Amazon, Apple und Tesla gelten als Beweis, dass der amerikanische Kapitalismus doch funktioniert – Innovation statt Substanzverlust, Disruption statt Downsizing. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Die Tech-Giganten haben die Defizite des kurzfristigen Finanzkapitalismus nicht überwunden, sondern nur verschoben. Die Entkopplung von Produktivität und breitem Wohlstand ist heute extremer als je zuvor, nur räumlich und sozial anders verteilt.
Als Henry Mintzberg 2006 in How Productivity Killed American Enterprise den amerikanischen „Produktivitätsboom“ als Illusion entlarvte, traf er einen Nerv. Manager, so seine Diagnose, trieben Aktienkurse durch Downsizing, Kostensenkung und Markenverwässerung hoch, während sie systematisch die Substanz ihrer Unternehmen zerstörten: Wissen, Motivation und Loyalität der Beschäftigten erodierten, die Quartalsberichterstattung dominierte über langfristige Produkt- und Kundenpflege, „Human Resources“ ersetzten Menschen als Gemeinschaftsmitglieder. Die Last trugen Arbeiter und mittlere Manager durch Reallohnstagnation und unsichere Jobs, während Unternehmensgewinne und Managergehälter explodierten.
Mintzberg stellte diesem amerikanischen Managementmodell – das unter dem Label Globalisierung exportiert wurde, obwohl es bereits im eigenen Land scheiterte – Gegenbeispiele wie Toyota, Mondragón oder BMW entgegen: Unternehmen als Gemeinschaften, in denen langfristige Gesundheit, Mitbestimmung und „Community-ship“ wichtiger sind als kurzfristige Kennzahlen.
Doch dann kamen die 2010er Jahre. Amazon, Apple, Tesla und andere Tech-Giganten wuchsen zu den wertvollsten Unternehmen der Geschichte heran. Die „Magnificent Seven“ steigerten ihre Marktkapitalisierung von rund 1,1 Billionen Dollar 2012 auf über 20 Billionen Dollar bis 2025. War Mintzbergs Kritik also obsolet geworden?
Die verschobene Problematik
Die Antwort lautet: Nein – aber die Problematik hat sich verschoben. Die erfolgreichen Tech-Konzerne haben Mintzbergs Methode vermieden, nicht aber seine Logik. Sie praktizieren keine quartalsgetriebene Substanzaushöhlung durch Downsizing, sondern investieren massiv in Technologie, Plattformen und Ökosysteme. Ihre Produktivitätsgewinne beruhen auf echter Innovation und Skaleneffekten, nicht auf reiner Kostensenkung.
Doch genau hier liegt die Täuschung: Amazon praktiziert extremen Shareholder Value mit anderen Mitteln – Zero-Profit-Strategie über Jahre, um Marktmacht aufzubauen, extreme Arbeitsbedingungen in Warehouses, systematische Zerstörung von Handelsmittelstand und Zulieferern. Die „Gemeinschaft“, die Mintzberg forderte, existiert nur innerhalb der Zentralen, nicht im Gesamtsystem. Apple baut kein Gemeinschaftsmodell, sondern ein Ökosystem mit Lock-in-Effekten; die Wertschöpfung wird zu Foxconn verlagert, wo Mintzbergs Kritik eins zu eins zutrifft.
Tesla verkörpert den Extremfall jener heroischen CEO-Logik, die Mintzberg kritisierte – nur mit einem Unterschied: Elon Musk innoviert tatsächlich. Er revolutionierte E-Mobilität und Raumfahrt, während er gleichzeitig alle problematischen Merkmale maximiert, die Mintzberg anprangerte. Management per Twitter-Dekret statt institutioneller Prozesse, systematische Burnout-Kultur als Heldenmythos, regulatorische Arbitrage als Geschäftsmodell (Profite durch CO2-Zertifikate statt Autoverkäufe, OSHA-Verstöße, Autopilot-Marketing), Anti-Gewerkschaftskampagnen und Massenentlassungen per Ultimatum-Mail. Das Verstörende an Tesla: Es beweist, dass man trotz – oder durch? – an Ausbeutung grenzende Praktiken und chaotischer Führung tatsächlich Durchbrüche erzwingen kann. Aber die Kosten werden vollständig externalisiert: auf Arbeiter, auf Gesellschaft, auf Kunden als Beta-Tester. Tesla ist keine organisationale Gemeinschaft, sondern ein Vehikel für Musks Vision, dessen Erfolg an seiner Person hängt – genau die Fragilität, vor der Mintzberg warnte.
Die strukturelle Polarisierung
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Innovation unter Shareholder-Value-Regime unmöglich wäre – die Tech-Konzerne beweisen das Gegenteil. Der Punkt ist: Die gesellschaftlichen Kosten werden externalisiert, und zwar in verschärfter Form.
