Mangelt es Deutschland an Internetkultur?

Von Ralf Keuper

Das Lamentieren darüber, dass Deutschland keine Digitalisierung kann, ebbt nicht ab. In Internetkultur-Dilemma: Warum Deutschland kein Digitalisierungs-Gewinner wird äußert der Autor Thomas Euler die Befürchtung, dass Deutschland die Prinzipien der Digitalisierung noch nicht in ausreichendem Maß verinnerlicht habe. Das Internet wird momentan von den großen amerikanischen und asiatischen Konzernen beherrscht. Im B2C-Bereich ist der Zug abgefahren. Die Hoffnungen richten sich nun auf das Segment B2B. Das sei, so ist aus den Industrie zu vernehmen, die eigentliche Stärke der deutschen Wirtschaft.

Auffallend ist, dass neben Deutschland auch Japan, das ebenfalls über eine starke industrielle Basis verfügt, die Lage ähnlich beurteilt wie die Vertreter der deutschen Wirtschaft. Deutschlands Rolle ist die eines Systemintegrators, eines Anwenders von Basistechnologien, die häufig, nicht immer, woanders entwickelt wurden.

Das eigentliche Problem ist m.E. nicht, dass wir über mangelnde Internetkultur verfügen, wobei noch zu klären wäre, was genau darunter zu verstehen ist, sondern darin, dass die deutschen Unternehmen, wie es ein Kommentator auf heise.de ausdrückte, keine Plattformen können. Dieses Organisationsmodell ist den deutschen Unternehmen und Banken weitgehend unbekannt. Stattdessen versucht man, die gute alte Deutschland AG wiederzubeleben, wie das Beispiel der Datenallianzen der letzten Zeit zeigt. Dieses Denken hat, wie die aktuelle Diskussion über die Automobilindustrie belegt, eine lange Tradition und  kann nur sehr schwer geändert werden. Das verbindet uns mit Japan. Auch dort ist die Verzahnung zwischen Schlüsselindustrien, Politik und Medien z.T. sehr eng.

Vielleicht liegt es daran, dass Deutschland keine Seefahrernation ist. Ein Unternehmen aufzubauen, wie die East India Company oder das niederländische Gegenstück wäre für Deutsche mit ihrer Kontrollwut und Vorliebe für bürokratische Regelungen nicht möglich gewesen. Es hätte zumindest zu Verwaltungen mit tausenden und abertausenden von Mitarbeitern bzw. Beamten geführt.

Einzig zur Zeit der Hanse wählte man in Deutschland einen ähnlichen Ansatz, eine Art Netzwerkorganisation, die mit einem Minimum an Regeln und ohne offizielles Haupt auskam.

Die nötige “Internetkultur” zu entwickeln, kann nicht das Problem einer so bedeutenden Kultur- und Wirtschaftsnation wie Deutschland sein. Das ist bestenfalls plakativ.

Allerdings müssen wir unseren Wirtschaftsstil ändern. Die Welt da draußen nimmt keine Rücksicht darauf, ob wir der Ansicht sind, die schönsten und sichersten Produkte der Welt zu bauen  – nach dem Motto: die Kunden werden schon kommen. Das reicht nicht mehr.

Wir brauchen mehr Erfahrungen im Bau und der Unterhaltung von Plattformen oder Netzwerken, die sich nicht in der Weise kontrollieren lassen, wie das einige Unternehmensführer noch immer zu glauben scheinen – mittels Hierarchie und, wenn nötig, guten Kontakten zu den Spitzen der Politik. Hier ist ein Umlernen und die Aneignung von neuem Wissen notwendig:

Wirtschaft wächst durch Wissen, das man auf Vorrat hat, laufend neu schafft oder importieren kann. Das Wissen mag in Gedächtnissen gespeichert sein und mit Menschen wandern, oder es mag als Technologie – in Blaupausen und Lizenzen oder in Form von überlegenen Konsum- und Investitionsgütern – von Land zu Land übertragen werden, soweit die Menschen im Empfängerland aufgeschlossen und lernfähig sind. (Herbert Giersch: Marktwirtschaftliche Perspektiven für Europa).

