Bari Weiss‘ radikaler Umbau von CBS News markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die alle großen US-Nachrichtensender erfasst hat: Der Niedergang des linearen Fernsehens zwingt zu fundamentalen Strategieentscheidungen. CBS, CNN und NBC wählen dabei unterschiedliche Pfade – zwischen disruptiver Neuerfindung, institutioneller Konsolidierung und diversifizierter Markenexpansion. Ein Vergleich offenbart nicht nur verschiedene Krisenstrategien, sondern auch die Grenzen traditioneller Medienorganisationen im Zeitalter plattformbasierter Öffentlichkeit.


Die strukturelle Krise des Nachrichtenfernsehens

Die amerikanische Fernsehnachrichtenlandschaft durchläuft eine Phase fundamentaler Infragestellung. Sinkende Werbeerlöse, alternde Zuschauerschaft und fragmentierte Aufmerksamkeitsökonomien haben das klassische Geschäftsmodell ausgehöhlt. Was einst durch hohe Eintrittsbarrieren und oligopolistische Marktstrukturen geschützt war, sieht sich nun einer doppelten Herausforderung gegenüber: technologischer Disruption durch digitale Plattformen und einer Legitimationskrise gegenüber zunehmend skeptischen Öffentlichkeit.

Die Reaktionen der drei großen Nachrichtenorganisationen CBS, CNN und NBC auf diese Transformation folgen unterschiedlichen institutionellen Logiken – und offenbaren dabei jeweils spezifische Annahmen über Zukunftsfähigkeit im Mediensektor.

CBS: Radikale Neupositionierung als „kapitalisiertes Start-up“

Bari Weiss‘ Ansatz bei CBS News stellt den disruptivsten Versuch dar, die Institution von Grund auf neu zu denken. Ihre Selbstbeschreibung als „am besten kapitalisiertes Medien-Start-up der Welt“ signalisiert eine fundamentale Abkehr von etablierten Organisationsmustern des Nachrichtenfernsehens.

Die Strategie basiert auf mehreren Kernelementen: erstens der Aufwertung digitaler Kanäle von Ergänzungsmedien zu gleichwertigen Distributionsplattformen. Klassisches Fernsehen wird zum „Vertriebskanal unter vielen“ herabgestuft – eine bemerkenswerte Umkehrung bisheriger Hierarchien. Zweitens setzt Weiss auf personalisierte Journalisten-Marken, die als „Schweizer Taschenmesser“ verschiedene Formate bedienen können. Drittens versucht sie durch ideologisch diverse Kommentatoren – von Andrew Huberman bis Niall Ferguson – ein breiteres Spektrum abzudecken und damit die Positionierung jenseits des „traditionellen linksliberalen Spektrums“ zu etablieren.

Diese Strategie trägt deutlich die Handschrift digitaler Mediengründungen: Fokus auf Personalisierung, Plattformflexibilität und bewusste Kontroversität als Reichweitenstrategie. Gleichzeitig birgt sie erhebliche Risiken. Die Umstellung einer etablierten Institution mit gewachsenen Strukturen, Arbeitskulturen und Publikumserwartungen auf Start-up-Logiken erzeugt unweigerlich Reibungsverluste – sichtbar etwa an der Kontroverse um die gestoppte „60 Minutes“-Recherche über die Zustände in Gefängnissen in El Salvador.

CNN: Institutionelle Konsolidierung durch technologische Modernisierung

Mark Thompsons Ansatz bei CNN folgt einer konservativeren, aber möglicherweise nachhaltigeren Logik. Als ehemaliger Leiter von BBC und New York Times verkörpert er den Typus des Modernisierers etablierter Qualitätsinstitutionen. Seine Strategie zielt nicht auf radikale Disruption, sondern auf kontrollierte Transformation.

Im Zentrum steht der Aufbau digitaler Infrastrukturen – die App „CNN Max“, personalisierte Push-Formate, abonnementbasierte Produkte – bei gleichzeitiger Reduktion klassischer TV-Shows. Inhaltlich betont Thompson „Verlässlichkeit und Distanz zu parteipolitischer Polarisierung“ – ein Versuch, CNN als „Pflichtquelle in jeder Krise“ neu zu etablieren.

Diese Strategie setzt auf die Hypothese, dass Qualitätsjournalismus langfristig Zahlungsbereitschaft generiert, wenn er technologisch zeitgemäß präsentiert wird. Sie vermeidet bewusst die bei CBS zu beobachtende ideologische Neupositionierung und setzt stattdessen auf professionelle Exzellenz als Differenzierungsmerkmal.

NBC: Diversifizierung durch Markenexpansion

NBC verfolgt einen dritten Weg: statt radikaler Transformation oder fokussierter Konsolidierung setzt der Sender auf Diversifizierung durch Markenmultiplikation. Nachrichten werden zunehmend in Entertainment- und Lifestyle-Formate integriert, vertikal differenzierte Marken wie „NBC News Now“ oder „Stay Tuned“ für unterschiedliche Plattformen und Zielgruppen entwickelt.