Mintzbergs Kernthese lautete, dass kurzfristige Gewinnmaximierung die Unternehmensgemeinschaften zerstört. Eingetreten ist mehr: die Transformation ganzer Wertschöpfungsstrukturen zu Plattformökonomien, in denen „Gemeinschaft“ nur noch für die Gewinner gilt. Die Winner-takes-all-Dynamik hat sich dramatisch verschärft: Während fünf bis sieben Plattformen immense Gewinne machen, erodiert das Mittelfeld – genau jene Konzentration, vor der Mintzberg warnte.
Die Polarisierung manifestiert sich geografisch: Innovation konzentriert sich in Bay Area und Seattle, während der Rust Belt verödet – eine räumliche Übersetzung seiner Community-Kritik. Sie manifestiert sich sozial: Hochbezahlte Wissensarbeiter, die tatsächlich „Gemeinschaft“ erleben, stehen prekären Gig-Workern, Warehouse-Beschäftigten und Zulieferern in Asien gegenüber. Und sie manifestiert sich ökonomisch: Die Entkopplung von Produktivität und breiter Wohlstandsverteilung, die Mintzberg diagnostizierte, hat sich verstärkt. Seit 2000 ist die reale Wertschöpfung pro Beschäftigten deutlich schneller gewachsen als die Löhne, der Gewinnanteil am Volkseinkommen stieg kräftig, die reichsten zehn Prozent besitzen heute 93 Prozent aller Aktien.
Die deutsche Ironie
Für die deutsche Wirtschaft ergibt sich daraus eine bitter-ironische Konstellation. Wo Unternehmen Mintzbergs Management-Moden folgten – Shareholder-Value-Rhetorik, Quartalsdenken, Ausgliederung von „Non-Core“ –, scheiterten sie kläglich. Wo deutsche Unternehmen wie BMW, Hidden Champions oder der Mittelstand faktisch langfristig, gemeinschaftsorientiert und produktfokussiert blieben, hielten sie mit – allerdings nur begrenzt. Denn gegen Plattformmacht helfen auch Gemeinschaftswerte nicht, wenn die Architektur der Wertschöpfung grundlegend umgebaut wird. Die deutsche Industrie demonstriert beides: dass Mintzbergs Kritik an kurzfristigem Finanzdenken berechtigt war, und dass seine Gegenmodelle unter den Bedingungen der Plattformökonomie nicht ausreichen.
Die globalisierte Diagnose
Mintzberg lag also nicht daneben – seine Kritik war zu zahm. Er warnte vor der Zerstörung einzelner Unternehmensgemeinschaften. Eingetreten ist die Transformation ganzer Wirtschaftsstrukturen, in denen die von ihm beschriebenen Mechanismen nicht verschwunden, sondern in neue Formen gegossen wurden. Die erfolgreichen Tech-Konzerne haben seine Methoden vermieden, aber seine strukturelle Kritik bestätigt: Sie haben Innovationskraft mit extremer Machtkonzentration, Produktivitätsgewinnen mit gesellschaftlicher Polarisierung und langfristigem Denken (für sich selbst) mit der Externalisierung von Risiken verbunden.
Der Tech-Boom hat Mintzbergs Befund nicht widerlegt, sondern globalisiert: Die Entkopplung von Produktivität und breitem Wohlstand ist heute extremer als im Jahr 2000, nur anders verteilt. Die Gemeinschaft existiert für die Gewinner – als hochbezahlte Wissensarbeiter in Konzernen, die faktisch tun, was Mintzberg forderte: langfristig denken, intensiv in Fähigkeiten investieren, Ökosysteme aufbauen. Für alle anderen gilt das Gegenteil: Prekarisierung, Verdrängung, Abkopplung.
Die Ironie der Geschichte ist vollständig: Mintzbergs Kritik am amerikanischen Managementmodell erwies sich als korrekt – aber die Alternative, die er vorschlug, wurde von genau jenen Akteuren praktiziert, die seine Diagnose in globaler Dimension realisierten. Big Tech zeigt, dass man gewinnt, wenn man das Gegenteil dessen tut, was man predigt: Shareholder-Value-Rhetorik nach außen, langfristige Gemeinschaftslogik nach innen, Externalisierung der Kosten nach unten.
Was bleibt, ist die Frage, die Mintzberg schon damals stellte, die aber heute drängender ist: Wie lässt sich verhindern, dass die Produktivitätsgewinne weniger in noch größerer Vermögenskonzentration münden, während die Substanz – nicht einzelner Unternehmen, sondern ganzer Gesellschaften – erodiert?
