Die kleinen Weiterentwicklungen sind den großen Weiterentwicklungen abträglich (Gilbert Simondon)

Die Konstruktion eines bestimmten technischen Objekts kann industriell werden, wenn dieses Objekt konkret geworden ist, was bedeutet, dass es in fast identischer Weise gemäß der konstruktiven Intention und gemäß des wissenschaftlichen Blicks erkannt ist. So erklärt sich die Tatsache, dass bestimmte Objekte früher als andere auf industrielle Weise konstruiert werden können. …

Es ist also im Wesentlichen die Entdeckung funktionaler Synergien, die den Fortschritt in der Entwicklung des technischen Objekts ausmacht. Es ist dann angebracht, sich zu fragen, ob diese Entdeckung sich auf einen Schlag oder kontinuierlich vollzieht. Insofern sie Reorganisation der Strukturen ist, die in die Funktionsweise eingreift, vollzieht sie sich jäh, kann aber mehrere aufeinanderfolgende Etappen umfassen. …

In diesem Sinn kann man sagen, dass die kleinen Weiterentwicklungen den großen Weiterentwicklungen abträglich sind, denn sie können die wirklichen Unvollkommenheiten des Objektes verdecken, indem sie durch unwesentliche Kunstgriffe, die nur unvollständig in die Funktionsweise des Ensembles integriert sind, die echten Antagonismen kompensieren; die Gefahren der Abstraktion treten mit den kleinen Weiterentwicklungen von Neuem auf; …

Die extreme Komplikation und Weiterentwicklung der angefügten Sicherheits- oder Kompensationssysteme kann nur zu einem Äquivalent des Konkreten im technischen Objekt hin tendieren, ohne es zu erreichen oder es auch nur vorzubereiten, denn der eingeschlagene Weg ist nicht jener der Konkretisation. Der Weg der kleinen Weiterentwicklungen ist jener der Umwege, die in bestimmten Fällen der praktischen Benutzung dienlich sind, aber das technische Objekt kaum evoluieren lassen. Weil die die wirkliche schematische Essenz jedes technischen Objekts unter einer Anhäufung von komplexen Notbehelfen verbergen, erhalten die kleinen Weiterentwicklungen ein falsches Bewusstsein vom kontinuierlichen Fortschritt der technischen Objekte aufrecht und vermindern damit den Wert der und das Gefühl für die Dringlichkeit der wesentlichen Transformationen. Aus diesem Grund trennt keine scharf gezogene Grenze die kontinuierlichen kleinen Weiterentwicklungen von jener falschen Erneuerung, welche der Handel verlangt, um ein neues Objekt als den älteren überlegen präsentieren zu können. Die kleinen Weiterentwicklungen können so wenig wesentlich sein, dass man sie mit dem zyklischen Rhythmus der Formen zur Deckung bringen kann, welche die Mode über die wesentlichen Linien der Gebrauchsobjekte legt.

Quelle: Die Existenzweise technischer Objekte

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