Das bedeutet auch, dass die bisherige Industriepolitik überdacht werden muss:

Eine Industriepolitik, die sich auf die Unterstützung ganz bestimmter Wirtschaftsaktivitäten konzentriert, wird dazu neigen, das zu begünstigen, was schon da ist und was man kennt: Menschen oder Wähler, die vor Konkurrenz geschützt werden wollen; Produkte, die es schon lange gibt, Innovationsprozesse, die sich sich schon anderswo durchgesetzt haben. Zukunftsorientierte Ressourcen sind für solches Drängen an die Subventionskrippe angesichts alternativer Verwendungsmöglichkeiten viel zu knapp (ebd.).

Dieser Beitrag wurde unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Mangelt es Deutschland an Internetkultur?

  1. Thomas Euler sagt:

    Hallo Herr Keuper,

    ich bin ganz bei Ihnen. Plattformgeschäftsmodelle, Aggregatoren, Netzwerke – so denken hierzulande zu wenige Unternehmer/n. Und wer es doch tut, wird damit konfrontiert, dass Kapitalbeschaffung dafür ungleich schwerer ist, als in den USA (und wie Sie völlig zurecht anführen, im asiatischen Markt). Im Ergebnis, da sind wir glaube ich einig, sind es andere, die in der Digitalwirtschaft führend sind.

    Meine These von der mangelnden Internetkultur ist Teil der Erklärung (oder vielmehr: Erklärungsversuch), warum dies so ist. Wie ich in meinem Artikel sage: Das Internet gehorcht einer eigenen Logik – in der Wirtschaft eben jener von Plattformen und Netzwerkeffekten. Und diese wird hier zu wenig verstanden. Wie Sie sagen: Unsere hiesige Wirtschaft hat eine andere DNA. Und ist damit ja auch über Jahrzehnte bestens gefahren. Führende Industrie, exzellente Produkte, ein gesunder Mittelstand.

    Doch die Erfolgsrezepte im Internet sind andere. Und diese werden hier noch immer viel zu wenig verstanden. Kürzlich erhielt ich einen interessanten Einblick darein, wie gerade in Stanford und bei Y Combinator über die nächste Generation der Plattformunternehmen nachgedacht wird. Konfrontieren Sie damit das Gros der deutschen Unternehmensleiter, und sie ernten irgendwas zwischen Skepsis und fragenden Blicken. Die Sprache des Webs wird hier nicht gesprochen. Es ist also mit unserem Land so, wie überall dort, wo ein Akteur lange Zeit sehr erfolgreich war: Er ist optimiert und extrem gut in der alten Welt, doch gestaltet so gut wie nie die neue.

    Die von mir proklamierte fehlende Internetkultur – interimsweise definiert als die mangelnde direkte Auseinandersetzung mit und (schöpferische) Partizipation am Internet – ist eine der Ursachen für diesen Umstand. Ich bin überzeugt, dass derjenige das Internet am besten versteht, der sich darin bewegt und es neugierig(!) erforscht. Denn so versteht man am besten, wie gute Services und Produkte funktionieren, welche Mechanismen ihr Geschäft beflügeln etc.

    Wer dem Netz hingegen primär mit Skepsis und Bedenken begegnet – wie wir hierzulande für die längste Zeit – dem fehlt dieses Basisrüstzeug. Und der bekommt dann eben Copycat-Barone und eine etablierte Wirtschaft, die nun verzweifelt versucht, aufzuholen, was man zwei Jahrzehnte lang versäumt hat. Wobei ich ohnehin bezweifle, dass non-digitale Unternehmen zu den Gewinnern der Zukunft zählen werden. Bislang sind alle großen Digitalisierungsgewinner “made for the internet”. Und von ihnen kommt quasi keiner aus Deutschland.

    • Drucker sagt:

      Hallo Herr Euler,

      besten Dank für Ihren Kommentar!

