Rivian-Gründer RJ Scaringe spricht in der New York Times offener über die Schwächen des amerikanischen Autostandorts, als es Unternehmenschefs üblicherweise tun: Chinesische Anbieter würden „in the fullness of time“ auch in den USA verkaufen, und ohne Zölle wandere ein Großteil der Fertigung ab. Seine Antwort besteht aus Zöllen und Robotern. Dieser Essay fragt, was beides tatsächlich leisten kann, warum ein Neuling zunächst 40 bis 50 Prozent Aufschlag an seine Zulieferer zahlt und weshalb die Robotik nur einen von drei Kostenblöcken erreicht, die er selbst benennt.


Ein Interview mit dem Chef eines Unternehmens, das noch keinen Gewinn schreibt, ist zunächst Positionierung. Das gilt auch für das Gespräch, das die New York Times am 20. September 2026 mit RJ Scaringe veröffentlicht hat. Interessant ist es trotzdem, weil Scaringe an mehreren Stellen Mechanismen beschreibt, die weit über Rivian hinausweisen: wie Preismacht gegenüber Zulieferern entsteht, worin die Kostenlücke zu China wirklich besteht und wie wenig sich davon durch Technik allein schließen lässt.

Der Aufschlag des Neulings

Auf die Frage, warum Rivian nicht mit dem günstigeren Modell begonnen habe, antwortet Scaringe mit einer Logik, die sich in der Industriegeschichte oft wiederfindet. Jedes Teil, das ein junges Unternehmen nicht selbst baut, muss bei einem Zulieferer eingekauft werden, und selbst bei Eigenfertigung braucht es Rohmaterial. Ein Neuling habe keine Verhandlungsposition, also zahle man „40 percent or 50 percent premium“ zu Beginn, um das Risiko der Zulieferer abzudecken. Erst nach dem Erfolg lasse sich nachverhandeln. Inzwischen, so Scaringe, reisten die Vorstandschefs der Zulieferer nach Kalifornien oder ins Werk nach Normal, Illinois, um ihr Geschäft zu pitchen.

Als Beschreibung des Mechanismus ist das plausibel: Preismacht entsteht aus Glaubwürdigkeit und Volumen, und beides muss ein Neuling erst aufbauen. Als Rechtfertigung der Reihenfolge, zuerst das teure Flaggschiff, dann das Volumenmodell, ist es zugleich eine nachträgliche Ordnung. Zwölf Jahre lagen zwischen Gründung und erster Auslieferung, und Rivian rechnet für dieses Jahr mit bis zu 70.000 ausgelieferten Fahrzeugen, nach rund 42.000 im Vorjahr. Tesla verkaufte 2025 weltweit 1,6 Millionen. Ob die Nachverhandlungsmacht ausreicht, um bei diesen Stückzahlen den Weg in die Gewinnzone zu tragen, lässt der Text offen.

Der Vergleich mit Tesla legt nahe, dass es sich bei den Zulieferer- und Preisproblemen des Neulings vor allem um Größenprobleme handelt. Tesla lieferte allein im zweiten Quartal 2026 rund 480.000 Fahrzeuge aus, 25 Prozent mehr als im Vorjahresquartal, und damit in drei Monaten ein Vielfaches dessen, was Rivian für das ganze Jahr erwartet. Frei von Problemen ist aber auch Tesla nicht: Die operative Marge lag bei 1,4 Prozent, weil die Betriebsausgaben um 47 Prozent stiegen, die Automotive-Bruttomarge sank von 19,2 Prozent im ersten auf 16,3 Prozent im zweiten Quartal (ohne regulatorische Gutschriften), und der freie Cashflow war mit rund minus 1,1 Milliarden Dollar negativ. Tesla führt den Margenrückgang teilweise auf einen Einmaleffekt im ersten Quartal zurück und die höheren Ausgaben auf KI-Infrastruktur und Entwicklung. Vorläufig ergibt sich daraus: Tesla hat das Skalenproblem des Neulings hinter sich, das Kostenproblem gegenüber China ist damit aber nicht erledigt.

Drei Kostenblöcke, eine Antwort

Bemerkenswert ist, wie nüchtern Scaringe die Lücke zu China beschreibt. Es gebe keinen „magic dust“. Die Arbeitskosten seien niedriger, die Kapitalkosten seien es ebenfalls, in vielen Fällen null oder vom Staat bereitgestellt, und auch Strom und Versorgungsleistungen seien deutlich günstiger. Es sind drei getrennte Blöcke, und die Aussage, chinesische Anbieter würden in absehbarer Zeit auch in den USA verkaufen können, ist ehrlicher als vieles, was aus der Branche zu hören ist.

Seine Antwort besteht aus zwei Instrumenten. Zölle sollen die unterschiedlichen Eingangskosten „ins Gleichgewicht“ bringen, und Roboter, die neben Menschen an der Linie arbeiten, sollen den Arbeitskostenunterschied beseitigen. Dafür hat er im vergangenen Jahr Mind Robotics gegründet und nach eigenen Angaben über eine Milliarde Dollar eingeworben. Die Robotik adressiert jedoch nur den ersten der …