Paradigmenwechsel im Management Consulting #2

Von Ralf Keuper

Ähnlich wie Jay Deragon sehen auch Hans V.A. Johnsson und Per Erik Kihlstedt einen Paradigmenwechsel in der Art, wie sich Wertschöpfung in Zukunft vollzieht.  In ihrer Decleration of Interdependence betonen, sie dass Wertschöpfung das Ergebnis von “Minds in interaction” wie z.B. in Forschung, Innovation und Kommunikation. Nur so können Unternehmen rechtzeitig auf die Turbulenzen, Unvorhersehbarkeiten in der Umwelt reagieren. 
    Hauptziel ihrer Kritik ist dabei das (interne) Rechnungswesen der Unternehmen, das einen Blick über den Tellerrand verhindere. Dadurch wird in den Unternehmen einer Haltung Vorschub geleistet, die davon ausgeht, dass sich die Wertschöpfung – im Wesentlichen – innerhalb der Grenzen des eigenen Unternehmens, des eigenen Einflussbereiches, vollziehe – ein gefährlicher Trugschluss, wie Kihlstedt und Johnsson meinen. Die eigentliche Bedrohung für das Fortbestehen eines Unternehmens kommt von Außen. Kein Wunder also, dass Kihlstedt und Johnsson mit ihrem Beratungsansatz des Baseline Reporting das Ziel verfolgen, die Handlungsfreiheit des Unternehmens (Freedom to act) zu sichern – für sie das ultimative Ziel jeglicher Unternehmensstrategie. Um das Unternehmen manövrierfähig zu halten, müssen die Beziehungen zur Außenwelt ständig überprüft werden. Hierfür haben sie eine Klassifikation der Beziehungen, Levels of Relationships, entworfen. Ihrer Ansicht nach lassen sich die strategisch relevanten Interdependenzen messen und bewerten. Ein wichtiges strategisches Gut ist die Reputation des Unternehmens, ein Punkt, der durch das Internet und die Sozialen Netzwerke eine herausragende Bedeutung erlangt hat. Um die Reputation des Unternehmens im Auge behalten zu können, haben Kihlsted und Johnsson den SMART Approach entwickelt. 

    Das alles erinnert an die Theorie der Weak Signals von Igor Ansoff und an die Strategischen Wendepunkte von Andy Grove. Die neuen analytischen Applikationen, die häufig in einem Atemzug mit “Big Data” genannt werden, versprechen nun, die Strategische Frühaufklärung wirksam zu unterstützen. Ein Zuwachs an Quantität bedeutet aber noch lange nicht einen Gewinn an Qualität, was Stephen Few immer wieder betont, wie in seinem aktuellen Blog-Beitrag Signal Detection: An Important Skill in a Noisy World.
    Darin unterscheidet er relevante Signale vom bloßen Rauschen in den Daten.
      Ein rein fakten- und zahlenbasiertes Vorgehen, ohne Berüchsichtigung des Kontext, oder dessen, was Jay Draegon als Outside-the-Box, bezeichnet, führt in die Irre. Jedenfalls zu keinen neuen Einsichten auf Basis neuer Fragen bzw. Hypothesen.

      In seinem lesens- und empfehlenswerten Buch Thinking about Management machte Ted Levitt auf eben diesen wichtigen Punkt aufmerksam.

      Aufgabe des Management Consultings in Zukunft wird, in deutlich ausgeprägterer Form als heute, sein, den Kunden nicht mit vorgefertigten Konzepten, Best Practices und Standardantworten zu beglücken, sondern ihn dabei zu unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen, um die (vorläufig) richtigen Antworten zu finden. Hierfür ist eine Blickverschiebung und damit auch eine veränderte Denkweise nötig, die die Tatsache anerkennt, dass sich die Wertschöpfung in der Vierten Ökonomie der herkömmlichen  zahlen- und faktenbasierten Kontrolle entzieht. Das wichtigste Ziel ist und bleibt, die Sicherung der Handlungsfreiheit des Unternehmens, um noch rechtzeitig auf tiefgreifende Veränderungen reagieren zu können. Das ist nicht wenig. 

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