettes Haus. Die Kennzahlen sind beeindruckend: 30 Prozent schnellere Bauzeiten, 10 Prozent Kostensenkung, ein Quadratmeter Wandfläche in etwa fünf Minuten. Zwei bis drei Personen genügen für die Bedienung eines Druckers.

Gleichzeitig befindet sich die Branche in einer fundamentalen Krise. Der Fachkräftemangel ist strukturell, die Ausbildungszahlen sinken, die Wohnungsbauziele werden dramatisch verfehlt. Wenn je eine Branche reif wäre für einen technologischen Umbruch, dann diese.

Und doch: Das Beharrungsvermögen des etablierten Systems erweist sich als zäh. Nur 18 Prozent der deutschen Baufirmen setzen durchgängig Building Information Modeling ein – jene digitale Planungsmethode, ohne die auch der 3D-Druck nicht skalieren kann.

Die Branche ist geprägt von kleinteiligen Strukturen, fragmentierten Wertschöpfungsketten und einer Kultur, die Bewährtes gegenüber Innovation bevorzugt. Die Digitalisierung scheitert nicht an der Verfügbarkeit von Technologie, sondern an der organisationalen Fähigkeit zu ihrer Adoption.

Hier zeigt sich Hughes‘ These in ihrer ganzen Schärfe: Neue Technologien brechen etablierte Systeme nicht einfach auf. Sie werden von ihnen absorbiert, marginalisiert oder bleiben auf Leuchtturmprojekte beschränkt. Die Geschichte deutscher Technologieinitiativen – von Industrie 4.0 über Gaia-X bis zur schleppenden BIM-Einführung – folgt diesem Muster mit ermüdender Regelmäßigkeit.

Die Gegenwart im Licht der Geschichte

Übertragen auf unsere Zeit lässt sich fragen: Reichen der Klimawandel, die geopolitischen Verwerfungen, das Aufkommen neuer Technologien und die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit aus, um einen neuen technologischen Stil hervorzubringen? Sind Künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien und dezentrale Netzwerke die Ingredienzen, derer es bedarf, um das Beharrungsvermögen der reifen technologischen Systeme aufzubrechen?

Hughes bleibt skeptisch. Die neuen Systeme – seien es elektronische, militärische, industrielle oder Computersysteme – zeigen im Allgemeinen hinsichtlich ihres Wachstums und der in ihnen wirkenden Kräfte das gleiche Muster. Gelegentlich verschwinden alte Systeme; an ihre Stelle treten sehr oft größere und komplexere. Mit BigTech, Quantencomputing und Künstlicher Intelligenz wird die technologische Landschaft nicht einfacher, sondern komplexer. Schon jetzt können die Systeme nur mit Mühe einigermaßen stabil gehalten werden.

Die entscheidende Frage

Wie lässt sich das noch regulieren? Welches Gesellschaftsmodell setzt das voraus? Welcher Konsens darüber, für welche Zwecke die Automatisierung eingesetzt wird, ist nötig?

Hughes‘ Mahnung bleibt aktuell: Wenn wir nach den Möglichkeiten für Veränderungen fragen, geht es um einen Konflikt zwischen dem technologischen Beharrungsvermögen und der sozialen Gestaltung der Technologie. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass zu den Kräften, welche die Technologie vorantreiben, menschliche Handlungen und Zielvorstellungen gehören, die schon in der Vergangenheit die Technologie gestaltet haben.

Die Geschichte der Technik lehrt: Dezentralisierung ist ein wiederkehrendes Versprechen. Ob es eingelöst wird, entscheidet sich nicht an der Technologie selbst – sondern an der Frage, ob die Beharrungskräfte der etablierten Systeme gebrochen werden können. Und dafür braucht es mehr als neue Erfindungen.

Ralf Keuper 


Quelle:

Die Erfindung Amerikas. Der technologische Aufstieg der USA seit 1870