      Wir liegen in der Tat nicht allzu weit auseinander. Ich glaube, Jonathan Zittrain trifft es mit der folgenden Aussage ganz gut:

      “The internet has no business plan, no CEO, no firm responsible for building it, instead its folks are coming together to have fun … that led to a network architecture, a structure that was unlike other digital networks then. ….” Quelle: http://medienstil.bankstil.de/jonathan-zittrain-das-internet-als-ort-willkuerlicher-selbstloser-gesten)

      Das widerspricht auf den ersten Blick unserem Naturell. In der Vergangenheit habe ich mich auf diesem Blog häufiger mit der Thematik beschäftigt, wie in Deutsche Industrie: Auch digital “unkaputtbar” ? http://econlittera.bankstil.de/deutsche-industrie-auch-digital-unkaputtbar

      Daraus:
      Zwar ist es richtig, dass die deutsche Industrie noch immer rechtzeitig den Schwenk in den neuen Modus geschafft hat. Bisher basierte das deutsche Modell auf vergleichsweise langen Innovationszyklen, die genügend Zeit für die schrittweise Verbesserung, für German (Over-) Engineering ließen. Im digitalen Zeitalter gilt das häufig nicht mehr. Die Zyklen werden kürzer, die Produkte nicht selten nach der Auslieferung weiter bearbeitet. Ein Modus, den die Deutschen bisher nicht wirklich beherrschen. Hier gilt noch immer: Unsere Produkte sind, allein schon wegen ihrer hohen Qualität, selbsterklärend. Falls es doch mal Probleme gibt, rückt der Kundenservice aus – oder der Kunde muss in die Werkstatt. Was aber, wenn die Produkte im ersten Wurf gar nicht so perfekt sein und vielleicht auch gar nicht mehr diese Perfektionsgrad erreichen müssen, da ihre Lebensdauer ohnehin begrenzt ist? Stattdessen handelt es sich künftig um einen kontinuierlichen Formwandel. Die Gefahr besteht, dass sich die deutsche Industrie mit ihrem Hang zum Over Engineering in eine Komplexitätsfalle begibt, wie sie Jürgen Kluge u.a. in “Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie” thematisiert haben.

      Zitatende.

      Der Befund gilt nach dem Dieselskandal und dem Kartellverdacht um so mehr. Deutschlands Geschäftsmodell hat deutlich Schlagseite; es befindet sich in der Auslaufphase. Wenn es uns in den nächsten Jahren nicht gelingt, neue Felder zu erschließen, dann wird es eng.

      Es gibt Beispiele, dass jedenfalls einige Unternehmen das Problem erkannt haben, wie diejenigen, die sich am Spitzencluster it’s owl http://www.its-owl.de/home/ beteiligen, oder die Smart Factory OWL, die ich vor einigen Wochen besucht habe. http://westfalenlob.bankstil.de/zu-besuch-in-der-smart-factory-owl Dort wurde übrigens vor einigen Monaten der bislang größte Hackathon für das industrielle Internet veranstaltet. In Lemgo wird darüber hinaus im Centrum for Industrial IT http://www.ciit-owl.de/ intensiv an dem Industrial Internet geforscht. Problematisch ist jedoch, dass die verschiedenen Institute auf dem Gebiet in Deutschland mehr gegeneinander und nicht miteinander arbeiten; dabei sind häufig persönliche Eitelkeiten mit im Spiel. Diesen Luxus können wir uns auf Dauer nicht mehr leisten.

      Es ist keinesfalls ausgemacht, dass die Digitalisierungsgewinner auch in Zukunft aus den USA oder Asien kommen. Auch in den USA ist nich alles eitel Sonnenschein; daran ändern auch die Internetkonzerne bislang wenig, wie Michael Porter u.a. in “Problems unsolved and a nation divided” http://www.hbs.edu/competitiveness/Documents/problems-unsolved-and-a-nation-divided.pdf feststellen:

      U.S. competitiveness has been eroding since well before the Great Recession. America’s economic challenges are structural, not cyclical. The weak recovery reflects the erosion of competitiveness, as well as the inability to take the steps necessary to address growing U.S. weaknesses. … This pattern of strengths and weaknesses helps explain why the U.S. economy is no longer delivering shared prosperity. Large companies, the skilled individuals who run them, and those who invest in them benefit from America’s greatest strengths and are prospering. However, workers and small businesses are captives of the nation’s major weaknesses.

      Auch in den USA sind längst nicht alle Unternehmen überzeugt von den Möglichkeiten der Digitalisierung, sind also skeptisch; das gilt vor allem für den Mittleren Westen, der vom Naturell seiner Bewohner her Deutschland wohl recht nahe kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.