Ralph Dommermuth, Gründer von United Internet, entlarvt im Handelsblatt eine perfide Praxis: Politik und Konzerne vermarkten Cloud-Lösungen mit europäischen Etiketten als „souverän“, obwohl sie auf US-Plattformen wie Microsoft Azure basieren und US-Recht unterliegen. Das „feinste Souveränitäts-Washing“ täuscht Manager über echte Unabhängigkeit hinweg – während Milliardenförderungen fließen, CLOUD Act-Zugriffe möglich bleiben und 80% der Wertschöpfung in den USA verbleiben. Die Risiken von Vendor Lock-in und geopolitischer Instrumentalisierung werden systematisch kaschiert.
Die Position des Praktikers
Dommermuth’s Kritik unterscheidet sich qualitativ von üblicher Souveränitätsdebatte. Als Gründer von United Internet, einem der größten europäischen Internet-Provider, spricht er aus praktischer Erfahrung mit digitalen Infrastrukturen und Geschäftsmodellen. Seine Warnung wiegt schwerer als die von Beobachtern, weil sie auf operativem Wissen beruht – dem Wissen eines Unternehmers, der selbst Milliarden in Netzinfrastruktur investiert und die Marktmechanismen versteht.
Seine Formulierung „feinstes Souveränitäts-Washing“ ist bewusst gewählt: Sie zieht die Parallele zu Greenwashing, wo Produkte als umweltfreundlich vermarktet werden, obwohl substanzielle ökologische Probleme bestehen bleiben. Beim Souveränitäts-Washing werden Cloud-Lösungen als europäisch und souverän vermarktet, obwohl die fundamentale Abhängigkeit von US-Konzernen und US-Recht fortbesteht.
Die Mechanik des Washing
Das Souveränitäts-Washing funktioniert durch eine charakteristische Kombination aus technischen Halbwahrheiten und Marketing-Etiketten. Produkte wie Delos Cloud (basierend auf Microsoft Azure) oder ähnliche „EU-Cloud“-Angebote verschiedener Anbieter versprechen digitale Souveränität durch:
- Lokale Rechenzentren: Server stehen physisch in Europa, Daten werden in Deutschland oder Frankreich gespeichert. Dies suggeriert Kontrolle und Datenschutz.
- DSGVO-Konformität: Die Dienste erfüllen formale europäische Datenschutzanforderungen und werden entsprechend zertifiziert.
- Europäische Betreibergesellschaften: Lokale Tochtergesellschaften oder Partner-Unternehmen operieren die Infrastruktur, was rechtliche Distanz zu US-Konzernen suggeriert.
- „Souveränitäts“-Labels: Marketing-Kommunikation betont europäische Kontrolle, Unabhängigkeit und Datenschutz.
Die Realität ist fundamental anders: Die Technologie-Plattform stammt von Microsoft, AWS oder Google. Die Software, die Algorithmen, die Management-Tools, die KI-Modelle – all das wird von US-Konzernen entwickelt und kontrolliert. Die 80% Wertschöpfung, die Dommermuth erwähnt, verbleiben in den USA: Forschung, Entwicklung, geistiges Eigentum, strategische Entscheidungen, Gewinne.
US-Recht trotz europäischer Server
Die entscheidende Täuschung liegt in der rechtlichen Dimension. Ein Rechenzentrum in Frankfurt ändert nichts daran, dass die Plattform US-Recht unterliegt. Der CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) gibt US-Behörden das Recht, von US-Unternehmen Zugriff auf Daten zu verlangen – unabhängig davon, wo diese physisch gespeichert sind.
Microsoft, Amazon und Google sind US-Unternehmen, die US-Gesetzen unterliegen. Wenn US-Behörden im Rahmen von Ermittlungen, nationaler Sicherheit oder anderen rechtlichen Verfahren Datenzugriff verlangen, müssen diese Unternehmen dem nachkommen – auch wenn die Daten auf europäischen Servern liegen.
Die lokalen Betreibergesellschaften oder Treuhänder-Modelle, die oft als Lösung präsentiert werden, bieten keinen substanziellen Schutz. Die technische Kontrolle über die Plattform liegt bei den US-Konzernen, und damit letztlich die faktische Kontrolle über die Daten. Die rechtlichen Konstruktionen sind Hüllen, die im Konfliktfall wenig Substanz haben.
