Ein Kommentar zum „modernen Deutschland“ beschwört das Bild einer Wirtschaft, die sich selbst überlassen zu Innovation und Wachstum findet – der Staat habe sich auf Rahmenbedingungen zu beschränken, mehr nicht. Der Blick auf acht Fälle von Silicon Valley über Airbus, TSMC in Dresden und die Rüstungsindustrie bis zum Hamburger Hafen, dem Kaiserreich Wilhelms II. und dem Wirtschaftswunder mit Marshallplan und Korea-Boom zeigt jedoch ein durchgängiges Muster: Kein technologischer oder industrieller Führungssektor ist ohne gezielte staatliche Vorleistung oder externe Nachfrageschocks entstanden. Berechtigt bleibt an dem Kommentar allerdings die Kritik am deutschen Strukturkonservatismus und am bürokratischen Aufwand für Gründer. Die eigentliche Frage ist damit nicht das Ob staatlicher Beteiligung, sondern das Wie – eine intelligente, strategisch und langfristig angelegte Industriepolitik statt additiver Bestandssubventionierung oder bloßen Marktvertrauens.
Ein verbreitetes Argumentationsmuster in der aktuellen Standortdebatte lautet: Deutschland zerfalle in ein zukunftsgewandtes, technologieaffines Land der Start-ups und ein rückwärtsgewandtes Land der Traditionsindustrien und Verteilungskämpfe. Die Politik aller etablierten Lager bediene nur Letzteres. Was das moderne Deutschland brauche, sei kein intervenierender, regulierender oder subventionierender Staat, sondern verlässliche Rahmenbedingungen – der Markt werde den Rest besorgen.
Diese Erzählung hat rhetorische Kraft, doch sie hält der Überprüfung an ihrem eigenen bevorzugten Beispiel nicht stand: den Vereinigten Staaten.
Die USA als Gegenbeweis, nicht als Beleg
Wer auf die amerikanische Technologieökonomie als Beweis für die Überlegenheit reiner Angebotspolitik verweist, übersieht deren Entstehungsgeschichte. Das Silicon Valley wuchs maßgeblich aus Verteidigungsministerium- und NASA-Aufträgen heran; Stanford und die frühe Halbleiterindustrie profitierten von staatlicher Beschaffungsnachfrage, nicht von unternehmerischer Initiative allein. Zentrale Bausteine heutiger Plattformökonomien – Internet, GPS, Touchscreen, Spracherkennung – entstammen öffentlich finanzierter Grundlagenforschung, wie Mariana Mazzucato in ihrer Untersuchung des „unternehmerischen Staates“ herausgearbeitet hat.
Dass reine Angebotsbedingungen allein nicht ausreichen, zeigt sich zudem an zwei aktuellen Gegenproben aus den USA selbst: Der CHIPS Act und der Inflation Reduction Act sind explizite Eingeständnisse, dass Deregulierung und niedrige Steuersätze die Rückverlagerung strategischer Produktion – Halbleiter, Batteriezellen – nicht geleistet haben. Und der Rust Belt, die amerikanische Entsprechung zum vermeintlich „alten“ Deutschland, durchlief unter günstigen Angebotsbedingungen keinen Übergang zur Technologieökonomie, sondern soziale Erosion und politische Radikalisierung.
Der Kommentar beklagt, die Menschen, die das moderne Deutschland tragen, besäßen keine Lobby und träfen auf kein politisches Angebot. Gemessen am eigenen Vorbild ist diese Klage bemerkenswert: Die Gründerinnen und Gründer des Silicon Valley trafen sehr wohl auf ein politisches Angebot – nur eben nicht in Form von Talkshow-Aufmerksamkeit oder parlamentarischer Lobbyarbeit, sondern in Form von Beschaffungsaufträgen, Grundlagenforschungsmitteln und garantierter Nachfrage durch Verteidigungsministerium und NASA. Das politische Angebot, das dem „modernen Deutschland“ fehlt, war in den USA also gerade keine Abwesenheit von Politik, sondern eine sehr konkrete, finanziell hinterlegte Form davon. Wer diese Lücke beklagt, aber gleichzeitig genau die Art von Angebot ablehnt, die im eigenen Referenzbeispiel den Unterschied gemacht hat, argumentiert widersprüchlich.
