Zwischen 2022 und 2023 erklärte das Institut der Deutschen Wirtschaft Baden-Württemberg zur innovativsten Region Deutschlands und zum globalen Vorbild — mit Superlativen, die keine Zweifel ließen. 2026 verkündet dasselbe Institut: Baden-Württemberg hat unter allen Bundesländern den höchsten Anteil an Verlierer-Regionen. Das ist keine Kehrtwende. Es ist das Ende einer dokumentierten Narrativpflege — und ein Lehrstück über die Defizite institutionell befangener Expertise.


Das IW-Regionalranking 2026 hat vergangene Woche eine bemerkenswerte Erkenntnis geliefert: Baden-Württemberg ist im Zehn-Jahres-Vergleich das Bundesland mit dem höchsten Anteil an Verlierer-Regionen. Der Staatsanzeiger BW kommentiert das mit dem Hinweis auf industriellen Transformationsdruck, der gezielte Strukturförderung und politische Gegenmaßnahmen erfordere. Das klingt nach Analyse. Es ist eher Schadensbegrenzung — und das gilt nicht nur für die Landespolitik, sondern auch für das Institut, das diesen Befund jetzt präsentiert.

Denn das IW Köln hat in den vergangenen Jahren Baden-Württemberg nicht als Problemfall behandelt, sondern als Referenzmodell. Das ist keine Behauptung — es ist belegbar.

Eine dokumentierte Narrativgeschichte

Im November 2022, als die Automobilkrise im Südwesten bereits unübersehbar war, veröffentlichte das IW seinen Transatlantischen Innovationsindex. Das Ergebnis für Baden-Württemberg: Platz drei im globalen Vergleich, hinter Massachusetts und Kalifornien. Die Pressemitteilung titelte: „Baden-Württemberg und Berlin auf Augenhöhe mit Massachusetts und Kalifornien.“ Im Ranking-Text ergänzte das IW, würde Deutschland flächendeckend auf Baden-Württembergischem Niveau forschen und entwickeln, läge es im internationalen Ländervergleich über die EU hinaus auf Platz eins.

Im Juni 2023 folgte der IW-Innovationsatlas. Sein zentraler Befund für die Region Stuttgart: die innovativste Region Deutschlands. Kein anderer Wirtschaftsraum verzeichne mehr Patentanmeldungen, nirgendwo seien die F&E-Ausgaben höher, nirgendwo konzentriere sich mehr MINT-Qualifikation. Der begleitende Befund: „Ideenschmieden wie Baden-Württemberg gewinnen an Innovationskraft, während ländliche Gebiete den Anschluss verlieren.“ Im Juli 2023 ergänzte eine IW-Expertin im Interview: Das Besondere an Baden-Württemberg sei der Erfolg über alle Siedlungsstrukturen hinweg — stark nicht nur in den Ballungszentren, auch in den ländlicheren Gebieten säßen starke Unternehmen. Die Automobilabhängigkeit wurde als „ein Stück weit“ erwähnt — als Einschränkung im Nebensatz.

Dabei hatte das IW mit seinen eigenen Zahlen bereits früher gesehen, was kommen würde. Im Regionalranking 2022 tauchte der Großraum Stuttgart erstmals als Absteiger im Dynamikranking auf. Das IW kommentierte dies so: Es sei anzunehmen, dass es sich hierbei um temporäre Effekte der Pandemie handle. Strukturelle Ursachen: ausgeklammert. Im Regionalranking 2024 erschien dann die verklausulierte Warnung — ohne BW explizit zu nennen: „Gerade bei den Absteigern besteht die Gefahr, sich aufgrund eines hohen Entwicklungsniveaus auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen.“ Und 2026 schließlich der unverblümte Befund: Mehr als jeder zweite Kreis in Baden-Württemberg verlor seit 2016 mindestens 25 Ränge — so viele wie in keinem anderen Bundesland.

Die Abfolge ist eindeutig: 2022 Pandemie als Schutznarrative, 2022/23 Superlative, 2024 Andeutungen, 2026 Klartext. Das ist kein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess. Das ist institutionelles Nachziehen.

