Die Analysen europäischer digitaler Abhängigkeit greifen zu kurz, wenn sie beim Kollaps-Szenario enden. Wirtschaftsgeschichte, Evolutionsbiologie und Systemtheorie zeigen: Nach jedem Zusammenbruch folgt Reorganisation – oft produktiver und diverser als die zerstörte Ordnung. Die Pfadabhängigkeiten, die Europa heute gefangen halten, könnten sich als Vorteil erweisen, wenn die Hyperscaler-Dominanz erodiert. Nicht Resignation, sondern strategische Vorbereitung auf die Phase nach der kreativen Zerstörung ist geboten.


Die fünf wichtigsten Erkenntnisse

Zusammenbruch ist Transformation, nicht Endpunkt. Kreative Zerstörung (Schumpeter) zeigt: Jeder Niedergang dominanter Strukturen schafft Raum für Innovation. Nach Mainframe-IBM kam PC-Revolution, nach Modem-Ära kam Breitband-Ökonomie. Die Hyperscaler-Dominanz ist eine Phase, nicht das Ende der Geschichte. Ihre strukturellen Fragilität (Überdehnung, Pfadabhängigkeiten, geopolitische Verwundbarkeit) deutet auf kommende Transformation hin.

Die Reorganisationsphase begünstigt Anpassungsfähige, nicht Etablierte Hollings Panarchy-Modell: Nach der Ω-Phase (Zusammenbruch) folgt α-Phase (Reorganisation) mit höchster Innovation und Diversität. Diese Phase begünstigt nicht den größten oder stärksten Akteur, sondern den anpassungsfähigsten. Wie nach Dinosaurier-Aussterben: Säugetiere gewannen nicht durch Größe, sondern durch Flexibilität.

Europas „Rückstand“ kann zum Vorteil werden Was heute als Schwäche erscheint – fehlende eigene Hyperscaler, keine tiefen Investitionen in Cloud-Infrastruktur – bedeutet weniger Pfadabhängigkeit. Wie China bei Mobile Payment: Fehlende Legacy-Infrastruktur erlaubte direkten Sprung zu neuen Lösungen. Europas regulatorische Innovation, föderative Kompetenz und Open-Source-Tradition sind Vorteile in dezentralen, fragmentierten Post-Hyperscaler-Märkten.

Historisches Muster: Peripherie wird zum Zentrum Wiederkehrendes Muster: Europa war römische Peripherie, wurde aber Zentrum der Moderne. USA waren europäische Peripherie, wurden Zentrum des 20. Jahrhunderts. Peripherie ist weniger in alte Strukturen investiert und kann neue Paradigmen leichter übernehmen. Europa als Peripherie der US-digitalen Ordnung könnte in der nächsten Phase zum Zentrum werden.

Falsche Strategie: Stabilisierung. Richtige Strategie: Vorbereitung „Souveränitäts-Washing“ (europäische Etiketten auf US-Plattformen) ist Ressourcenverschwendung – Stabilisierung unhaltbarer Strukturen statt Vorbereitung auf Transformation. Die richtige Strategie: Nicht versuchen, heutige Phase zu gewinnen (AWS kopieren), sondern für nächste Phase positionieren. Investition in Anpassungskapazität: Grundlagenforschung zu neuen Paradigmen, Bildung für Flexibilität, Portfolio von Experimenten, institutionelle Resilienz.

Das Muster der kreativen Zerstörung

Joseph Schumpeters Konzept der kreativen Zerstörung beschreibt kapitalistisches Wachstum nicht als kontinuierliche Optimierung, sondern als diskontinuierliche Schübe. Neue Wellen zerstören alte Strukturen und schaffen dabei mehr Wert als verloren geht. Die Wirtschaftsgeschichte bestätigt dieses Muster durchgehend: Der Niedergang der Mainframe-Dominanz ermöglichte die PC-Revolution, der Zusammenbruch vertikaler Integration schuf Raum für modulare Architekturen, das Ende der Modem-Ära eröffnete Breitband-Ökonomien.

Die gegenwärtige Dominanz von Amazon, Microsoft und Google ist in dieser Perspektive keine permanente Endkonfiguration, sondern eine Phase in einem längeren Transformationsprozess. Die strukturellen Fragilität dieser Akteure – imperiale Überdehnung, organisatorische Sklerose, technologische Pfadabhängigkeiten, geopolitische Verwundbarkeiten – deutet auf einen kommenden Transformationspunkt hin. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie diese Transformation erfolgt, und wer davon profitiert.

Der entscheidende Punkt: Zusammenbruch bedeutet nicht Verschwinden von Funktionen. Cloud-Services, digitale Infrastruktur, Datenverarbeitung werden weiterhin benötigt. Was verschwindet, sind spezifische organisatorische und technologische Strukturen, die diese Funktionen heute erfüllen. Was folgt, sind neue Formen – möglicherweise diverser, dezentraler und innovativer als die zerstörten Strukturen.

Evolutionsbiologische Parallelen: Adaptive Radiation

Die Evolutionsgeschichte zeigt ein wied…