Endspiel für die deutsche Automobilindustrie

Von Ralf Keuper

Die Lage muss schon ernst sein, wenn der VW-Chef sich zu einer “Brandrede” veranlasst sieht und darin fordert, das Unternehmen müsse sich möglichst rasch in einen Digitalkonzern verwandeln, wenn es die Zukunft noch erleben will (Vgl. dazu: Die Brandrede von VW-Chef Herbert Diess im Wortlaut “Volkswagen steht mitten im Sturm”). Und wenn dann noch der Personalchef von Daimler dem Land Baden-Württemberg den Rat gibt, nicht mehr so wie in der Vergangenheit auf die Automobilbranche zu setzen und selbst Bob Lutz seine Bedenken gegen Tesla aufgibt und im Autonomen Fahren den Untergang für die Automobilindustrie erkennt, dann brennt die Erde wohl wirklich.

Bei Opel, dem einstmals größten deutschen Autobauer und Pionier der Massenproduktion hierzulande, ist der Absatz um 35 Prozent eingebrochen. Derweil betont der Aufsichtsratschef von Daimler trotzig, dass man bei Daimler eher E-Autos produziert habe als Tesla. Um so schlimmer, denn erst Tesla bzw. Elon Musk hat das E-Auto massentauglich gemacht. Sein Mut wird belohnt. Die deutsche Automobilindustrie war sich ihrer Schlüsselstellung für die Wirtschaft über Jahrzehnte bewusst. In dieser Haltung wurde sie von Politik und Medien bestärkt. Der Diesel-Skandal war in seiner Dimension nicht mehr von der Deutschland AG zu managen. Statt sich neuen Antriebstechniken zuzuwenden und die Prototyp-Phase hinter sich zu lassen, beschränkte sich die Automobilindustrie auf die Optimierung des Bestehenden. Die Autos wurden immer größer, die PS-Zahl stieg bzw. steigt. Aktueller Ausdruck dieser Strategie ist der SUV. Die Freude am Fahren war und ist das oberste Ziel. Dass Autos demnächst nur noch als Fortbewegungsmittel von Punkt A nach B fungieren und die Insassen sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen, als mit dem Fahrvorgang, ist für viele Automobilingenieure in Deutschland wohl noch immer ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke.

Die deutsche Automobilindustrie hat ihr Schicksal von dem Verbrennungsmotor abhängig gemacht. Schließlich handelt es sich um eine deutsche Erfindung, auf die man zu Recht stolz sein kann und darf. Jedoch hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Wachablösung des Verbrennungsmotors durch den Mikrochip vollzogen, deren Auswirkungen erst jetzt so richtig in der Automobilindustrie ankommen. Das Auto ist letztlich ein mobiles Kommunikationsgerät, das so viel Daten wie kaum ein anderes Gerät produziert. Diese Daten wiederum sind es, welche Google & Co. dazu treiben, ihre Aktivitäten auf den Automobil- bzw. den Mobilitätssektor auszudehnen. Wer Zugang zu den Daten hat, die im Auto produziert werden, kann diese wiederum dazu verwenden, bestehende Services und Produkte zu verbessern und neue zu entwicklen. Die großen Technologiekonzerne verfügen dabei über einen strategischen Vorteil, den die Automobilkonzerne wohl nicht mehr aufholen können. Die Technologiekonzerne sind mit ihren Smartphones, ihren Betriebssystemen und Sprachassistenten aus dem digitalen Alltag der Menschen und Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Ihr Ansatz ist branchenübergreifend; egal ob Unterhaltung, Banking/Payments, IoT oder Automobil. Letztlich geht es um die darüber liegende Daten- und Informationsschicht.

Hermann Haken unterscheidet in seinem Konzept der Synergetik zwischen langlebigen und kurzlebigen Ordnern/Größen, welche den Ordnungs- bzw. Gesamtzusammenhang eines informationsverarbeitenden System beeinflussen. Die langlebigen sind es, welche den Gesamtzusammenhang eines Systems bestimmen und die kurzlebigen versklaven. Die langlebigen Ordner/Größen verfügen über die für die Steuerung eines komplexen Systems relevanten Informationen.

Stand heute reicht die digitale Souveränität der deutschen Automobilhersteller bei weitem nicht aus, um dem Sog von Apple, Google, Amazon, Alibaba & Co. zu entgehen. Da helfen, so wie schon bei Kohle und Stahl, auch keine Subventionen mehr. Der Versuch, mit Biegen und Brechen ein Autoland bleiben zu wollen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die Optimierung des Bestehenden, die Konzentration auf die Anwendung reicht angesichts des Strukturwandels nicht mehr, da dessen Auswirkungen und Ursachen branchenübergreifend sind und sich daher nicht mehr von einer Branche mit Unterstützung der Politik in die gewünschten Bahnen lenken lässt. Es sind schlicht zu viele Umweltfaktoren, welche gleichzeitig die Automobilbranche unter Druck setzen. Der Wandel in ein Technologieunternehmen alleine wird nicht reichen. Die deutsche Automobilindustrie verdankt ihren Aufstieg genialen Ingenieuren und Unternehmern wie Daimler, Benz, Borgward, Porsche, Opel und anderen. In den USA und Asien sind ebenfalls Unternehmer, wie Elon Musk und Jeff Bezos, die Treiber. Persönlichkeiten dieses Formats sucht man in den Aktiengesellschaften hierzulande vergebens. Bislang ging es ohne. Künftig jedoch nicht mehr.

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