Dommermuth’s Kritik trifft genau diesen Punkt: Die „souveränen“ Lösungen täuschen Unabhängigkeit vor, während die fundamentale Abhängigkeit von US-Rechtssystemen und -Plattformen fortbesteht. Manager werden beruhigt durch europäische Etiketten, ohne die tatsächlichen Risiken zu verstehen.
Der fortbestehende Vendor Lock-in
Das Souveränitäts-Washing kaschiert auch die technische Abhängigkeit. Eine „EU-Cloud“ basierend auf Microsoft Azure nutzt Azure-APIs, Azure-Datenformate, Azure-Architektur-Patterns, Azure-Management-Tools. Die europäische Verpackung ändert nichts an der fundamentalen Plattform-Bindung.
Der Vendor Lock-in ist dabei vielfältig:
- Technisch: Migration zu einer wirklich eigenständigen Plattform erfordert fundamentales Reengineering. Die Anwendungen sind auf Azure-spezifische Services optimiert.
- Organisatorisch: IT-Teams sind auf Azure-Tools trainiert, Prozesse auf Azure-Services ausgerichtet, Dokumentation plattformspezifisch.
- Wirtschaftlich: Die versunkenen Kosten in Integration, Training, Optimierung machen Wechsel irrational teuer.
- Ökosystem: Drittanbieter-Tools, Integrationen, Marktplatz-Services sind auf die US-Plattform ausgerichtet.
Die „souveräne“ Verpackung suggeriert Wechselfähigkeit, die faktisch nicht existiert. Dommermuth’s Hinweis auf fehlende „Wechselfähigkeit“ trifft diesen Punkt: Die Abhängigkeit ist strukturell, nicht nur vertraglich. Man kann den Anbieter-Namen ändern, aber nicht die fundamentale Plattform-Bindung.
Täuschung von Managern
Das Souveränitäts-Washing zielt primär auf Entscheider, die Souveränitäts-Anforderungen erfüllen müssen, ohne die technischen und rechtlichen Details zu durchdringen. Die europäischen Etiketten bieten eine bequeme Lösung: Man kann gegenüber Aufsichtsgremien, Datenschutzbeauftragten oder der Öffentlichkeit auf „souveräne“ Cloud-Dienste verweisen.
Die Beruhigungsfunktion ist dabei zentral. Manager können ihre Compliance-Anforderungen als erfüllt betrachten, ohne substanzielle (und teure) Änderungen vornehmen zu müssen. Die „EU-Cloud“ ermöglicht es, Souveränitäts-Checkboxen abzuhaken, während man weiterhin in vertrauten US-Ökosystemen arbeitet.
Dommermuth’s Kritik impliziert, dass diese Beruhigung gefährlich ist. Sie verhindert ehrliche Risikoanalyse und realistische Notfallplanung. Wenn Manager glauben, durch „souveräne“ Cloud-Dienste abgesichert zu sein, werden die tatsächlichen Verwundbarkeiten – CLOUD Act-Zugriffe, Sanktionsrisiken, geopolitische Instrumentalisierung – unterschätzt.
Die von Dommermuth erwähnte 12-Monate-Überlebensfähigkeit deutscher Unternehmen ohne US-IT illustriert das Ausmaß: Selbst wenn die Cloud-Dienste europäische Etiketten tragen, ist die fundamentale Abhängigkeit von US-Technologie unverändert. Im Krisenfall kollabiert das System.
Milliarden ohne Wirkung
Dommermuth kritisiert, dass milliardenschwere Förderungen fließen, ohne die Machtverhältnisse zu ändern. IPCEI-Programme (Important Projects of Common European Interest) und andere EU-Initiativen stellen erhebliche Mittel bereit – die aber oft an Projekte gehen, die auf US-Technologie basieren oder mit US-Konzernen kooperieren.
Das Paradox ist charakteristisch: Europäische Steuermittel finanzieren die Verpackung von US-Plattformen in europäische Etiketten. Die Fördergelder schaffen keine eigenständige Technologie, sondern subventionieren die lokale Vermarktung abhängiger Lösungen. Die 80% Wertschöpfung verbleiben in den USA, weil die substanzielle Arbeit – Forschung, Entwicklung, Plattform-Innovation – dort stattfindet.
Die Milliarden-Summen in den Ankündigungen gehören zur Inszenierung. Sie suggerieren Größenordnungen, die mit US-Investitionen vergleichbar erscheinen. Tatsächlich sind die Mittel fragmentiert, gehen an verschiedene Projekte mit unterschiedlichen Ansätzen, und ändern die fundamentale Wertschöpfungsstruktur nicht.
