Ein neues Discussion Paper des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung erklärt, warum Fortschritt und Backlash in der Energiewende gemeinsam zunehmen. Die Diagnose überzeugt – doch wer sie zu Ende denkt, landet nicht bei besseren Institutionen, sondern bei einer unbequemeren Frage: ob das Zieljahr 2045 selbst der Kategorienfehler ist.


Leon Wansleben, Forschungsgruppenleiter am MPIfG Köln, hat im Juni 2026 das Discussion Paper „Mismatch Crises: Conceptualizing Advanced Energy Transitions“ vorgelegt, das ein reales Erklärungsdefizit der Transformationsforschung benennt: Warum nehmen politischer Widerstand und Backlash gegen die Energiewende gerade in den Ländern zu, die beim Umbau am weitesten vorangekommen sind – Deutschland, Großbritannien, Spanien, Dänemark? Die bisherige Literatur, so Wansleben, hängt entweder an der Vorstellung eines stabilen „Carbon Lock-in“, das es in diesen Ländern längst nicht mehr gibt, oder an einem naiven Fortschrittsoptimismus, wonach technologische „positive Feedbacks“ von selbst in institutionellen Wandel münden. Als Alternative reaktiviert er den Begriff der „Mismatch-“ oder „structural adjustment crises“ von Christopher Freeman und Carlota Perez (1988): Technologien verbreiten sich schneller, als sich Infrastrukturen, Statusordnungen und Institutionen anpassen können.

Das ist eine kluge begriffliche Klärung. Sie hat aber zwei blinde Flecken, die sich erst zeigen, wenn man sie an der Gegenwart – dem energiehungrigen KI-Boom und der laufenden deutschen Kraftwerksstrategie – überprüft. Und sie enthält, konsequent zu Ende gedacht, eine Schlussfolgerung, die der Autor selbst nicht zieht.

Der ausgesparte Nachfragetreiber

Wansleben beschreibt Elektrifizierung fast ausschließlich als Diffusionsgröße – E-Autos, Wärmepumpen, Wind- und Solarausbau. Was im Text nicht vorkommt, ist der mit Abstand dynamischste neue Stromverbraucher: künstliche Intelligenz. Die IEA rechnet damit, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von rund 415 Terawattstunden (2024) auf etwa 945 Terawattstunden im Jahr 2030 nahezu verdoppelt, mit einem jährlichen Wachstum von rund 15 Prozent – mehr als viermal so schnell wie der übrige Stromverbrauch.1 Insgesamt soll die globale Stromnachfrage in den kommenden fünf Jahren im Schnitt 50 Prozent stärker pro Jahr wachsen als im vergangenen Jahrzehnt.2

Für Deutschland ist die Größenordnung moderater, aber die Richtung eindeutig: Der Rechenzentrumsverbrauch lag 2023 bei rund 20 Terawattstunden und könnte bis 2…