James Dyson gehört zu den erfolgreichsten britischen Unternehmern der letzten Jahrzehnte. Sein Weg dorthin war von Rückschlägen geprägt, an denen andere gescheitert wären. Dass er unbeirrt an der Idee des beutellosen Staubsaugers festhielt, verdankt er nach eigenem Bekunden seiner Ausbildung am Royal College of Art und der intensiven Beschäftigung mit den Werken von Buckminster Fuller, Marc Brunel und Thomas Edison.

Von Brunel lernte Dyson, dass überzeugendes Design aus der Ingenieurskunst selbst erwachsen muss. Marc Isambard Brunel und sein Sohn Isambard Kingdom Brunel schufen im 19. Jahrhundert Bauwerke und Maschinen, deren ästhetische Wirkung unmittelbar aus der technischen Lösung entsprang – Brücken, Tunnel, Dampfschiffe, bei denen Form und Funktion untrennbar waren. Hier gab es keine nachträgliche Verschönerung, keine aufgesetzte Gestaltung. Die Schönheit lag in der Konstruktion selbst. Für Dyson war dies der Gegenentwurf zu einem Industriedesign, das Technik bloß verkleidet, statt sie sichtbar zu machen.

Von Buckminster Fuller übernahm Dyson das Prinzip „more with less“: maximale Wirkung mit minimalem Materialeinsatz. Fullers geodätische Kuppeln – Strukturen, die mit erstaunlich wenig Material enorme Stabilität erreichen – wurden zum Sinnbild dieser Denkweise. Für Dyson bedeutete das: Effizienz als Designprinzip. Der beutellose Staubsauger eliminiert nicht nur den Beutel als Verschleißteil, sondern nutzt die Physik des Zyklons, um mit Luftströmung statt mit Filtermaterial zu arbeiten. Dazu kommt Fullers grundsätzliches Misstrauen gegenüber konventionellen Lösungen – seine Weigerung, das „So macht man das eben“ zu akzeptieren. Fuller fragte stets, ob ein Problem nicht völlig anders gelöst werden könnte.

Von Edison übernahm er den empirischen Ansatz: die geduldige Arbeit am konkreten Gegenstand, das schrittweise Vortasten durch Versuch und Irrtum. Edison hatte bekanntlich tausende Materialien für den Glühfaden getestet, bevor er das richtige fand – nicht aus theoretischer Ableitung, sondern durch systematisches Experimentieren. Dyson machte sich dieses Prinzip zu eigen. Sein erster Prototyp bestand aus Cornflakes-Schachteln und Klebeband – lange bevor er die zugrunde liegende Physik vollständig durchdrungen hatte. Die Theorie folgte der Praxis, nicht umgekehrt.

Dysons Biographie widerlegt die verbreitete Annahme, dass technische Innovation ein ingenieurwissenschaftliches Studium voraussetzt. Sein Weg führte über künstlerische Fächer und die Arbeit mit Holz und Kunststoff zum Produktdesign. Die Überzeugung, dass Ingenieurskunst im Kern logisches Denken sei, trieb ihn an, seine Entwürfe nicht nur visuell, sondern auch technologisch zu entwickeln.

Als Dyson mit seinem Patent Kapitalgeber suchte, stieß er auf breite Ablehnung – in Großbritannien ebenso wie bei Konzernen in Nordamerika und auf dem europäischen Kontinent. Die etablierte Industrie zeigte sich unfähig, das Potential einer Innovation zu erkennen, die bewährte Produktkategorien in Frage stellte. Diese Erfahrung verweist auf ein strukturelles Problem: Die Orientierung am schnellen Gewinn, die Dyson den Finanzmärkten seiner Zeit zuschreibt, begünstigt Verbesserungen im Marketing, nicht aber in der Produktentwicklung.

Technik und Design sind für Dyson Mittel der langfristigen Erneuerung – eines Unternehmens und, weiter gedacht, einer ganzen Volkswirtschaft. Wo kurzfristiges Renditedenken dominiert, verkümmert diese Fähigkeit zur Erneuerung. Die Ironie liegt darin, dass gerade jene Industrien, die Dysons Innovation ablehnten, sich damit selbst um ihre Zukunft brachten.

Ralf Keuper 


Quelle:

„Sturm gegen den Stillstand“ von James Dyson https://econlittera.bankstil.de/sturm-gegen-den-stillstand-von-james-dyson