Die Behauptung, ein politisches Angebot fehle gänzlich, hält im Übrigen auch dem deutschen Befund selbst nicht stand. Der High-Tech Gründerfonds finanziert seit 2005 gezielt technologieorientierte Frühphasen-Start-ups mit Bundesbeteiligung, und der Zukunftsfonds des Bundes bündelt öffentliche Instrumente wie den ERP/EIF-Dachfonds, KfW Capital und den DeepTech & Climate Fonds, um den deutschen Wagniskapitalmarkt gezielt zu stärken. Hinzu kommen das EXIST-Gründerstipendium, das INVEST-Programm für Wagniskapitalgeber sowie eine Vielzahl länderspezifischer Fonds. Das „moderne Deutschland“ der Start-up-Gründer ist damit selbst keineswegs ohne politisches Angebot – es erhält, in kleinerem Maßstab, exakt jene Form staatlicher Unterstützung, deren Notwendigkeit der Kommentar grundsätzlich bestreitet.
Noch deutlicher zeigt sich dies an den großen Technologieansiedlungen der vergangenen Jahre. Die Chipfabrik ESMC von TSMC, Bosch, Infineon und NXP in Dresden wird mit bis zu 5 Milliarden Euro Bundesmitteln gefördert – bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von gut 10 Milliarden Euro trägt der Staat damit etwa die Hälfte, genehmigt auf Grundlage des European Chips Act. Auch die vierte Infineon-Fab in Dresden läuft als Chips-Act-Projekt. Beim Fall Tesla lohnt allerdings die Präzisierung: Für die Batteriezellfertigung in Grünheide zog der Konzern seinen Antrag auf eine mögliche IPCEI-Förderung von rund 1,135 Milliarden Euro 2021 selbst zurück, weil ihm die damit verbundenen Auflagen zu weitreichend waren – das Werk wurde dennoch, mit anderweitiger staatlicher Infrastrukturunterstützung, gebaut. Der Fall zeigt damit weniger die Abwesenheit staatlichen Angebots als die Möglichkeit, es abzulehnen. Dass staatlich geförderte Großansiedlungen zugleich scheitern können, belegen die ins Stocken geratenen Projekte von Intel in Magdeburg und Wolfspeed im Saarland – ein Hinweis darauf, dass gezielte Industriepolitik kein Selbstläufer ist, sondern selbst wieder an Umsetzung und Rahmenbedingungen hängt.
Der Blick über die USA hinaus
Die historische Evidenz weiterer erfolgreicher Industrienationen verstärkt dieses Bild. Japans MITI lenkte in der Nachkriegszeit gezielt Kredite und Deviseneinfuhrgenehmigungen an ausgewählte Sektoren. Südkoreas Chaebols – Samsung, Hyundai, POSCO – entstanden über staatlich gelenkte Kreditallokation und Exportförderung. Chinas Aufstieg in Schlüsseltechnologien ist ohne die Rolle von Fünfjahresplänen und staatlich finanzierten Krediten an strategische Sektoren nicht erklärbar. Nahezu jede erfolgreiche Aufhol- oder Führungsposition in der Industriegeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts war mit einer Form gezielter staatlicher Weichenstellung verbunden – nicht mit deren Abwesenheit.
Das gilt, mit Einschränkungen, bereits für Deutschlands eigenen Aufstieg zur Industrienation im Kaiserreich. Die Schutzzollpolitik von 1879 schirmte die junge deutsche Industrie gegen billigere ausländische Konkurrenz ab. Unter Wilhelm II. schuf das Flottenbauprogramm – der Auf- und Ausbau der Hochseeflotte nach den Flottengesetzen ab 1898 – eine über Jahrzehnte garantierte staatliche Nachfrage nach Stahl und Schiffbau, von der Werften wie Krupp unmittelbar profitierten; hinzu kamen eine staatlich geförderte Bankenlandschaft, die Kapital für Großindustrie bereitstellte, und der Ausbau der Technischen Hochschulen als Ingenieurskader-Schmieden. Zugleich muss die eigene Quellenkritik hier ansetzen: Die Staatsquote im Kaiserreich lag mit rund 14 Prozent deutlich unter heutigem Niveau, und weite Teile der Industrialisierung – insbesondere die Erschließung durch private Geschäftsbanken wie die Deutsche Bank – vollzogen sich marktgetrieben. Der deutsche Fall belegt damit weniger eine durchgängige Staatslenkung als ein Muster, das sich auch in den späteren Beispielen zeigt: punktuelle, aber wirkungsstarke staatliche Weichenstellungen in einem im Übrigen wettbewerblich organisierten Umfeld.
