Wenn der Firmenkundenvorstand der DZ Bank feststellt, „Wachstum und Expansion finden immer häufiger im Ausland statt“, klingt das nach unternehmerischer Dynamik. Ein Blick auf die zugrundeliegenden Daten – und auf zwei sehr unterschiedliche Fallbeispiele, einen Sauerländer Grillhersteller und den größten Technologiekonzern der Welt – zeigt: Es geht selten um Wachstum. Es geht um Kosten. Und die eigentliche Frage, die dabei unbeantwortet bleibt, ist nicht betriebswirtschaftlicher, sondern kompetenztheoretischer Natur.


Eine Schlagzeile, die weniger hergibt als sie verspricht

Die jüngste VR-Mittelstandsumfrage von DZ Bank und BVR hat für Aufsehen gesorgt: Nur noch 52 Prozent der befragten Mittelständler planen, in den kommenden sechs Monaten im eigenen Betrieb zu investieren – der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 1995, niedriger als in Finanzkrise, Pandemie oder Energiekrise. Gleichzeitig sind 54 Prozent der Unternehmen im Ausland aktiv, zehn Prozentpunkte mehr als im Frühjahr 2024. Die Einordnung des DZ-Bank-Firmenkundenvorstands Stefan Beismann: Investiert werde hierzulande vor allem in die Bestandssicherung, während Wachstum und Expansion zunehmend im Ausland stattfänden.

Diese Erzählung hält einer genaueren Prüfung nur bedingt stand. Das aktuelle Auslandsengagement liegt nahezu exakt auf dem langjährigen Mittelwert von 52,1 Prozent – es handelt sich um eine Rückkehr zum Normalniveau nach dem pandemiebedingten Einbruch, nicht um einen historischen Ausreißer. Und die rückläufige Investitionsbereitschaft im Inland ist ebenfalls kein neues Phänomen: Sie fällt, nach eigener Einordnung der DZ Bank, „schon seit einigen Jahren recht schwach aus“ – von 68 Prozent (Herbst 2023) über 62,8 Prozent (Herbst 2025, das schlechteste Ergebnis seit der Finanzkrise 2009) auf nun 52 Prozent. Was neu ist, ist nicht die Existenz der beiden Trends, sondern ihre Zuspitzung – und die rhetorische Umdeutung eines seit Jahren bekannten Befunds zur aktuellen Zäsur.

Auch die Kapazitätsauslastung stützt eine nüchterne statt eine dramatisierende Lesart: Sie lag im Januar 2026 in der Industrie bei 77,5 Prozent, gut fünf Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt. Wer seine vorhandenen Anlagen nicht auslastet, hat wenig Grund für Erweiterungsinvestitionen – die sinkende Investitionsquote ist damit eher die erwartbare Reaktion eines Akzelerator-Mechanismus als ein eigenständiges Warnsignal.

Was die DIHK-Zahlen wirklich zeigen: Kosten, nicht Nachfrage

Interessanter als die DZ-Bank-Umfrage ist die DIHK-Sonderauswertung zu Auslandsinvestitionen der Industrie, weil sie nach dem Motiv fragt. Und hier zeigt sich ein struktureller Bruch: Zum ersten Mal seit 2005 ist bei großen Unternehmen die Markterschließung nicht mehr der Hauptgrund für Auslandsinvestitionen – nur noch 37 Prozent nennen sie, nach 47 Prozent im Vorjahr. Stattdessen dominiert die Kosteneinsparung: 41 Prozent der Industriebetriebe nennen sie 2026 als Hauptmotiv, ein Sprung um sechs Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit 2003. Selbst jene Form der Auslandsinvestition, die historisch dem Inlandsstandort über Rückkopplungseffekte genutzt hat – Vertrieb und Kundendienst im Ausland aufzubauen –, wird immer seltener genannt: nur noch 31 Prozent.

Das Bild ist damit eindeutiger, als die DZ-Bank-Formulierung suggeriert: Es geht überwiegend nicht darum, dass deutsche Produkte im Ausland gefragter wären. Es geht darum, dass dieselbe Produktion dort günstiger möglich ist – niedrigere Energie- und Arbeitskosten, weniger Bürokratie, teils regulatorische Vorteile. „Wachstum und Expansion“ ist eine beschönigende Formulierung für ein Ausweichen vor strukturellen Standortnachteilen.

Der Sauerländer Fall: Enders Colsman

Wie das im Detail aussieht, zeigt ein Beispiel aus der unmittelbaren Nachbarschaft von EconLittera: die Enders Colsman AG aus Werdohl, ein seit 1883 bestehendes, familiengeführtes Unternehmen der Metallverarbeitung, bekannt vor allem für Gasgrills, Terrassenheizer und Campingartikel der Marke Enders. Das Unternehmen beschreibt seinen China-Schritt in bemerkenswerter Offenheit selbst: „Zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit haben wir 2006 eine eigene zusätzliche Fertigungsstätte in China aufgebaut.“ Heute unterhält die Gruppe eigene Standorte in Foshan und Shanghai und beliefert von dort aus Kunden in Europa und Nordamerika.

