2016 stand KUKA zum Verkauf. Bosch hatte kurz zuvor, im Januar 2015, den vollständigen Zugriff auf BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH übernommen und war damit alleiniger Eigentümer eines der größten Hausgerätehersteller Europas – genau jener Branche, in der Roboterautomatisierung heute den Unterschied macht. Damit hatte Bosch sowohl das Kapital als auch einen naheliegenden strategischen Grund, sich für KUKA zu interessieren.


Was Bosch entgangen ist

Ein konkretes Gebot oder öffentlich bekundetes Interesse von Bosch an KUKA ist für 2016 nicht überliefert – anders als bei Siemens, um das Wirtschaftsminister Gabriel aktiv warb, findet sich Bosch in den zeitgenössischen Berichten nicht als Interessent. Belegt ist nur die strategische Konstellation: Der Konzern hatte gerade erst sein Bekenntnis zum Hausgerätegeschäft bekräftigt und dabei ausdrücklich eine Verdopplung des BSH-Umsatzes bis 2025 durch verstärkte Forschung und Entwicklung angekündigt. Die Kapitalkraft und der naheliegende strategische Grund waren also vorhanden – ob daraus je eine konkrete Prüfung wurde, bleibt offen. Genutzt hat Bosch die Gelegenheit jedenfalls nicht.

Die eigentliche Beziehung: Partner statt Eigentümer

Die tatsächliche Verbindung zwischen Bosch und Midea ist dabei komplexer, als ein reines Konkurrenzverhältnis vermuten ließe – und macht die verpasste Chance eher deutlicher als sie zu relativieren. Bereits seit März 2015, also noch vor der KUKA-Offerte, betreibt Bosch Thermotechnik gemeinsam mit der Midea Commercial Air-Conditioner Division ein Joint Venture zur Fertigung von VRF-Klimasystemen für den globalen HVAC-Markt, mit Sitz in Hefei. Bosch und Midea sind seitdem in einem Geschäftsfeld Partner, nicht Gegner.

Auch im Robotik-Ökosystem hat sich inzwischen eine technische Verbindung ergeben – allerdings nicht durch Eigentum, sondern durch Kooperation auf Augenhöhe: Seit 2023 verbinden Bosch Rexroth und KUKA ihre jeweiligen Automatisierungs-Ökosysteme, ctrlX World und Robotic Republic. KUKA-Roboter lassen sich über die KUKA.PLC-mxAutomation-Schnittstelle nahtlos in Boschs offene Steuerungsplattform ctrlX OS integrieren. Bosch Rexroth behandelt KUKA damit technisch wie jeden anderen externen Robotik-Partner (neben etwa Fanuc) – mit dem Unterschied, dass KUKA seit 2016 zu Midea gehört.

Die eigentliche Pointe

Die Konstellation zehn Jahre später ist damit vertrackter, als es die reine Übernahmegeschichte nahelegt. Bosch hätte 2016 die Gelegenheit gehabt, sich die Fertigungsrobotik von KUKA konzernweit zu erschließen – über die eigene Weiße-Ware-Sparte BSH hinaus, in der gesamten industriellen Fertigung des Konzerns. Stattdessen finden sich Bosch und Midea heute in einer Doppelrolle wieder: Partner im Klimatechnik-Geschäft seit 2015, technisch verbundene Ökosysteme in der Robotik seit 2023 – aber ohne dass Bosch je die Kontrolle über die zugrunde liegende Technologie erlangt hätte.

Dieselbe Lücke zeigt sich noch an anderer Stelle. Im humanoiden Robotik-Segment ist Bosch im Januar 2026 eine strategische Technologie- und Entwicklungspartnerschaft mit dem Stuttgarter Start-up Neura Robotics eingegangen, flankiert von einer eigens gegründeten Tochtergesellschaft, Robert Bosch Robotics GmbH, und einer Beteiligung an Neuras 1,4-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde. Was 2016 mit einer bestehenden, marktreifen Fertigungsrobotik-Kompetenz hätte erworben werden können, wird zehn Jahre später über Kooperationen mit einem noch jungen Anbieter (Neura) und über technische Schnittstellen zum inzwischen chinesischen Eigentümer der eigenen früheren Gelegenheit (KUKA/Midea) nachgebildet.

Ralf Keuper


Quellen:

Siemens-Ausstieg aus BSH (2014/2015)

KUKA-Übernahme durch Midea 2016

Midea/KUKA heute – Roboterdichte und Fabriken

Bosch/Midea-Joint-Venture (VRF-Klimatechnik, seit 2015)

Bosch Rexroth / KUKA-Ökosystem-Partnerschaft (seit 2023)

Bosch/Neura Robotics-Kooperation (2026)