Sprunginnovationen Made in Germany

Von Ralf Keuper

Die deutsche Wirtschaft hat Probleme damit, eigene Erfindungen in tragfähige Geschäftsmodelle zu verwandeln. Die Früchte fahren häufig andere ein, wie bei MP3. Die letzte wirkliche Innovation aus Deutschland, die auch hier erfolgreich vermarktet wurde, war, so der Regierungsbeauftragte für Erfindungen, Rafael Laguna, in einem Interview, das Auto. Laguna baut in Leipzig die Bundesagentur für Sprunginnovationen auf. Deutsche Erfindungen sollen auch hier monetarisiert werden und nicht über den Umweg USA oder China bezahlpflichtig zu uns zurückkommen. Junge Unternehmen und Erfinder sollen daher auch nach der ersten Wachstumsphase finanziert werden (Later Stage – Finanzierung).

Jetzt kann man darüber streiten, ob das Auto tatsächlich die letzte Sprunginnovation aus Deutschland ist, die hierzulande zu Geld gemacht wurde. Der Computer, der mit Konrad Zuses Z3 das Licht in Deutschland erblickte, wurde auch in Deutschland durchaus erfolgreich monetarisiert, wie das Beispiel der ehemaligen Nixdorf Computer AG zeigt. Der Computerbauer aus Paderborn verhalf der dezentralen Datenverarbeitung in Deutschland zum Durchbruch. Als der PC die mittlere Datentechnik ablöste, hielt man bei Nixdorf, aber auch bei DEC und Wang, eisern an den großen Maschinen fest. Das Angebot von Apple, gemeinsam Computer zu bauen, schlug Heinz Nixdorf mit der Bemerkung “Ich baue Lastwagen und keine Mopeds” in den Wind.

Eine echte Sprunginnovation war der Walkman. Als der eigentliche Erfinder gilt heute Andreas Pavel (Vgl. dazu: Der Walkman – die ganze Geschichte). Als er sein portables Abspielgerät auf der HiFi-Messe 1976 Vertretern von Philips und Sony vorstellte, zeigten diese kein Interesse, ebenso wenig wie Grundig, wo immerhin der Heinzelmann, eine Art Vorläufer des Walkman, entwickelt und vermarktet wurde.

Aber auch Innovationen aus dem Ausland haben es häufig schwer, in Deutschland auf Resonanz zu stossen. Als der englische Erfinder und Unternehmer James Dyson auf der Suche für Partner für seinen beutellosen Staubsager war, zeigten ihm Miele und andere die kalte Schulter (Vg. dazu. Sturm gegen den Stillstand). Im Jahr 1998, als Amazon nur wenige tausend Mitarbeiter zählte, bot Jeff Bezos Bertelsmann 30 Prozent seines Unternehmens an. Der Deal kam nicht zustande. Trotz seiner damaligen Größe und Marktstellung schaffte es Bertelsmann nicht, die Suchmaschine Lycos in die Gewinnzone zu führen.

Hans Beckhoff, überaus erfolgreicher Unternehmer und Eigentümer von Beckhoff Automation, bedauert noch heute, dass er 1997 die Entwicklung einer Anwendung für MP3 nicht weiter verfolgte.

Beckhoff wollte einen Harddisc-Rekorder bauen. “Hierfür hatten wir ein passendes Verfahren im Internet gefunden und ausgetestet. Dann kam aber der nächste Auftrag aus der Industrie und wir mussten das Projekt aus Kapazitätsgründen stoppen”. Drei Jahre später wurde es weltweit bekannt als MP3. Hans Beckhoff: “Wir hatten MP3 zwar nicht erfunden, aber wir hatten die Anwendung dafür”. (in: Der Automatisierer).

Das scheint symptomatisch für die deutsche Wirtschaft zu sein. Statt Neues auszuprobieren, macht man lieber das Nächstliegende bzw. den nächsten Auftrag. Beckhoff hat es nicht geschadet, da das Unternehmen ausgesprochen innovativ ist. Dennoch: Die Unternehmen beschränken sich hierzulande zu sehr auf die Optimierung des Bestehenden und kümmern sich zu wenig um die Schaffung von Neuem. Der Rahmen des eigenen Geschäfts und die Branchenlogik werden nur selten überschritten. Folge davon ist eine Flucht ins Premium-Segment, wie bei Automobilen und Waschmaschinen. Wenn ausländische Hersteller das gleiche Produkt deutlich günstiger und mit deutlich besserer Benutzerfreundlichkeit herstellen können oder neue Technologien die alten Produktionsverfahren obsolet machen, wird es eng. Optimierung reicht dann nicht mehr. Bei Google dagegen werden ständig neue Produkte und Services entwickelt, von denen nur die wenigsten die Marktreife schaffen. Ausprobieren ist hier die Devise.

Je näher deutsche Hersteller dem Endkunden über digitale Kanäle kommen (müssen), um so erfolgloser sind sie. Statt in Services wird überwiegend in Produkten und Hardware gedacht. Produkte im Beta-Modus auszuliefern und fortlaufend zu verbessern oder neues in den Markt zu bringen, ist die Ausnahme. Es entspricht (noch) nicht unserem Wirtschaftsstil, der noch immer stark von der Deutschland AG geprägt ist.

Auch das Auto kam erst über den Umweg USA bzw. Ford nach Deutschland, als Opel das Prinzip der Fließbandfertigung übernahm und optimierte.

Als die Firma auf dem Höhepunkt der Inflation im August 1923 das Werk schließen musste, plante die Geschäftsleitung als Neubeginn eine Radikalkur. Statt großer, teurer Limousinen sollten in Zukunft kleine, erschwingliche Modelle hergestellt werden. Autos fürs Volk eben.

Fürs Volk, für die Masse produzieren deutsche Unternehmen immer seltener. Man zieht sich auf die Bereiche Premium und B2B zurück in der Hoffnung, hier sein Auskommen zu finden.

Sprunginnovationen aus Deutschland oder die sich in Deutschland erfolgreich vermarkten lassen, müssen von Beginn auf den globalen Massenmarkt ausgelegt sein. Vielleicht ist unser Heimatmarkt inzwischen zu klein geworden, um Sprunginnovationen, die sich weltweit vermarkten lassen, hervorzubringen. Andererseits zeigt das Beispiel Schweden, dass die Größe des Heimatmarktes nicht das alleinige Kriterium für Erfolg ist.

Für echte Sprunginnovationen fehlt in Deutschland derzeit noch der Resonanzboden. Es ist zu wünschen, dass die Bundesagentur für Sprunginnovation daran etwas ändern kann.

Übrigens: Ein Innovator, wenngleich nicht so sehr in technologischer Hinsicht, war Gustav Schickedanz. Der Quelle-Versand hat vieles von dem vorweg genommen, was Amazon später perfektioniert hat (Vgl. dazu: “Gustav Schickedanz. Biografie eines Revolutionärs” von Gregor Schöllgen). Auch diese Form von Sprunginnovationen benötigen wir.

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