Einleitung: Die vergessene Dimension der Wechselwirkung
Friedrich Cramer entwirft in seinem „Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie“ ein Konzept, das weit über die physikalische Akustik hinausreicht. Resonanz erscheint hier als fundamentale Form der Wechselwirkung, die „raumzeitliche Strukturen miteinander in Beziehung treten“ lässt und „eine ganzheitliche Sicht ermöglicht“. Der Weltprozess, so Cramer, verläuft unter ständigem Variieren des Zeitmodus – Wellenpakete, Oszillationen, Warteschleifen, in denen das System kreist, bis ein Ordnungs-Übergang eintritt und „etwas Neues“ entsteht.
Diese Perspektive gewinnt unerwartete Aktualität, wenn man sie auf die gegenwärtigen Diskussionen über Komplexität, Evolution in Organisationen und die strukturellen Defizite der digitalen Transformation anlegt. Die meisten Diagnosen des digitalen Scheiterns operieren mit linearen Kausalitäten: mangelnde Investitionen, fehlende Fachkräfte, bürokratische Hemmnisse. Cramers Resonanztheorie eröffnet einen anderen Blick: Das Problem liegt nicht in einzelnen Faktoren, sondern im Fehlen resonanzfähiger Strukturen – in der Unfähigkeit, jene Schwingungsverhältnisse herzustellen, die Komplexität nicht reduzieren, sondern produktiv verstärken.
Resonanz und Systemtheorie: Strukturelle Kopplung als Schwingungsverhältnis
Die Anschlussfähigkeit an Niklas Luhmanns Systemtheorie ist evident, auch wenn Luhmann selbst den Resonanzbegriff primär für das Verhältnis von System und Umwelt reservierte. In „Ökologische Kommunikation“ (1986) definiert Luhmann Resonanz als die Fähigkeit eines Systems, auf Umweltereignisse mit eigenen Operationen zu reagieren – wobei die Art der Reaktion durch die Strukturen des Systems selbst bestimmt wird, nicht durch die Umwelt. Ein System kann nur das aufnehmen, wofür es strukturell sensibilisiert ist.
Cramer radikalisiert diesen Gedanken, indem er Resonanz nicht als reaktives Verhältnis, sondern als konstitutives Prinzip fasst. Die Photosynthese, sein zentrales Beispiel, ist keine bloße Anpassung an Lichtverhältnisse, sondern ein Resonanzphänomen: Das Chlorophyll schwingt mit der elektromagnetischen Strahlung der Sonne, und diese Schwingung wird zur Grundlage der gesamten Biosphäre. Die Ener…