Die prognostizierten europäischen Cloud-Ausgaben von 452 Milliarden Dollar bis 2029 illustrieren das Scheitern: Diese Mittel fließen weitgehend an US-Konzerne – trotz oder gerade wegen der „souveränen“ Verpackung. Das Souveränitäts-Washing legitimiert die Ausgaben, ohne die Empfänger zu ändern.
Die geopolitische Verwundbarkeit
Dommermuth’s Warnung vor geopolitischen Risiken – konkret der möglichen Instrumentalisierung durch Trump – wird durch Souveränitäts-Washing verschärft, nicht entschärft. Manager wiegen sich in falscher Sicherheit, weil ihre „EU-Cloud“ europäische Etiketten trägt. Die tatsächliche Verwundbarkeit wird dadurch kaschiert:
- CLOUD Act: US-Behörden können jederzeit Datenzugriff verlangen. Die europäischen Server bieten keinen Schutz, wenn die Plattform US-Recht unterliegt.
- Export-Kontrollen: US-Technologie-Exporte können eingeschränkt werden. Eine „EU-Cloud“ basierend auf US-Software ist von solchen Entscheidungen betroffen.
- Sanktionen: Im Konfliktfall können US-Unternehmen gezwungen werden, Services einzuschränken oder zu beenden – unabhängig von europäischen Verträgen.
- Politischer Druck: Die Abhängigkeit schafft Hebel für transaktionale Politik. Trumps potenzielle Nutzung der digitalen Abhängigkeit als Druckmittel wird durch Souveränitäts-Washing nicht verhindert, sondern verschleiert.
Die „souveränen“ Labels verhindern möglicherweise, dass realistische Notfallpläne entwickelt werden. Wenn Entscheider glauben, durch „EU-Clouds“ abgesichert zu sein, fehlt der Druck, echte Alternativen zu schaffen oder Kollaps-Szenarien zu planen.
Zu spät und wirkungslos
Dommermuth’s Diagnose, dass die Initiativen „zu spät kommen“, hat besondere Bedeutung beim Souveränitäts-Washing. Diese Produkte entstehen nicht am Anfang der Cloud-Migration, sondern nachdem europäische Unternehmen bereits massiv in US-Plattformen investiert haben.
Das Timing ist kein Zufall: Souveränitäts-Washing ist eine Reaktion auf wachsende Souveränitätsbedenken, nicht ein proaktiver Versuch, Abhängigkeit zu verhindern. Die „EU-Clouds“ entstehen, weil die Abhängigkeit politisch problematisch wird – aber sie lösen das Problem nicht, sondern verpacken es um.
Die Pfadabhängigkeit ist dabei bereits etabliert: Unternehmen haben Millionen in Azure-Integrationen investiert, Teams auf AWS trainiert, Architekturen auf Google Cloud optimiert. Eine „souveräne“ Verpackung dieser Plattformen ändert nichts an der fundamentalen Bindung. Der Wechsel zu tatsächlich eigenständigen Lösungen wäre prohibitiv teuer – gerade weil man bereits so tief in US-Ökosystemen investiert hat.
Dommermuth’s Formulierung, dass die Abhängigkeit „täglich zunimmt“, beschreibt eine exponentielle Dynamik: Jede weitere Integration in „EU-Cloud“-Services, die auf US-Plattformen basieren, vertieft den Lock-in. Das Souveränitäts-Washing legitimiert diese Vertiefung, indem es sie als Souveränitäts-Gewinn vermarktet.
Die Logik des Washing
Warum funktioniert Souveränitäts-Washing? Die Mechanik ähnelt der von Greenwashing:
- Komplexität: Die technischen und rechtlichen Details sind für Nicht-Spezialisten schwer durchdringbar. Europäische Labels bieten scheinbar einfache Orientierung.
- Compliance-Druck: Organisationen stehen unter Druck, Souveränitäts-Anforderungen zu erfüllen. „EU-Cloud“-Angebote ermöglichen formale Compliance ohne substanzielle Änderung.
- Bequemlichkeit: Migration zu wirklich eigenständigen Plattformen wäre teuer und riskant. Souveränitäts-Washing bietet den bequemeren Weg.
- Marketing-Macht: US-Konzerne und ihre Partner haben professionelles Marketing. Die „souveränen“ Produkte werden mit erheblichem Aufwand beworben.
- Politische Unterstützung: Regierungen fördern diese Lösungen, weil sie politisch akzeptable Kompromisse darstellen zwischen Souveränitäts-Ansprüchen und wirtschaftlicher Realität.
Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Zyklus: Souveränitäts-Washing legitimiert die Abhängigkeit, die Abhängigkeit schafft Nachfrage nach Souveränitäts-Washing, die Nachfrage erzeugt weitere Produkte mit europäischen Etiketten.
Gaia-X als Ermöglichung
Initiativen wie Gaia-X werden in diesem Kontext nicht primär als Alternativen relevant, sondern als Ermöglicher des Souveränitäts-Washing. Gaia-X sollte ursprünglich eigenständige europäische Cloud-Infrastruktur schaffen, entwickelte sich aber zu einem Regelwerk für Zertifizierung und Interoperabilität – das auch US-Dienste umfasst.
Diese Transformation ist fatal: Gaia-X-Zertifizierung wird zum Qualitätssiegel für „souveräne“ Cloud-Dienste – auch wenn diese auf Azure, AWS oder Google Cloud basieren. Die Initiative, die Abhängigkeit überwinden sollte, legitimiert stattdessen Souveränitäts-Washing.
Die US-Konzerne werden Mitglieder europäischer Souveränitäts-Initiativen, erhalten Zertifizierungen, präsentieren ihre Produkte als konform mit europäischen Anforderungen. Die politischen Projekte, die Kontrolle zurückgewinnen sollten, werden zu Marketing-Instrumenten für die Perpetuierung der Abhängigkeit.
Unterschätzte Risiken, kaschierte Realität
Dommermuth kritisiert, dass Manager die Risiken unterschätzen. Das Souveränitäts-Washing ist dabei ein zentraler Mechanismus dieser Unterschätzung. Die europäischen Etiketten suggerieren, dass Risiken adressiert wurden. Die tatsächlichen Verwundbarkeiten bleiben:
- Kollapsrisiko: Die 12-Monate-Überlebensfähigkeit deutscher Unternehmen ohne US-IT gilt auch für „EU-Clouds“ auf US-Plattformen.
- Datenzugriff: CLOUD Act-Anforderungen können erfüllt werden müssen, unabhängig von lokalen Servern.
- Technologische Abhängigkeit: Die Plattform-Entwicklung liegt bei US-Konzernen. Europa hat keinen Einfluss auf Roadmaps, Features, Preisgestaltung.
- Wertschöpfungsstruktur: 80% verbleiben in den USA, weil die substanzielle Arbeit dort stattfindet.
Das Souveränitäts-Washing verhindert möglicherweise ehrliche Risikoanalyse. Solange Manager glauben, durch „souveräne“ Cloud-Dienste abgesichert zu sein, fehlt der Druck, echte Alternativen zu entwickeln oder realistische Notfallpläne zu erstellen.
Die Unmöglichkeit des Aufholens
Dommermuth’s Feststellung, es sei „nahezu unmöglich“ aufzuholen, erhält durch Souveränitäts-Washing besondere Schärfe. Die europäischen Etiketten legitimieren die fortgesetzte Nutzung von US-Plattformen – und verhindern damit Investitionen in tatsächliche Alternativen.
Warum sollten europäische Unternehmen in eigenständige Cloud-Plattformen investieren, wenn „souveräne“ Versionen von Azure und AWS verfügbar sind? Warum sollten Entwickler europäische Tools lernen, wenn sie weiter mit vertrauten US-Ökosystemen arbeiten können – nur mit europäischem Label?
Das Souveränitäts-Washing absorbiert die Nachfrage nach Souveränität, ohne sie zu befriedigen. Es schafft den Anschein, das Problem sei gelöst, und verhindert damit die schmerzhaften aber notwendigen Investitionen in echte Alternativen.
Die täglich zunehmende Abhängigkeit, die Dommermuth beschreibt, wird durch Souveränitäts-Washing sogar beschleunigt: Die europäischen Labels legitimieren die weitere Migration in US-Plattformen. Jede „EU-Cloud“-Integration ist faktisch eine Azure- oder AWS-Integration – mit allen Lock-in-Effekten, die Dommermuth kritisiert.
Dommermuth’s Alternative
Dommermuth investiert Milliarden in eigene Netzinfrastruktur – physische Netze, Glasfaser, 5G. Die implizite Botschaft: Echte Souveränität erfordert eigene Infrastruktur, nicht Marketing-Etiketten auf fremder Technologie.
Seine Strategie unterscheidet zwischen Bereichen, wo europäische Kontrolle noch möglich ist (physische Infrastruktur), und solchen, wo der Zug abgefahren ist (Cloud-Plattformen). Die Investitionen konzentrieren sich auf Ersteres, während er bei Letzterem Resignation äußert.