Ralf Keuper
Quellen:
Magnificent Seven Marktkapitalisierung
Marktkapitalisierung 2012-2025
Visual Capitalist: „Charted: The Surging Value of the Magnificent Seven (2000-2024)“ – https://www.visualcapitalist.com/cp/charted-the-surging-value-of-magnificent-seven-2000-2024/
Voronoi: „The Magnificent Seven: U.S. Big Tech Market Cap Boom“ – https://www.voronoiapp.com/markets/-The-Magnificent-Seven-US-Big-Tech-Market-Cap-Boom-2000Q3-2025-1612
Motley Fool: „The Magnificent Seven’s Market Cap vs. the S&P 500“ – https://www.fool.com/research/magnificent-seven-sp-500/
Produktivitäts-Lohn-Entkopplung
Entkopplung von Produktivität und Löhnen seit 2000
Economic Policy Institute: „The Productivity–Pay Gap“ – https://www.epi.org/productivity-pay-gap/
EPI: „Understanding the Historic Divergence Between Productivity and a Typical Worker’s Pay“ – https://www.epi.org/publication/understanding-the-historic-divergence-between-productivity-and-a-typical-workers-pay-why-it-matters-and-why-its-real/
EPI: „Growing inequalities, reflecting growing employer power“ – https://www.epi.org/blog/growing-inequalities-reflecting-growing-employer-power-have-generated-a-productivity-pay-gap-since-1979-productivity-has-grown-3-5-times-as-much-as-pay-for-the-typical-worker/
BLS: „Understanding the labor productivity and compensation gap“ – https://www.bls.gov/opub/btn/volume-6/pdf/understanding-the-labor-productivity-and-compensation-gap.pdf
Vermögenskonzentration
Top 10% besitzen 93% aller Aktien
Fortune: „Stock market wealth: record 93% owned by richest 10%“ – https://fortune.com/2024/01/13/how-rich-wealthy-stock-market-investors-inequality-day-traders-record-high/
Yahoo Finance: „The wealthiest 10% of Americans own 93% of all U.S. stocks“ – https://finance.yahoo.com/news/wealthiest-10-americans-own-93-033623827.html
Axios: „The rich now own a record share of stocks“ –https://www.axios.com/2024/01/10/wealthy-own-record-share-stock-market
Inequality.org
„The Richest 1 Percent Own a Greater Share of the Stock Market Than Ever Before“ – https://inequality.org/article/stock-ownership-concentration/
Tesla Emissionszertifikate
Tesla Profite durch CO2-Zertifikate
Carbon Credits: „Tesla’s Carbon Credit Revenue Soars to $2.76 Billion“ – https://carboncredits.com/teslas-carbon-credit-revenue-soars-to-2-76-billion-amid-profit-drop/
DGB Green Earth: „Why Tesla is winning in the carbon market“ – https://www.green.earth/net-zero/case-studies/why-tesla-is-winning-in-the-carbon-market-and-whats-next
Axios: „Tesla’s easy money from clean car credits at risk“ – https://www.axios.com/2025/01/09/tesla-clean-credits-trump
E&E News: „Tesla built Musk’s vast wealth through climate credits“ – https://www.eenews.net/articles/musk-made-a-fortune-on-climate-credits-trump-is-targeting-them/
Global Fleet: „Tesla’s dominance over the carbon credit market explained“ – https://www.globalfleet.com/en/manufacturers/global/analysis/teslas-dominance-over-carbon-credit-market-explained
Tesla Arbeitssicherheit
OSHA-Verstöße und Verletzungsraten
AA Law: „Tesla Received Triple the Amount of OSHA Complaints“ – https://aa.law/blog/tesla-received-triple-the-amount-of-osha-complaints-than-the-10-largest-us-car-factories-combined/
ABC7: „Tesla worker injuries higher than traditional automakers“ – https://abc7news.com/better-bay-area-building-a-tesla-iteam/5708234/
Fortune: „Tesla sent incomplete worker safety injury reports“ – https://fortune.com/2020/03/06/tesla-incomplete-worker-safety-injury-reports-factory-california-regulator/
EHS Today: „Tesla: Is Safety Sacrificed to Production?“ – https://www.ehstoday.com/safety-leadership/article/21919066/tesla-is-safety-sacrificed-to-production
CNBC: „Tesla’s safety problems at its Nevada Gigafactory“ – https://www.cnbc.com/2019/11/12/tesla-gigafactory-safety-problems-detailed-by-usa-today.html
AFL-CIO: „Memorandum on Elon Musk OSHA cases“ – https://aflcio.org/sites/default/files/2025-04/Memo%20on%20Elon%20Musk%20OSHA%20cases_.pdf
