“Web of Life: die Kunst vernetzt zu leben” von Michael Gleich

Von Ralf Keuper

Das o.g. Buch von Michael Gleich gilt mittlerweile als ein Standardwerk für das Leben im Netz bzw. für das vernetzte Leben oder die Netzwerkökonomie. Obwohl „das“ Netz im Mittelpunkt des Buches steht, scheint eine genaue Beschreibung dessen, worum es sich bei „dem“ Netz handelt, geradezu unmöglich, ja eigentlich auch nicht wünschenswert, da es dem Wesen des „Web of Life“ widersprechen würde – wie sich ja überhaupt das Leben nicht fixieren lässt. 
 
Überhaupt übt die Biologie auf die Vordenker der Kunst vernetzt zu leben eine große Anziehungskraft aus, weshalb auch Begriffe wie Ko-Evolution und Selbstorganisation zum Standardrepertoire gehören, mit dessen Hilfe ökonomische und soziale Phänomene im Zusammenleben der Menschen, häufig anhand von Analogien,  erklärt werden.  Insgesamt krankt eine solcher Ansatz daran, dass zumindest implizit biologische und soziale Vorgänge gleichgesetzt werden, wobei „das“ Leben die Klammer bildet. Nun gibt es aber nach wie vor keine wissenschaftliche Erklärung für „das“ Leben (vlg. Friedrich Cramer und Erwin Chargaff). Um so erstaunlicher ist es daher, wie unbekümmert sich Michael Gleich zwischen den Ebenen bewegt und dabei zumindest auf mich den Eindruck hinterlässt, als seien die Grenzen nur mentaler Art.  
 
Allein der Hinweis auf das Gödelsche Theorem würde ausreichen, um zu verdeutlichen, dass eine Theorie niemals vollständig und konsistent zugleich sein kann, d.h. holistische Ansätze, gleich welcher Art, haben von Geburt an einen „Web-Fehler“.  Soziologische Phänomene lassen sich daher niemals vollständig auf biologische zurückführen und von biologischen Beobachtungen aus lassen sich auch niemals Voraussagen im Maßstab 1:1 auf menschliches Verhalten ableiten – dabei spielt es keine Rolle ob der Ansatz sich nun dem Netz, dem Markt, der Synergetik, der Resonanz, den Fraktalen oder sonst noch verpflichtet fühlt. Es sind und bleiben Konstrukte.  
Obwohl Michael Gleich an einigen Stellen ähnliche Ansichten formuliert, vertritt er anderenorts einen entgegengesetzten Standpunkt z.B. dann, wenn er zum Schluss des Buches über das Global Brain als dem elektronischen Nervensystem des blauen Planeten bzw. das planetare Superorgan fabuliert. 
 
Wenn man sich dieser Einschränkungen bewusst ist, enthält das Buch dennoch einige Passagen, über die m.E. nachzudenken lohnt, wie z.B. sein Vorschlag für eine Bionik der Netze. 

 

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