Auch der zweite deutsche Aufstiegsfall, das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, verläuft nicht so rein marktgetrieben, wie es die populäre Erzählung um die Soziale Marktwirtschaft und Ludwig Erhard oft nahelegt. Die Marshallplan-Hilfe der USA hat den westeuropäischen Wiederaufbau und damit auch den westdeutschen Aufschwung erleichtert und phasenweise beschleunigt – wenngleich, das gehört zur Quellenkritik dazu, die Wirtschaftsgeschichte diesen Effekt nicht als alleinige Ursache ansieht. Deutlicher fällt der zweite Faktor aus: der sogenannte Korea-Boom. Der ab 1950 einsetzende Koreakrieg löste eine weltweite Nachfragesteigerung nach Investitions- und Rüstungsgütern aus, von der die westdeutsche Industrie – mit ungenutzten, aber intakten Produktionskapazitäten – in besonderem Maße profitierte; zwischen 1950 und 1952 verdreifachten sich die westdeutschen Exporte. Dieser entscheidende Wachstumsschub war damit nicht das Ergebnis einer Angebotspolitik im Inland, sondern eines externen, kriegsbedingten Nachfrageschocks. Auch hier gilt die gebotene Vorsicht: Wirtschaftshistoriker wie Werner Abelshauser weisen darauf hin, dass andere westeuropäische Länder, darunter Frankreich, in denselben Jahrzehnten ein ganz ähnliches Wachstum erlebten, ohne über eine vergleichbare Soziale Marktwirtschaft zu verfügen – ein Hinweis darauf, dass auch das deutsche Wirtschaftswunder mehrere, sich überlagernde Ursachen hatte und nicht monokausal auf marktwirtschaftliche Reformen allein zurückzuführen ist.
Das relativiert die Aussage keineswegs zu einem Plädoyer für beliebige Subventionspolitik. Auch gescheiterte Beispiele sind Teil des Bildes: Frankreichs „champions nationaux“, diverse EU-Förderprogramme oder die deutsche Solarindustrie vor dem chinesischen Verdrängungswettbewerb zeigen, dass staatliche Lenkung ebenso scheitern kann. Die eigentliche Trennlinie verläuft daher nicht zwischen Intervention und Nicht-Intervention, sondern zwischen unterschiedlichen Formen von Industriepolitik: horizontalen Rahmenbedingungen gegenüber vertikaler Auswahl einzelner Gewinner, zeitlich befristeter gegenüber dauerhafter Förderung, wettbewerbsoffener gegenüber protektionistischer Ausgestaltung.
Wo der Befund berechtigt ist
Die Kritik am reinen Marktvertrauen darf jedoch nicht dazu verleiten, den Ausgangsbefund vollständig zu verwerfen. In mehreren Punkten trifft der Kommentar einen wunden Punkt der deutschen Wirtschaftsstruktur. Die jahrzehntelange Subventionierung etablierter Branchen – die Automobilindustrie ist das prominenteste, aber nicht einzige Beispiel – hat in vielen Fällen keinen nachhaltigen Struktureffekt erzeugt, sondern eher den Status quo konserviert. Auch der Hinweis auf einen gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt trifft einen realen Engpass: Ohne tiefe, integrierte Kapitalmärkte fehlt europäischen Wachstumsunternehmen häufig die Finanzierungsbrücke, die sie in den USA vorfinden, was tatsächlich zur Abwanderung beiträgt. Und auch die Beobachtung, dass ein Großteil der deutschen Forschungslandschaft eher der Optimierung bestehender Produkte und Prozesse dient als der Erschließung neuer technologischer Pfade, lässt sich nicht ohne Weiteres von der Hand weisen. Ein gewisser Strukturkonservatismus – das Festhalten an vertrauten industriellen Pfaden, auch wenn ihr Zukunftswert begrenzt ist – gehört damit durchaus zu den berechtigten Diagnosen des Textes.
Der Fehlschluss liegt nicht in der Diagnose, sondern in der daraus gezogenen Therapie: Aus der berechtigten Kritik am Strukturkonservatismus folgt nicht, dass Angebotspolitik und freier Markt allein die Brücke in die Zukunft schlagen könnten – ganz ohne staatliche Unterstützung. Genau dieser Schluss ist, mit Blick auf die tatsächliche Entwicklungsgeschichte der USA, Chinas, Japans und Südkoreas, naiv. Die berechtigte Kritik am Zuviel des Alten rechtfertigt nicht den Trugschluss, ein Zuwenig an gezielter staatlicher Beteiligung sei der Weg zum Neuen.