Die Kritik am Souveränitäts-Washing impliziert: Statt Milliarden in europäische Verpackungen von US-Plattformen zu investieren, sollte Europa in Bereiche investieren, wo tatsächliche Kontrolle noch erreichbar ist. Aber auch diese Strategie hat Grenzen: Netze sind wertvoll, aber die Wertschöpfung findet zunehmend in höheren Schichten statt – Plattformen, Services, KI.
Strukturelle Handlungsunfähigkeit
Dommermuth’s Warnung wird voraussichtlich wenig ändern, weil sie auf strukturelle Faktoren trifft:
Bequemlichkeit: Souveränitäts-Washing bietet den einfacheren Weg als Migration zu eigenständigen Plattformen.
- Versunkene Kosten: Millionen sind bereits in US-Plattformen investiert. Die „souveräne“ Verpackung erlaubt es, diese Investitionen fortzusetzen.
- Politische Ökonomie: US-Konzerne und ihre europäischen Partner haben starke Lobbying-Kapazitäten. Souveränitäts-Washing ist politisch akzeptabler als radikale Markteingriffe.
- Kognitive Dissonanz: Die europäischen Labels lösen die Spannung zwischen Souveränitäts-Anspruch und Abhängigkeits-Realität auf. Sie ermöglichen beide Narrative gleichzeitig.
Die Souveränitäts-Washing-Maschinerie wird weiter laufen, weil sie eine systemnotwendige Funktion erfüllt: Sie erlaubt es, die Abhängigkeit zu vertiefen, während man über Souveränität spricht. Neue „EU-Cloud“-Produkte werden folgen, mit neuen Zertifizierungen und Etiketten, die dieselbe Funktion erfüllen.
Offene Fragen
Dommermuth’s Kritik wirft grundlegende Fragen auf: Wenn „souveräne“ Cloud-Produkte auf US-Plattformen Täuschung sind, welche ehrlichen Alternativen gibt es? Radikale Verbote von US-Technologie in kritischer Infrastruktur? Massive Investitionen in eigenständige europäische Plattformen – mit dem Risiko zu scheitern? Nüchterne Akzeptanz der Abhängigkeit bei gleichzeitigem Aufbau von Resilienz?
Diese Fragen erfordern Abschied von der bequemen Illusion, dass europäische Etiketten auf US-Plattformen echte Souveränität schaffen. Sie verlangen ehrliche Analyse der tatsächlichen Kontrolle – und der Tatsache, dass diese Kontrolle weitgehend fehlt.
Die Alternative ist das Fortsetzen des Souveränitäts-Washing: Neue „EU-Cloud“-Produkte, neue Zertifizierungen, neue europäische Etiketten – während die fundamentale Abhängigkeit von US-Konzernen und US-Recht sich vertieft, die Wechselkosten steigen und die Verwundbarkeit wächst.
Dommermuth warnt vor einer Täuschung, die bereits Geschäftsmodell ist. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, diese Täuschung zu erkennen – oder ob das Souveränitäts-Washing weiter floriert, weil es eine bequeme Lösung für ein unbequemes Problem bietet.
Quellen:
Handelsblatt-Interview (Hauptquelle): „Es ist nahezu unmöglich, den US-Vorsprung aufzuholen… Das ist feinstes Souveränitäts-Washing.“
https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/ralph-dommermuth-es-ist-nahezu-unmoeglich-den-us-vorsprung-aufzuholen-01/100191375.html
Wechange Coop (Abhängigkeit): Details zu 265 Mrd. Euro Abhängigkeit, 80% US-Wertschöpfung, 12 Monate Risiko.
https://wechange.coop/2026/01/16/europas-digitale-abhaengigkeit/
Stackfield Blog (Souveränitäts-Washing): Definition als Täuschung mit EU-Labels bei US-Tech.
https://www.stackfield.com/de/blog/souveraenitaets-washing-297
Zendis Whitepaper: Souveränitäts-Washing bei Cloud-Diensten erkennen. https://www.zendis.de/media/pages/newsroom/publikationen/souveraenitaets-washing/751a2c5eb1-1755243871/zendis-whitepaper-souveraenitaets-washing
ChannelPartner: Debatte zu Washing vs. Übergangslösungen.
https://www.channelpartner.de/article/4117535/souveranitats-washing-oder-brauchbare-ubergangslosung.html