Die Diagnose lag vor

Was das IW jetzt als Ergebnis seines Zehnjahresvergleichs präsentiert, ist zudem keine neue Erkenntnis — es ist die statistische Nachbeurkundung einer Entwicklung, die von unabhängigen Analysten längst beschrieben war. Ein Artikel aus dem Top Business/Industriemagazin vom Juli 1992 — im Kontext der ersten großen Krise des „Musterländles“ nach dem Wiedervereinigungsboom — beschrieb das Kernproblem mit einer Präzision, die seither nicht überboten wurde. Gustav Greve, damals Experte für Strukturanalysen bei Arthur D. Little, brachte es auf den Punkt: Die Krisenanfälligkeit der Region speise sich aus der engen Verflechtung von Fahrzeugbau, Maschinenbau und Elektroindustrie. Geht es einer dieser Branchen schlecht, steht die andere kaum besser da — weil sie ihr zuliefert, von ihr kauft, mit ihr verflochten ist.

Noch früher, nämlich 1988, hatte eine IMU-Studie für die Region Stuttgart eine „gefährliche Abhängigkeit von Fahrzeugbau, Medienforschung und Umwelttechnik“ diagnostiziert. Das Fazit der Forscher: „Die Region Stuttgart ist extrem krisenanfällig.“ Eine weitere IMU-Studie von 2011 kam zu fast identischen Befunden. Drei Jahrzehnte, drei Diagnosen — dieselbe Struktur, dieselbe Warnung, dieselbe institutionelle Reaktion: keine.

Das bedeutet: Was das IW 2026 präsentiert, ist doppelt verspätet — einmal gegenüber der eigenen Datenlage, einmal gegenüber der externen Forschungsgeschichte.

Lagging Indicator statt Frühwarnsystem

In der Systemanalyse unterscheidet man zwischen Leading Indicators, die Entwicklungen antizipieren, und Lagging Indicators, die vergangene Trends bestätigen. Wirtschaftsforschungsinstitute beanspruchen für sich die Rolle des ersteren. Das IW-Ranking 2026 zeigt für Baden-Württemberg, dass das nicht zutrifft. Es ist ein Lagging Indicator — und kein besonders schneller.

Das hat strukturelle Gründe, die nichts mit der Kompetenz einzelner Forscher zu tun haben. Das IW ist arbeitgebernah finanziert. Das bedeutet nicht, dass es seine Befunde fälscht — es bedeutet, dass es einen institutionellen Bias in der Themenauswahl und in der Interpretation entwickelt. Erfolgserzählungen über die starke westdeutsche Industrie bedienen die Erwartungen der Mitglieder. Warnungen vor dem Modell dieser Industrie tun das nicht. Der Selektionsmechanismus ist subtil, aber wirksam — und die dokumentierte Abfolge von 2022 bis 2026 macht ihn sichtbar.

Man kann das als Bestätigungsbias beschreiben, der sich institutionell verfestigt. Solange die Exporte aus BW stiegen, solange die Premiummargen der Automobilindustrie glänzten, war die Anreizstruktur eindeutig: Der Erfolg bestätigte das Modell, und das Modell bestätigte den Erfolg. Als die eigenen Rankingdaten 2022 erste Abstiegssignale lieferten, wurden sie als Pandemiestörung neutralisiert. Als sie 2024 nicht mehr zu übersehen waren, fanden sie Eingang in Nebensätze. Erst wenn die Entwicklung statistisch unhaltbar wird, folgt der Klartext — ohne Selbstkritik, ohne Rückschau.

Die Kehrtwende, die keine ist

Was nun als Befund des Jahres 2026 kommuniziert wird, verdient den Namen „Kehrtwende“ nicht. Eine Kehrtwende wäre es, wenn das IW erklären würde, warum es 2023 den Raum Stuttgart noch zur innovativsten Region Deutschlands erklärte und warum es die im eigenen Ranking 2022 bereits sichtbaren Abstiegssignale als Pandemieeffekt abtat. Das geschieht nicht. Stattdessen wird der Langzeitvergleich so präsentiert, als sei er der natürliche Reifungsprozess einer zehnjährigen Datenreihe — und nicht das Resultat einer dokumentierten Narrativpflege.

Der Unterschied ist nicht trivial. Für Unternehmen, Regionen und Kommunen, die in den vergangenen Jahren auf der Grundlage der IW-Erfolgserzählungen über Baden-Württemberg investiert oder ihre Strategien ausgerichtet haben, kommt die Erkenntnis zu spät. Und sie kam von anderer Stelle früher — von Beratern wie Gustav Greve, von Gewerkschaftsinstituten wie dem IMU, von Analysten, die nicht in eine Finanzierungsstruktur eingebettet waren, die Erfolgskommunikation begünstigt.