Von der Förderfrage unbenommen bleibt allerdings ein anderer, ebenfalls berechtigter Kritikpunkt: der schiere bürokratische Aufwand für Unternehmensgründer in Deutschland. Die Erzählung um die Stripe-Gründer Patrick und John Collison steht dafür exemplarisch. Ihr eigenes Produkt Stripe Atlas entstand aus der Erfahrung, wie viel Reibung selbst in den USA mit der Unternehmensgründung verbunden ist – und bietet die Eintragung einer Kapitalgesellschaft in Delaware innerhalb von ein bis zwei Werktagen an. Gemessen an deutschen Fristen für Notartermin, Handelsregistereintragung und Gewerbeanmeldung, die sich nicht selten über Wochen erstrecken, wirkt das amerikanische Verfahren wie aus einer anderen Zeit. Dieser Befund ist von der Frage staatlicher Technologieförderung klar zu trennen: Er betrifft nicht das Ob, sondern die Effizienz staatlichen Handelns – ein Bereich, in dem Deutschland unabhängig von der industriepolitischen Grundsatzfrage erheblichen Nachholbedarf hat.
Zwischenbilanz: ein wiederkehrendes Muster
Die bisherigen Fälle – das Silicon Valley und seine Verteidigungs- und NASA-Aufträge, die deutsche Start-up-Förderung über HTGF und Zukunftsfonds, die Chipfabrik ESMC in Dresden, das deutsche Kaiserreich mit seiner Schutzzoll- und Flottenbaupolitik sowie das Wirtschaftswunder mit Marshallplan und Korea-Boom – zeichnen trotz aller Unterschiede in Zeit, Ort und Ausgestaltung ein gemeinsames Muster: Erfolgreicher technologischer und industrieller Aufstieg war historisch so gut wie nie das Ergebnis eines sich selbst überlassenen Marktes, sondern verband punktuelle, oft branchenspezifische staatliche Weichenstellung oder externe Nachfrageschocks mit einem im Übrigen wettbewerblich organisierten Umfeld. Drei weitere Fälle schärfen dieses Muster aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Airbus zeigt es auf supranationaler, europäischer Ebene, die Rüstungsindustrie in seiner reinsten, unverhülltesten Form, und die Hafeninfrastruktur schließlich als den Grenzfall, in dem selbst marktliberale Positionen kaum widersprechen.
Airbus: der europäische Referenzfall
Kein Beispiel widerlegt die Ausgangsthese so unmittelbar wie Airbus, weil es zugleich zeigt, was ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt – den der Kommentar selbst als wünschenswert anmahnt – ohne massive Industriepolitik nie hervorgebracht hätte. Airbus Industrie wurde 1970 als Konsortium europäischer Regierungen mit dem expliziten Ziel gegründet, dem amerikanischen Duopol Boeing/McDonnell Douglas etwas entgegenzusetzen. Tragende Säule war von Beginn an die sogenannte Launch Aid – rückzahlbare Anschubfinanzierungen der beteiligten Staaten für die Entwicklung neuer Flugzeugmuster, die laut WTO-Feststellungen streckenweise bis zu einem Drittel der Entwicklungskosten trugen und zu Konditionen erfolgten, die am freien Kapitalmarkt nicht erhältlich gewesen wären. Hinzu kamen Forschungsförderung, Infrastrukturmaßnahmen an den Produktionsstandorten – etwa in Hamburg und Bremen – sowie Kapitalerhöhungen und Anteilsübertragungen der beteiligten Regierungen in den 1980er und 1990er Jahren.
Der jahrzehntelange WTO-Streit zwischen der EU und den USA über diese Subventionspraxis, der 2019 in gegenseitigen Strafzöllen mündete, ist selbst der beste Beleg dafür, wie zentral staatliche Beteiligung für den Aufbau von Airbus war – schließlich stritten beide Seiten nicht darüber, ob Subventionen geflossen sind, sondern nur darüber, wessen Subventionen unfairer waren. Airbus ist damit das Gegenbeispiel par excellence zu der Vorstellung, ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt allein, ohne gezielte staatliche Anschubfinanzierung, hätte einen globalen Technologiekonzern dieser Größenordnung hervorbringen können.
