Eine aktuelle BBSR-Studie erklärt die „neue Landlust“ zum Mythos. Der Befund ist differenzierter als die Schlagzeile — und trifft trotzdem das Wesentliche nicht. Denn die Frage, ob Menschen aufs Land ziehen wollen oder nicht, ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Welche gesellschaftliche Funktion erfüllt das Land — und was geht verloren, wenn es zur bloßen Wohnreserve ortsunabhängig arbeitender Wissensarbeiter wird? Werner Bätzing hat dafür einen Rahmen entwickelt, der die Wanderungsforschung grundlegend übersteigt.


I. Ausgangslage: Eine These, die größer ist als die Studie

Die Debatte über die sogenannte „neue Landlust“ folgt einem bekannten Muster: Umfragedaten erzeugen Euphorie, Wanderungsstatistiken befeuern Narrative, Forschungsinstitute mahnen zur Nüchternheit — und am Ende steht eine Schlagzeile, die klarer klingt als der Befund, auf den sie sich beruft. So auch diesmal: „Die Lust aufs Land ist nur ein Mythos“, titelt ein aktueller Beitrag, der sich auf eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) stützt. Das Wort „Mythos“ findet sich in der Studie selbst nicht. Es ist das Produkt journalistischer Verdichtung — und diese Verdichtung kostet analytische Substanz.

Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Nicht der Befund der Studie ist falsch, sondern der begriffliche Rahmen, in dem die gesamte Debatte geführt wird. Wer die Landlust als Wohnortwahlentscheidung auf einem quasi-marktförmig gedachten Raumkontinuum untersucht, wird immer Antworten finden — aber selten die richtigen Fragen stellen. Werner Bätzing, Kulturgeograph und Alpenforscher, hat in seinem Buch Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform gezeigt, warum das so ist. Sein Rahmen ist der bessere — und er macht die BBSR-Studie nicht irrelevant, aber anders lesbar.


II. Was die BBSR-Studie leistet — und was nicht

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat, gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Empirica, Binnenwanderungsdaten bis 2024 ausgewertet und rund 1.000 Menschen befragt, die seit 2019 in peripher gelegene ländliche Gemeinden gezogen waren. Die institutionelle Herkunft — eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen — ist für die Quellenbewertung relevant, aber kein Einwand gegen die Methodik. Empirica gilt als methodisch kompetent. Die Datenbasis ist solide.

Das stärkste analytische Argument der Studie lautet: Die verbesserten Binnenwanderungssalden ländlicher Räume seit etwa 2013 erklären sich wesentlich durch den demografischen Rückgang der abwanderungsaffinen Alterskohorte. Da es weniger junge Erwachsene im typischen Umzugsalter gibt, verlassen weniger Menschen ländliche Regionen — nicht aber ziehen deutlich mehr aktiv dorthin. Damit wird eine relevante analytische Unterscheidung eingeführt, die in der öffentlichen Landlust-Debatte tatsächlich fehlt: die Unterscheidung zwischen verringerten Abwanderungsströmen und echter Zuzugsdynamik.

Dieses Argument hat jedoch drei Grenzen, die der Artikel nicht benennt.

Erstens der interne Befundwiderspruch. Die Studie dokumentiert konkrete Wanderungsbewegungen mit messbaren Konsequenzen: 23 Prozent der Befragten kamen direkt aus Großstädten. Die durchschnittliche Wohnfläche stieg in dieser Gruppe von 85 auf 123 Quadratmeter; die Eigentumsquote verdreifachte sich von 20 auf 52 Prozent. Wer konkret umzieht, eine Wohnfläche um fast die Hälfte vergrößert und Wohneigentum erwirbt, realisiert eine Präferenz — keine Illusion. Der Begriff „Mythos“ ist damit durch die eigene Empirie der Studie widerlegt.

Zweitens der Sampling-Bias. Die Befragung richtete sich ausschließlich an Menschen, die in peripher gelegene Gemeinden gezogen waren. Suburbane Lagen, gut angebundene Kleinstädte, halbländliche Räume — empirisch die stärksten Profiteure der Landlust-Bewegung — bleiben systematisch ausgeklammert. Zudem sind die 1.000 Befragten bereits Umgezogene: Sie bilden ab, wer unter welchen Bedingungen umsetzt, nicht ob die Präferenz für das Land in der Gesamtbevölkerung gewachsen ist.

Drittens der nicht aufgelöste Widerspruch zur Konkurrenzforschung. Die Studie „Landlust neu vermessen“ (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung / Wüstenrot Stiftung, 2022) hat Zu- und Fortzüge getrennt ausgewertet und tatsächliche Zuzugsgewinne dokumentiert — nicht allein Abwanderungsrückgänge. Kleinstädte und Landgemeinden, die zuvor negative Wanderungssalden aufwiesen, gewannen zehn Jahre später 4 bis 5 Personen pro tausend Einwohner hinzu. Dieser Widerspruch zwischen beiden Forschungsbefunden wird im Artikel nicht aufgelöst. Solange das nicht geschieht, bleibt die BBSR-Deutung empirisch unvollständig.