Die methodische Konsequenz

Der Befund ist kein Anlass zur Häme gegenüber einem Institut. Er ist Anlass zur methodischen Nüchternheit: Wirtschaftswissenschaftliche Expertise ist kein neutrales Gut. Sie ist eingebettet in Finanzierungsstrukturen, institutionelle Eigeninteressen und kommunikative Erwartungshaltungen. Das macht sie nicht wertlos — aber es verlangt vom Rezipienten kritische Quellenbewertung, bevor er sie als Orientierungsgrundlage nutzt.

Gustav Greve brauchte 1992 keinen Zehnjahresvergleich, um das systemische Risiko der regionalen Monostruktur zu benennen. Er brauchte eine strukturanalytische Methode und die institutionelle Unabhängigkeit, sie anzuwenden. Beides zusammen ist seltener, als der Markt an Studien und Rankings suggeriert.

Das IW-Ranking 2026 ist ein nützliches Dokument für alle, die verstehen wollen, wie es um die deutschen Regionen steht. Als Frühwarnsystem hat es versagt. Das sollte man wissen, bevor man es das nächste Mal zitiert.

Ralf Keuper 


Quellen:

IW-Regionalranking 2026

Johannes Ewald / Vanessa Hünnemeyer / Hanno Kempermann (IW Köln) Zwischen Krisen und Chancen: Regionalentwicklung in Zeiten multipler Herausforderungen IW-Report Nr. 23, 12. Mai 2026


IW-Narrativgeschichte Baden-Württemberg (2022–2024)

Axel Plünnecke (IW Köln) Transatlantischer Innovationsindex: Innovationslandschaft im Vergleich November 2022 — BW auf Platz 3 im globalen Innovationsvergleich, hinter Massachusetts und Kalifornien

Maike Haag / Hanno Kempermann / Enno Kohlisch / Oliver Koppel (IW Köln) Innovationsatlas 2023: Die Innovationskraft der deutschen Regionen IW-Analysen Nr. 153, Juni 2023 — Raum Stuttgart als innovativste Region Deutschlands

Maike Haag (IW Köln) „Der Mittelstand ist bei der Forschung sehr aktiv“ IW-Interview, Juli 2023 — BW als flächendeckendes Innovationsmodell

Johannes Ewald / Vanessa Hünnemeyer / Hanno Kempermann (IW Köln) Wie hat die Corona-Pandemie Deutschlands Regionen verändert? Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2022 IW-Trends 2/2022 — Abstieg BW-Regionen als „temporärer Pandemieeffekt“ eingestuft

Johannes Ewald / Vanessa Hünnemeyer / Hanno Kempermann (IW Köln) Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2024 IW-Report 28/2024 — erste verklausulierte Warnungen ohne explizite BW-Benennung


Berichterstattung

Staatsanzeiger BW Studie: Baden-Württemberg hat die meisten Verlierer-Regionen 13. Mai 2026https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/wirtschaft/studie-baden-wuerttemberg-hat-die-meisten-verlierer-regionen/


Historische Diagnosen

IMU Institut Stuttgart / Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen Strukturbericht Region Stuttgart 2011 Hrsg.: Verband Region Stuttgart, IG Metall, IHK Region Stuttgart, Handwerkskammer Region Stuttgart ISBN 978-3-934859-35-7

IMU Institut Stuttgart Strukturberichte Region Stuttgart — Übersicht aller Ausgaben (1998–2023) https://www.imu-institut.de/forschung/region/

Gustav Greve / Arthur D. Little Zit. in: „Schwere Kost für Teufel“ Top Business/Industriemagazin, Juli 1992(Printquelle, nicht digital verfügbar)

IMU Institut Stuttgart Qualifikationen in der Region Stuttgart — Trends und Handlungsempfehlungen 1988(Printquelle, nicht digital verfügbar)


Eigener Beitrag (Querverweis)

Ralf Keuper / EconLittera Baden-Württembergs Strukturkrise: Ein Vergleich zwischen den 1990er Jahren und heutehttps://econlittera.bankstil.de/baden-wuerttembergs-strukturkrise-ein-vergleich-zwischen-den-1990er-jahren-und-heute