Wenn ein Unternehmen für deutsche Ingenieurskunst stand, dann war es die Linde AG. Verantwortlich dafür war der Gründer des Unternehmens, Carl von Linde. Linde war einer der wenigen Gründer, der drei Rollen, die des Wissenschaftlers, des Technikers und Unternehmers in einer Person vereinigte. Ein klassischer Unternehmer war er ohnehin nicht. Zwar ging die Gründung des Unternehmens auf ihn zurück; er selber war jedoch zu keinem Zeitpunkt der Hauptanteilseigner. Linde wechselte in den ersten Jahrzehnten in seiner Eigenschaft als Professor für Maschinenlehre an der TU München und als Chef eines aufstrebenden Technologieunternehmens zwischen Theorie und Praxis. Sein berühmtester Student und Mitarbeiter ist zweifellos Rudolf Diesel, der seinen Lehrer und Chef an Bekanntheit noch weit übertreffen sollte.

Ein selbständiger Erfinder, wie ihn Thomas Hughes in seinem ebenfalls lesenswerten Buch Die Erfindung Amerikas charakterisiert, war Linde jedoch nicht – jedenfalls nicht ganz, wie Hans Liudger Dienel in Die Linde AG. Geschichte eines Technologiekonzerns 1879 – 2004 schreibt.

Auf den Erfinderingenieur Carl von Linde treffen einige charakteristische Merkmale unabhängiger Erfinder zu, die Thomas Hughes aufzählt. Der maschinentechnische Pionier Linde war eindeutig experimentell ausgerichtet, die Theorie war eine Hilfswissenschaft. Linde erfand Erfindungsmethoden, er umgab sich mit einem Team von Mechanikern und Assistenten und wurde Teilhaber an der die Patente ausbeutenden Firma. Doch seine Kartause war nur zeitweise die eigene Münchener Versuchsstation. Sein eigentliches Domizil waren vielmehr die Montageplätze der verkauften Maschinen, sein erfinderischer Erfolg resultierte gerade aus der engen Kooperation mit den Anwendern – ein wichtiger Unterschied zu der angeblichen Menschenflucht der selbständigen Erfinder von Thomas Hughes. Linde hatte außerdem eine zweite und dritte Identität als Wissenschaftler und Unternehmer. Sein Erfolg beruhte zu einem guten Teil darauf, dass er eine wissenschaftliche, technische und unternehmerische Identität trennen, dabei bewahren und so ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Erfindung und Unternehmensmanagement sein konnte. … sein Geschick im Umgang mit Mitarbeitern wie Kunden und schließlich ein gut ausgebildeter, vorausschauender Instinkt für Geschäfte und Märkte waren die notwendige Grundlage für den Erfolg der Gesellschaft für Lindes Eismaschinen. Der wissentschaftliche Hintergrund und die wissenschaftliche Selbststilisierung trugen zu diesem Erfolg bei, erklären ihn aber nicht hinreichend. Als Vorstand handelte Linde wie ein Unternehmer und nicht mehr wie ein Professor oder Forscher. Seine Stärke lag aber darin, dass er sich eine grundsätzliche technische und wissenschaftliche Neugier bewahrte und professionell ausleben konnte.

Seine erfolgreichsten Erfindungen gelangen Linde und seinen Mitarbeitern bei der Entwicklung großer Kältesysteme für Brauereien und in der Tieftemperaturtechnik, wobei Rückschläge und Irrwege nicht ausblieben.

Die ersten Investoren von Lindes Eismaschinen waren die Brauereibesitzer Gabriel und Johann Sedlmayr, der Industrielle Georg Krauss und der damalige Chef der späteren MAN, Heinrich von Buz. Wenig später kam noch der Besitzer der Mainzer Aktienbierbrauerei, Gustav Jung, dazu.

Die ersten Jahrzehnte ihrer Existenz trat Linde Eismaschinen als Ingenieurbüro am Markt auf. Mit der Fertigung der Eismaschinen wurden Maschinenbauunternehmen wie MAN und Sulzer beauftragt.

Diese Konstruktion war typisch für die Frühzeit der Kältemaschinenfertigung, als unabhängige Erfinder ihre Produkte zu vermarkten suchten. Der Kältemaschinenbau wurde den Maschinenbaufirmen überlassen. Ein wichtiger Unterschied etwa zu Windhausens Eismaschinen AG war aber, dass sich die Linde-Gesellschaft die Kundenkontak…

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