Die höfische Gesellschaft des Ancien Régime ist längst Geschichte. Aber das Muster, das Norbert Elias in ihr beschrieben hat – das Ineinander-Verstricktsein von Eliten, das keiner mehr auflösen kann –, ist quicklebendig. Es erklärt nicht nur, warum deutsche Industrie-Konsortien scheitern und politische Klassen hyperaktiv kommunizieren, ohne etwas zu verändern. Es erklärt auch, warum ein Alfred Herrhausen – Insider mit Distanz zur eigenen Position, strategisch eigensinnig, zur offenen Kontroverse bereit – heute die Karrierepfade, die zu solchen Positionen führen, gar nicht mehr durchlaufen würde. Figurationen blockieren nicht nur den Handlungsspielraum. Sie selektieren mit der Zeit gegen die Persönlichkeitsstrukturen, die den Clinch von innen lockern könnten. Ein Essay über diese doppelte Verarmung.


Es gibt Bilder, die eine ganze Gesellschaft erklären. Norbert Elias hat eines gefunden: zwei Boxer im Clinch. Keine der beiden Seiten wagt es, auch nur die geringste Veränderung ihrer Position vorzunehmen – weil jede befürchtet, dass die andere daraus Vorteile ziehen könnte. Es gibt keinen Ringrichter, der die Verklammerung lösen kann. Und so stehen sie, ineinander verkeilt, während die Zeit vergeht.

Elias beschreibt damit die höfische Gesellschaft des Ancien Régime. Aber er meint damit auch uns.

Figuration statt System

Elias‘ großes Werk Die höfische Gesellschaft ist kein historisches Buch über Ludwig XIV. Es ist eine Soziologie des Zwangs – und einer der seltenen Versuche, zu erklären, warum Gesellschaften sich nicht ändern, obwohl alle Beteiligten wissen, dass sich etwas ändern müsste.

Der zentrale Begriff ist die Figuration: das Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten, das Menschen miteinander bilden und das sie in ihrem Verhalten formt. Elias ist dabei misstrauisch gegenüber allem, was so tut, als könne man Gesellschaft ohne Einzelmenschen analysieren – als ob „Systeme“ ein Eigenleben jenseits der Menschen führten, die sie bilden. Figurationen haben eine relative Eigenständigkeit, aber keine Existenz jenseits von Individuen überhaupt.

Das klingt nach akademischer Feinarbeit. Aber die Konsequenz ist radikal: Wenn Dysfunktionalitäten nicht aus dem Versagen einzelner Akteure entstehen, sondern als strukturelle Emergenz – als Resultat von Konstellationen, in denen niemand die Gesamtrichtung kontrolliert, aber alle durch das Getriebe ihrer Abhängigkeiten gebunden sind –, dann ist Personalwechsel keine Antwort. Man kann die Boxer austauschen. Der Clinch bleibt.

Das gespenstische Perpetuum mobile

Am Hof Ludwigs XIV. entwickelte sich ein Zeremoniell, das niemand wirklich wollte und das dennoch alle aufrecht erhielten. Die Etikette – welcher Herzog das Hemd des Königs reichte, wer zu welchem Lever Zutritt hatte, wer wem nicht weichen durfte – wurde nicht durch ihren Sinn getragen, sondern durch den Konkurrenzdruck der darin verstrickten Menschen. Jede Abweichung bedeutete einen Rangverlust. Also trug man die Etikette weiter, widerwillig, aber unausweichlich.

Elias nennt das ein „gespenstisches Perpetuum mobile“. Die Maschine läuft nicht, weil sie nützlich ist, sondern weil alle, die sie anhalten könnten, durch eben diese Maschine in ihrer sozialen Existenz gesichert werden. Das Zerbrechen ihrer Ketten bedeutete für die höfischen Adeligen zugleich das Zerbrechen ihres Charakters als Aristokratie.

Was das mit der Gegenwart zu tun hat? Sehr viel.

Gaia-X, ADAMOS und andere Etiketten

Die deutschen und europäischen Versuche, eine eigene digitale Infrastruktur aufzubauen, folgen einem unheimlich vertrauten Muster. Gaia-X, ADAMOS, Catena-X – alle entstanden mit dem erklärten Ziel, der Plattformlogik von Amazon, Google und den chinesischen Technologieriesen etwas entgegenzusetzen. Alle endeten als Governance-Strukturen, Arbeitsgruppen und Absichtserklärungen, die ein Eigenleben entwickelten, das nichts mehr mit dem ursprünglichen Zweck zu tun hatte.

Der Grund liegt nicht in der Böswilligkeit der Beteiligten. Er liegt in der Struktur. In einer Konsortialfiguration kann kein Mitglied echte Plattformdominanz aufgeben, weil das den Verlust der eigenen Kontrollchancen bedeutete. Gleichzeitig kann keine echte Plattform entstehen, ohne dass ein Akteur Kontrollchancen gewinnt. Der Clinch ist strukturell erzwungen, nicht absichtlich herbeigeführt. Das Ergebnis ist das gespenstische Perpetuum mobile in seiner modernsten Form: Meetings, die Meetings p…