Rüstung: staatliche Intervention in Reinform
Der Ausgangstext erwähnt die Verteidigungsindustrie nur beiläufig, um sie sogleich zu relativieren („Keineswegs alle modernen Unternehmen sind in der Verteidigungsindustrie tätig“). Gerade dieser Sektor liefert jedoch das vielleicht schärfste Gegenbeispiel zur gesamten Argumentation. Rüstungsbeschaffung ist keine graduelle, sondern eine paradigmatische Form staatlicher Intervention: Der Staat tritt nicht als Rahmensetzer auf, sondern als einziger Abnehmer, der Nachfrage garantiert, ohne dass ein Wettbewerbsmarkt Preis oder Menge bestimmt. DARPA und die westliche wie asiatische Wehrtechnikforschung entwickeln auf dieser Basis Technologien – Halbleiter, Werkstoffe, KI-Anwendungen –, deren zivile Nutzbarkeit sich erst im Nachgang der vorgelagerten staatlichen Finanzierung erschließt.
Deutschland liefert hierfür ein Beispiel gegen die eigene Position des Kommentars: Das Sondervermögen für die Bundeswehr und der Anstieg der Verteidigungsausgaben in Richtung 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind selbst eine Absage an das im Text vertretene Nichtinterventions-Ideal. Ausgerechnet in einem der aktuell technologisch dynamischsten Sektoren – autonome Systeme, KI-gestützte Aufklärung, neue Werkstoffe – setzt der deutsche Staat auf massive, zielgerichtete Intervention, nicht auf verlässliche Rahmenbedingungen allein. China verfolgt mit der expliziten Verschränkung von militärischer und ziviler Technologieentwicklung (军民融合, Militär-Zivil-Fusion) eine noch weiter formalisierte Variante desselben Prinzips. Ausgerechnet dort, wo die größten technologischen Sprünge der Gegenwart erwartet werden, vollzieht sich Investition damit nicht trotz, sondern durch staatliche Steuerung in Reinform.
Infrastruktur als der unbestrittenste Fall
Neben Technologieförderung und Rüstung gehört ein drittes Feld zu den Bereichen, in denen selbst marktliberale Positionen selten ernsthaft bestreiten, dass der Staat tragend sein muss: große Infrastrukturprojekte. Der Hamburger Hafen ist dafür ein anschauliches Beispiel. Die Hamburg Port Authority, eine Anstalt öffentlichen Rechts der Stadt Hamburg, besitzt den überwiegenden Teil der Hafengrundfläche und verantwortet Planung, Bau und Unterhalt der wasser- und landseitigen Infrastruktur – Kaimauern, Hafenbahn, Straßen- und Brückennetz. Auch die HHLA, die den operativen Umschlag organisiert, ist seit ihrer Gründung 1885 im Kern öffentliches Eigentum geblieben; eine Teilprivatisierung 2007 hat daran nichts Grundsätzliches geändert, die Stadt Hamburg blieb wichtigste Anteilseignerin.
Das ist kein Zufall, sondern liegt in der Natur der Sache: Hafeninfrastruktur erfordert immense Vorabinvestitionen mit jahrzehntelangen Amortisationszeiten, sie hat Eigenschaften eines natürlichen Monopols, und ihr volkswirtschaftlicher Nutzen übersteigt bei Weitem das, was ein einzelner privater Betreiber intern verrechnen könnte. Genau diese Struktureigenschaften – lange Zeithorizonte, hohe Fixkosten, diffuse, gesamtwirtschaftliche Nutznießer – treffen in abgeschwächter Form auch auf viele der zuvor diskutierten Technologiefelder zu. Der Verweis auf Infrastruktur macht damit deutlich, dass die Trennlinie zwischen „Markt kann es“ und „nur der Staat kann es“ nie eine klare Grenze zwischen Branchen war, sondern eine graduelle Frage der Investitionsstruktur – und dass selbst in einer marktliberalen Grundhaltung ein rein angebotspolitisches Nichtinterventions-Ideal seine Grenzen findet, sobald es um langfristige, kapitalintensive Gemeinschaftsgüter geht.
