Die Debatte um ASML, TSMC und die chinesische EUV-Aufholjagd wirkt oft, als sei die Kombination aus globaler Fragmentierung, singulären Nadelöhren und geopolitischer Instrumentalisierung ein Novum des 21. Jahrhunderts. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Die Struktur ist alt, nur die Technologie ist neu. Sechs Fälle – von der jahrhundertelangen Geheimhaltung der Murano-Glasmacher bis zur Zwangsarbeit in den IG-Farben-Buna-Werken – zeigen, was sich aus der Vergangenheit lernen lässt, und was nicht.


Murano: Wenn Geheimhaltung die Substitution verzögert, aber nicht verhindert

Der historisch älteste und in gewisser Weise radikalste Fall staatlich erzwungener Geheimhaltung. Die Republik Venedig verlagerte 1291/1295 alle Glasöfen auf die Insel Murano – offiziell aus Brandschutzgründen, tatsächlich aber auch, um das Wissen um die Glasherstellung besser isolieren und kontrollieren zu können. Den Glasmachern war es bei Todesstrafe untersagt, die Insel dauerhaft zu verlassen oder ihr Wissen an Fremde weiterzugeben – ein Regime, das über Jahrhunderte aufrechterhalten wurde und Murano zum unangefochtenen Zentrum der europäischen Glaskunst machte, insbesondere nach der Erfindung des farblosen „cristallo“ durch Angelo Barovier um 1450.

Trotz dieser drakonischen Maßnahmen gelang es dem Wissen, im Lauf des 16. und 17. Jahrhunderts über die Alpen zu diffundieren: Einzelne Glasmacher emigrierten trotz Todesstrafenandrohung, angelockt von lukrativen Abwerbeversuchen ausländischer Höfe – am bekanntesten die von Ludwig XIV. finanzierte Anwerbung für den Spiegelsaal von Versailles. Über ganz Europa entstanden Glashütten „à la façon de Venise“. Bemerkenswert für die heutige Debatte ist jedoch, wie das venezianische Monopol am Ende tatsächlich erodierte: nicht primär durch perfekte Kopie des cristallo, sondern durch die Entwicklung alternativer technologischer Pfade an anderer Stelle – geschliffenes Bleikristall in England, geschliffenes Kristallglas in Böhmen –, die auf anderem Weg zu einem konkurrenzfähigen oder überlegenen Ergebnis kamen, ohne das venezianische Verfahren exakt nachzubilden.

Zwei Lehren lassen sich daraus ziehen. Erstens: Extreme Isolation und drastische Sanktionen können Diffusion verlangsamen – hier über mehrere Jahrhunderte –, aber nicht dauerhaft verhindern. Zweitens, und das ist für die EUV-Debatte der interessantere Punkt: Die Ablösung eines Technologiemonopols erfolgt nicht zwangsläufig durch identische Reproduktion des Originalverfahrens, sondern häufig durch funktional gleichwertige Alternativpfade. Übertragen auf die Lithographie hieße das: Sollte China langfristig konkurrenzfähig werden, müsste das nicht notwendig über den exakten Nachbau von ASMLs Plasma-Lichtquellen-Ansatz geschehen – alternative technologische Wege zur Erzeugung von EUV-Licht, wie sie vereinzelt in chinesischen Patentanmeldungen diskutiert werden, wären historisch der wahrscheinlichere Weg zur Ablösung, nicht die perfekte Kopie.

Zeiss, Jena und die doppelte Enteignung von Architekturwissen

Der strukturell treffendste Vergleichsfall betrifft ausgerechnet denselben Zulieferer, der heute die kritische Optik-Komponente für ASMLs EUV-Systeme liefert. Bis 1945 besaß Carl Zeiss in Jena ein globales Quasi-Monopol bei hochpräziser Optik – für Mikroskope, Fernrohre, Kameras, militärische Zieloptik. Nach Kriegsende griffen zwei Besatzungsmächte fast zeitgleich auf dieselbe Ressource zu, mit unterschiedlichen Methoden. Im Juni 1945 verlagerten amerikanische Truppen rund 80 Zeiss- und Schott-Mitarbeiter – Konstrukteure, Wissenschaftler, Betriebsleiter – zusammen mit Patenten und Konstruktionsunterlagen in die amerikanische Besatzungszone; in Oberkochen entstand daraus die spätere Carl Zeiss AG West. Im Oktober 1946 ließ die sowjetische Besatzungsmacht im Rahmen der als „Aktion Ossawakim“ bekannten Operation den verbliebenen Produktionsapparat zu 94 Prozent demontieren und über 300 Spezialisten samt F…