Warum hat ausgerechnet der Ort, an dem ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung des 20. Jahrhunderts die meiste Zeit verbrachte, kaum eine eigene Geschichtsschreibung? Vom Aktenschrank über die Klimaanlage bis zur Fensterhierarchie in EU-Verwaltungsgebäuden zeigt sich: Hinter der scheinbaren Neutralität dieses Arbeitsraums verbergen sich handfeste Macht-, Geschlechter- und Statusverhältnisse. Zwei ältere Zeugen, Siegfried Kracauer und J. J. Voskuil, hatten das längst geahnt – der eine soziologisch, der andere literarisch. Homeoffice, WeWork und die Start-up-Kultur belegen, dass das alte Muster – Kontrolle im Gewand von Wohlbefinden und Gemeinschaft – bis heute intakt ist, und selbst ein Bielefelder Vorzeigecampus wie Schüco One entkommt ihm nicht.
Das Büro gilt gemeinhin als zu banal, um Gegenstand ernsthafter Forschung zu sein. Diese Einschätzung hat sogar zum Scheitern gleich zweier „office (technology) museums“ geführt: Ein Ort, an dem täglich Millionen Menschen einen Großteil ihrer wachen Lebenszeit verbringen, gilt zugleich als zu alltäglich für die Musealisierung. Genau in dieser Verwechslung von Allgegenwart mit Bedeutungslosigkeit liegt das eigentliche Thema. Das Büro ist keine Fußnote der Architektur- oder Wirtschaftsgeschichte, sondern eine der prägenden Institutionen des 20. Jahrhunderts – und ihre Geschichte ist bemerkenswert dünn erforscht.
Zwei Paradigmen, ein blinder Fleck
Die bisherige Historiographie des Bürogebäudes folgte im Wesentlichen zwei Pfaden.1 Der erste ist der architektonische Kanon: prominente Bauten – Frank Lloyd Wrights Larkin Building, Herman Hertzbergers Centraal Beheer – wurden mit den großen Leitideen des Büromanagements verknüpft, vom Taylorismus über die Ergonomie bis zur Personalisierung flacher Hierarchien. Der zweite Pfad ist der überwachungstheoretische, meist mit Rückgriff auf Foucault oder Elias: das Büro als Disziplinierungsapparat. Beide Zugänge haben ihre Berechtigung, doch beide lassen den eigentlichen Gegenstand – das Büro als gelebter, genutzter, alltäglich ausgehandelter Raum – seltsam blass. Die herausragenden Gebäude haben mit dem Gros der zeitgenössischen Büroräume wenig zu tun; die Überwachungsperspektive erklärt selten, wie Menschen sich in diesen Räumen tatsächlich einrichten, arrangieren, widersetzen.
Die Biographie eines Objekts: vom Aktenschrank zum Bildschirmarbeitsplatz
Was also, wenn man das Büro selbst zum Protagonisten macht – nicht als Gebäudehülle, sondern als Ensemble aus Möbeln, Normen, Temperaturen und Körpern? Eine Reihe historischer Fallstudien liefert dazu Material, das sich zu einer Art Objektbiographie des Büros fügen lässt.2
Am Anfang steht der Aktenschrank, der als Revolution des Informationsmanagements in US-amerikanischen Büros gelten kann – zugeschnitten, buchstäblich, auf die unterstellten Körpermaße junger weiblicher Angestellter, deren „geschicktere, aber nicht denkende“ Hände die Technologie bediente. Es folgt das Klima: Am japanischen Nachkriegsbüro lässt sich zeigen, wie Kühlung zum Instrument der Kleiderdisziplinierung wurde; Helligkeit und Lautstärke wurden in standardisierte Grenzwerte des „Erträglichen“ gegossen – ausdrücklich zugunsten der Arbeitsleistung, nicht des Wohlbefindens. Das „Action Office“ der Herman Miller Company, ein Möbelentwurf, der Offenheit und Flexibilität verhieß, geriet in der betrieblichen Praxis zur ungeliebten, starren Bürokabine. In deutschen Büros vollzog sich der Übergang von Schreibmaschine zu Bildschirmarbeitsplatz bis zur ersten Bildschirmarbeitsveror…