Der Ansatz basiert auf Personality-Marketing – Figuren wie Rachel Maddow werden zu Multi-Plattform-Marken ausgebaut – und einem Hybridmodell zwischen Meinungsjournalismus und Popkultur. Strukturreformen fallen weniger radikal aus; stattdessen wird die bestehende Organisation durch neue Formate und Kanäle erweitert.

Diese Strategie minimiert Transformationsrisiken, verzichtet aber auch auf klare strategische Positionierung. Sie setzt darauf, durch Vielfalt Reichweite zu sichern – mit dem Risiko diffuser Markenidentität.

Vergleichstabelle der Digitalstrategien von CBS News, CNN und NBC

Systemische Grenzen und offene Fragen

Der Vergleich der drei Strategien offenbart eine grundlegende Spannung: Alle drei Ansätze reagieren auf dieselbe strukturelle Krise – den Bedeutungsverlust linearer Medien in fragmentierten, plattformbasierten Öffentlichkeiten. Doch ihre Lösungsansätze folgen unterschiedlichen Organisationslogiken und basieren auf divergierenden Annahmen über zukünftige Medienökonomien.

CBS wählt den Weg maximaler Disruption – mit entsprechend hohem Transformationsrisiko. Die Frage ist, ob eine etablierte Institution mit gewachsenen Strukturen tatsächlich als „Start-up“ operieren kann, oder ob die organisatorischen Pfadabhängigkeiten zu groß sind. CNN setzt auf institutionelle Qualität und technologische Professionalität – riskiert aber, in der Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien unsichtbar zu bleiben. NBC diversifiziert Risiken durch Markenvielfalt – läuft aber Gefahr, strategische Klarheit zu verlieren.

Allen drei Ansätzen gemeinsam ist jedoch eine zentrale Leerstelle: Sie reagieren primär auf technologische und ökonomische Veränderungen, adressieren aber nur unzureichend die tieferliegende Legitimationskrise institutioneller Medien. Die Frage nach Vertrauen, Relevanz und gesellschaftlicher Funktion journalistischer Institutionen wird durch Plattformstrategien und Formatinnovationen allein nicht beantwortet werden können.

Die kommenden Jahre werden zeigen, welcher der drei Wege – oder welche Kombination daraus – tragfähig ist. Wahrscheinlich ist, dass keine der Strategien in Reinform erfolgreich sein wird, sondern dass erfolgreiche Transformation adaptive Elemente aus allen drei Ansätzen integrieren muss: technologische Modernisierung, strategische Fokussierung und kontrollierte Innovation. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei weniger in der Wahl des richtigen Distributionskanals als in der Neudefinition der gesellschaftlichen Rolle journalistischer Institutionen in einer Zeit fundamentaler medialer Umbrüche.


Quellen:

New York Times (27.01.2026): „Bari Weiss Urges CBS News to Think Like a ‚Start-Up’“. Detaillierte Berichterstattung über das erste All-Hands-Meeting, Weiss’ Vision und Kontroversen.
https://www.nytimes.com/2026/01/27/business/media/bari-weiss-cbs-news-town-hall.html

NPR (27.01.2026): „Bari Weiss to cut staff, add commentators at CBS News“. Über Weiss’ Pläne zur Personalauswahl und Umstrukturierung.
https://www.npr.org/2026/01/27/nx-s1-5689849/after-rocky-start-bari-weiss-to-cut-staff-add-commentators-at-cbs-news

Yahoo Entertainment (27.01.2026): „Bari Weiss pushes a digital plan in attempt to move past her rocky start at CBS News“. Fokus auf Digitalisierung und Monetarisierung.
https://www.yahoo.com/entertainment/tv/articles/bari-weiss-pushes-digital-plan-233354848.html

Axios (27.01.2026): „Bari Weiss adds new podcasters and writers as CBS contributors“. Liste der neuen Beitragsgeber wie Huberman, Ferguson und Lewis.
https://www.axios.com/2026/01/27/bari-weiss-cbs-contributors

Business Insider (27.01.2026): „Leaked audio: Bari Weiss tells staff CBS News is ‚toast‘ if it clings to broadcast“. Zitate aus dem Meeting und Kontext zu Ellison.
https://www.businessinsider.com/bari-weiss-cbs-news-vision-leaked-all-hands-meeting-2026-1

​Deadline (27.01.2026): „Bari Weiss Unveils Her Strategy For CBS News“. Ergänzende Infos zu Streaming-Mentalität und Formatinnovationen.
https://deadline.com/2026/01/bari-weiss-cbs-news-strategy-1236698530/

Poynter (2025): „Inside the 5-year strategy to create a paid CNN“. Über Mark Thompsons Digital- und Abonnementpläne bei CNN.
https://www.poynter.org/commentary/analysis/2025/cnn-paid-digital-plan-weather-alex-maccallum/

Digiday (29.10.2024): „Future of TV Briefing: A Q&A with MSNBC’s Rashida Jones“. Strategie zu YouTube, TikTok und App-Expansion bei MSNBC/NBC.
https://digiday.com/future-of-tv/future-of-tv-briefing-a-qa-with-msnbcs-rashida-jones/