Eine binäre Erzählung verdeckt die eigentliche Frage
Die Rahmung in „modernes“ gegen „altes“ Deutschland – verstärkt durch pauschale Zuschreibungen an nahezu das gesamte politische Spektrum – ersetzt eine differenzierte Betrachtung durch eine griffige Zuspitzung. Sie blendet aus, dass ein Großteil erfolgreicher deutscher Technologieanwendung gerade aus der Verbindung industrieller Basis mit neuen Technologien entsteht, nicht aus deren Gegensatz. Und sie verschweigt, dass die eigene Referenznation für den geforderten Rückzug des Staates diesen Rückzug selbst nie vollzogen hat.
Die These, wonach gezielte staatliche Grundlagenfinanzierung und Beschaffungspolitik historisch regelmäßig Voraussetzung für spätere marktgetriebene Innovationswellen waren, lässt sich anhand der genannten Fälle als vorläufig korroboriert einordnen – eine abschließende, allgemeingültige Aussage über das richtige Verhältnis von Staat und Markt in der Technologieförderung erlaubt dies jedoch nicht. Die Debatte, die es zu führen gilt, ist damit nicht die um das Ob staatlicher Beteiligung, sondern um deren konkrete Ausgestaltung.
Die gescheiterten Fälle Intel Magdeburg und Wolfspeed Saarland deuten dabei bereits in die Richtung, in der diese Debatte konkret werden müsste: Nicht mehr oder weniger Industriepolitik ist die Frage, sondern eine andere. Eine, die in strategischen Dimensionen und langen Zeiträumen denkt statt in Legislaturperioden und Einzelansiedlungen, die auf wenige, klar priorisierte Zukunftsfelder zielt statt auf die Bewahrung bestehender Branchenstrukturen, und die Fördermittel an überprüfbare Fortschrittskriterien statt an bloße Standortzusagen bindet. Eine intelligente, effektive Industriepolitik in diesem Sinne ist etwas grundlegend anderes als die additive Subventionierung überkommener Strukturen, die der Ausgangstext zu Recht kritisiert – und ebenso etwas anderes als deren Ersatz durch ein bloßes Vertrauen auf den freien Markt.
Ralf Keuper
Literaturhinweise
- Chalmers Johnson: MITI and the Japanese Miracle (1982)
- Alice Amsden: Asia’s Next Giant (1989)
- Robert Wade: Governing the Market (1990)
- Mariana Mazzucato: The Entrepreneurial State (2013)
Quellen
- Technologischer Fortschritt: Das Deutschland der Zukunft ist längst da
- Bundesministerium der Finanzen: Zukunftsfonds – https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Internationales_Finanzmarkt/zukunftsfonds.html
- Förderdatenbank des Bundes: High-Tech Gründerfonds – https://www.foerderdatenbank.de/FDB/Content/DE/Foerderprogramm/Bund/BMWi/high-tech-gruenderfonds-bund.html
- Stripe: Schritt für Schritt – Unternehmensgründung mit Stripe Atlas – https://stripe.com/de/resources/more/how-to-incorporate-your-startup
- BMWE: Startschuss für die Chipfabrik ESMC in Dresden – https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2024/12/20241213-startschuss-fuer-die-chipfabrik-esmc-in-dresden.html
- Handelsblatt: Darum verzichtet Tesla in Grünheide auf Staatshilfe für Batteriefabrik – https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/tesla-sorge-um-batteriegeheimnisse-darum-verzichtet-tesla-auf-milliardenschwere-staatshilfe/27837626.html
- Hamburg Port Authority – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg_Port_Authority
- Hamburger Hafen und Logistik (HHLA) – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Hafen_und_Logistik
- LeMO/DHM: Schutzzollpolitik im Kaiserreich – https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/industrie/zoll
- Wilhelm-der-Zweite.de: Flottenbau und Staatsquote im Kaiserreich – https://www.wilhelm-der-zweite.de/kaiser/grossersprungnachvorn.php
- Wirtschaftsdienst: Transatlantischer Handelsstreit um Airbus-Launch-Aid – https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2010/heft/8/beitrag/kurz-kommentiert-transatlantischer-handelsstreit-modelle-der-studienfoerderung-frauenerwerbstaetigkeit-elektromobilitaet.html
- NZZ: Handelskonflikt um Staatshilfen für Airbus und Boeing – https://www.nzz.ch/wirtschaft/us-vergeltungszoelle-wegen-der-eu-hilfen-fuer-airbus-koennten-den-handelskonflikt-anfeuern-ld.1512368
- Wikipedia: Wirtschaftswunder – https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswunder
- Wikipedia: Korea-Boom – https://de.wikipedia.org/wiki/Korea-Boom
