DIW und Bundesbank korrigieren ihre Wachstumsprognosen für Deutschland kräftig nach oben – das DIW von 0,5 auf 1,2 Prozent für 2026, die Bundesbank auf rund ein Prozent. Nach zwei Schrumpfungsjahren klingt das nach der ersehnten Trendwende. Der Blick auf die Treiber relativiert die gute Nachricht jedoch erheblich.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher benennt sie selbst: Rund 70 Prozent des Wachstums gehen auf öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen zurück – Gesundheit, Pflege, Rente, Infrastruktur, Verteidigung. Hinzu kommen zwei Sondereffekte, die sich kaum wiederholen lassen: ein milder als befürchtet ausgefallener Energiepreisschock nach dem Iran-Krieg und ein einmaliger Exportrekord im Juni. Von den drei tragenden Faktoren ist damit nur einer politisch fortschreibbar – und der setzt eine wachsende oder umgeschichtete Staatsverschuldung voraus.
Den eigentlich wunden Punkt spricht Fratzscher gleich mit an: Die privaten Investitionen reichten weiterhin nicht aus, um Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit nachhaltig zu stärken. Genau das ist der Belastungstest für die neuen Zahlen. Eine Konjunkturaufhellung, die zu 70 Prozent aus dem Staatshaushalt gespeist wird, sagt wenig darüber aus, ob das strukturelle Problem – die seit Jahren schwache private Investitionstätigkeit – gelöst oder nur überdeckt wird. Auch die Institute selbst bleiben entsprechend zurückhaltend: Bundesbank-Präsident Nagel spricht von einem Wachstum, das „nach wie vor nicht sehr hoch“ sei, das DIW von „vorsichtigem Optimismus“ bei fragiler Erholung – nicht von einem Aufschwung.
Ob 2026 der Beginn einer Trendwende ist oder ein staatlich finanziertes Zwischenhoch, entscheidet sich nicht an der Prognosekorrektur selbst, sondern daran, ob die private Investitionstätigkeit in den kommenden Jahren nachzieht. Die für 2027 und 2028 bereits wieder erwartete Abschwächung (1,0 bzw. 0,7 Prozent) spricht bislang eher gegen diese Annahme.
Ralf Keuper
Quellen:
Germany on Track to Grow by as Much as 1%, Nagel Says
Joachim Nagel im Interview mit Le Monde: Inflation, Zinsen und Europas Zukunft
DIW rechnet mit höherem BIP-Wachstum 2026 und 2027