Die Struktur ist ein Hybridmodell, kein vollständiger Rückzug: Entwicklung, Blechumformung für anspruchsvollere Industriekunden und der Stammsitz bleiben in Werdohl, während die margenkritische Serienfertigung der Konsumgüter nach China verlagert wurde. Auf den ersten Blick eine kluge, austarierte Standortstrategie. Auf den zweiten Blick – und hier beginnt die eigentlich interessante Frage – ist es genau die Konstellation, vor der wirtschaftshistorische Analysen zum Verhältnis von Fertigung und Wohlstand warnen: Learning-by-Doing lässt sich nicht überspringen, und dieses Learning-by-Doing findet seit fast zwanzig Jahren überwiegend dort statt, wo tatsächlich in großer Stückzahl gefertigt wird – nicht am Ort der Konstruktionszeichnung.

Apple: Der Fall, der zeigt, dass selbst unbegrenztes Kapital nicht reicht

Wie weit dieser Mechanismus tragen kann, zeigt ein Beispiel, das die Kostenlogik ins Extrem führt: Apple und seine Abhängigkeit von chinesischen Auftragsfertigern. Tim Cook hat den Kern der Sache selbst formuliert, unumwunden und ohne PR-Filter: „In the US, you could have a meeting of tooling engineers, and I’m not sure we could fill the room. In China, you could fill multiple football fields.“ Es ist, fast wörtlich, die These, dass Kompetenz nur in Praktiken existiert, nicht in Lehrbüchern oder Patenten – und dass diese Praktiker-Dichte in den USA schlicht nicht mehr vorhanden ist.

Das ist keine zufällige Entwicklung, sondern die Konsequenz einer über zwei Jahrzehnte betriebenen Verlagerung. Apple hat nach Recherchen des Journalisten Patrick McGee („Apple in China“) nicht nur eine Lieferkette genutzt, sondern faktisch am Aufbau der chinesischen Elektronikindustrie mitgewirkt – mit tausenden entsandten Ingenieuren, Millionen ausgebildeten Arbeitern und Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe. Peking fördert die Zusammenarbeit mit Apple gezielt, weil man versteht, dass damit ein massiver Fertigungs-Know-how-Transfer verbunden ist.

Am aufschlussreichsten sind die Rückverlagerungsversuche der letzten Jahre. Beim Versuch, eine Mac-Pro-Fertigung in Texas aufzubauen, kämpfte Apple mit Beschaffungsproblemen und unerfahrenen Arbeitskräften – ein Beleg dafür, dass sich ein einmal verlorenes Ökosystem nicht per Kapitalzufuhr zurückholen lässt. Selbst die Diversifizierung nach Indien zeigt dieselbe Abhängigkeit in umgekehrter Richtung: Foxconn musste zunächst chinesische Ingenieure nach Indien entsenden, um den Wissenstransfer überhaupt zu ermöglichen – bevor ein Großteil dieser Fachkräfte Berichten zufolge wieder abgezogen wurde, was die Ausbildung indischer Arbeitskräfte und den technischen Wissenstransfer spürbar verlangsamen dürfte.

Was daraus für die Mittelstandsdebatte folgt

Zwischen der DZ-Bank-Diagnose („Wachstum findet im Ausland statt“), den DIHK-Zahlen („es ist überwiegend Kostenmotiv“) und den beiden Fallbeispielen liegt eine Verschiebung der Zeitebene, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt. Die Institute argumentieren aus der Perspektive der einzelnen Investitionsentscheidung – und auf dieser Ebene ist jede einzelne Verlagerung für sich genommen betriebswirtschaftlich vernünftig. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die kumulative Folge über Jahrzehnte: Deutschland behält bei Unternehmen wie Enders die Markenrechte, die Vertriebsstruktur, den Cashflow – während die materielle Fertigungskompetenz sukzessive abwandert. Apple zeigt, wohin das führen kann, wenn man diesen Weg lange genug und konsequent genug geht: Selbst ein Konzern mit praktisch unbegrenztem Kapital kann die einmal verlorene Fertigungskompetenz nicht zurückkaufen. Maschinen lassen sich importieren, die Fähigkeit, sie zu beherrschen und weiterzuentwickeln, nicht.

Als vorläufig korroborierte, nicht abschließend verifizierte These lässt sich daraus ableiten: Die eigentliche Kennzahl, die in der Mittelstandsdebatte fehlt, ist nicht die Investitionsquote und auch nicht der Anteil der im Ausland aktiven Unternehmen – sondern der Anteil der Wertschöpfungskette, an dem in Deutschland noch tatsächlich gelernt wird, nicht nur entworfen oder verkauft. Diese Größe wird in keiner der zitierten Umfragen erhoben. Ob sie sich am Beispiel deutscher Mittelständler wie Enders Colsman nach zwei Jahrzehnten China-Fertigung empirisch belegen ließe, wäre eine eigene Untersuchung wert.

Ralf Keuper


Quellen

VR-Mittelstandsumfrage / DZ Bank / BVR

Kapazitätsauslastung

DIHK-Auslandsinvestitionen

Enders Colsman AG (Werdohl)

Apple / Foxconn / China

Eigener Aufsatz