Die Industrieaufträge brechen ein, der Chefvolkswirt der Commerzbank erklärt den Nahost-Krieg zum Hauptschuldigen — und niemand fragt, warum USA und China trotzdem wachsen.


Die Nachricht klingt nach Ausnahmezustand[1]Industrieaufträge brechen ein: Die Aufträge der deutschen Industrie sind im April um 3,8 Prozent eingebrochen, fast doppelt so stark wie erwartet. Sofort ist der Schuldige benannt. „Der Nahost-Krieg fordert seinen Tribut“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Die Erklärung ist nicht falsch — sie ist zu bequem.

Denn wenn ein geopolitischer Schock der entscheidende Faktor wäre, müsste er global wirken. Tut er aber nicht. Die USA wachsen. China wächst. Indien sowieso. Der Nahost-Konflikt ist also bestenfalls ein Verstärker, kein Ursachenkern. Was bleibt, ist die unbequemere Diagnose: Deutschland hat ein idiosynkratisches Problem — ein strukturelles, kein konjunkturelles.

Der Blick auf die betroffenen Branchen bestätigt das. Maschinenbau und Automobil schwächeln nicht, weil Containerschiffe umgeleitet werden. Sie schwächeln, weil ihre wichtigsten Auftraggeber — europäische OEMs, energieintensive Industrien, eine stotternde Baubranche — selbst in Kontraktion oder Transformation stecken. Die Nachfrager fehlen nicht wegen Gaza oder Hormus. Sie fehlen, weil die Strukturen, für die deutsche Investitionsgüter gebaut werden, sich verschieben.

Hinzu kommt die Angebotsseite. Deutschland produziert hochwertige Güter für Nachfragestrukturen, die sich verändern: Maschinenbau für fossile Produktionsketten, Präzisionsteile für Verbrenner, Systemkompetenz für industrielle Architekturen, die unter Druck stehen. Das ist kein zyklisches Problem, das sich mit dem nächsten Aufschwung erledigt. Es ist ein Positionierungsproblem — und das lässt sich nicht mit einem Verweis auf den Nahen Osten wegdiskutieren.

Geopolitisch kommt erschwerend hinzu, was Krämer ebenfalls nicht adressiert: USA und China betreiben aktive Industriepolitik — IRA, Made in China 2025, massive staatliche Investitionen in neue Architektur. Deutschland diskutiert derweil noch, ob Industriepolitik überhaupt legitim ist.

Was hier sichtbar wird, ist eine klassische PR-Schere: Die öffentliche Deutung — externer Schock, Gegenbewegung nach starkem März, baldige Erholung — deckt die operative Realität nicht ab. Die strukturelle Erosion der deutschen Industrieposition vollzieht sich leiser, langsamer und hartnäckiger als jeder Kriegseffekt. Genau deshalb ist sie gefährlicher.

Ralf Keuper

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