Was die Studie richtig beschreibt, ist die soziale Selektivität des Phänomens: Es sind vor allem Familien, Homeoffice-Arbeitende und Eigentumssuchende, die aufs Land ziehen — getrieben durch Wohnkostenentlastung und veränderte Arbeitsmodelle. Die eigentliche Handlungsempfehlung der Forscher — passgenaue Wohnangebote, Leerstandsnutzung statt Neubauten, Investitionen in soziale Infrastruktur, digitale Vernetzung — ist nüchtern, praxisrelevant und hat mit dem Etikett „Mythos“ nichts zu tun.


III. Die Push/Pull-Konfusion und ihre normative Ladung

Ein zentrales konzeptionelles Problem der Studie ist die implizite Wertung, die an die Push/Pull-Unterscheidung geheftet wird. Als Erklärungsfaktoren für die Landzuzüge nennt sie: angespannte Wohnungsmärkte in den Städten, veränderte Arbeitsmodelle durch die Corona-Pandemie, demografische Verschiebungen. Das sind strukturelle Push-Faktoren. Aus der Tatsache, dass Wanderungsentscheidungen durch städtische Missstände mitangetrieben werden, wird im Artikel stillschweigend gefolgert, dass es sich um keine „echte“ Landlust handle — und damit um einen Mythos.

Das ist eine normative Setzung, keine empirische. Push-getriebene Wanderung ist reale Wanderung. Ob jemand aufs Land zieht, weil er die Natur liebt, oder weil er in München keine Wohnung findet, die er sich leisten kann — der Umzug findet statt. Die Präferenz mag unterschiedlich tief verankert sein, die Handlungskonsequenz ist identisch. Dass die Motivstruktur komplex ist, belegt die Befragung ohnehin: 37 Prozent nennen Naturnähe als zentrales Kriterium, viele verbinden den Umzug mit dem Wunsch nach Ruhe, Sicherheit und gesundem Wohnumfeld. Das sind Attraktionsfaktoren, keine Fluchtreflexe.

Die Push/Pull-Konfusion ist auch deshalb analytisch problematisch, weil sie historisch wenig haltbar ist. Städtewachstum war in der Geschichte fast durchgängig push-getrieben — durch Landflucht infolge von Agrarkrise, Armut, Chancenlosigkeit. Niemand bezeichnet die Urbanisierung des 19. Jahrhunderts deshalb als „Mythos der Stadtlust“. Warum sollte das umgekehrte Argument für den ländlichen Raum gelten?


IV. Werner Bätzings Korrektiv: Das Land als Systemkomponente

Der eigentliche Mangel der BBSR-Studie liegt nicht in ihrer Methodik, sondern in ihrem begrifflichen Rahmen. Sie operiert in einer migrationswissenschaftlichen Logik, die Stadt und Land als Wohnortoptionen behandelt, zwischen denen Haushalte nach Kosten-Nutzen-Kalkül wählen. Diese Logik ist für bestimmte Fragen geeignet. Für die Frage, was das Land gesellschaftlich bedeutet und warum seine Erosion ein strukturelles Problem ist, taugt sie nicht.

Werner Bätzing hat in seiner kulturgeographischen Analyse gezeigt, dass Stadt und Land keine konkurrierenden Wohnorttypen sind, sondern zwei strukturell komplementäre Raumformen, die sich in einer tiefen gesellschaftlichen Arbeitsteilung gegenüberstehen. Die Stadt ist auf Spezialisierung und Zentralität ausgerichtet; sie ist der Ort, an dem — in Richard Floridas Sprache — die „Kreative Klasse“ die Dichte und Reibung sucht, die Ideenproduktion befeuert. Das Land zeichnet sich durch Multifunktionalität und Dezentralität aus: Es reproduziert Kulturlandschaften, sichert natürliche Grundlagen, ermöglicht wirtschaftliche Formen, in denen die Beschäftigten sich mit Arbeitsprozess und Produkt identifizieren können — eine Form der Arbeit, die in der hochspezialisierten urbanen Ökonomie weitgehend verschwunden ist.

Diese Komplementarität ist keine Idylle. Sie ist eine strukturelle Tatsache, deren Erosion Konsequenzen hat, die weit über Wohnortpräferenzen hinausreichen. Bätzing betrachtet die Tendenz zur Verstädterung des Landlebens, zur Bildung von Zwischenstädten — Hybridgebilden, die weder Stadt noch Dorf sind und häufig nur als Wohnreservoir nachgefragt werden, während das gesellschaftliche Leben in nahegelegenen Metropolen stattfindet — mit begründeter Sorge. Was die BBSR-Studie als Zuzugsmuster beschreibt, lässt sich mit Bätzing auch als neue Form der Instrumentalisierung des Landes lesen — seine Verwandlung in eine Schlafstadt mit Breitbandanschluss.

Stefan Höhne formuliert das korrespondierende Argument aus städtischer Perspektive: Anstatt Dorf- und Stadtleben gegeneinander auszuspielen, kommt es darauf an, deren fortlaufende Interdependenzen zu betonen und ihre jeweiligen Eigenheiten als Ausdruck arbeitsteiliger Prozesse innerhalb einer gesamtgesellschaftlichen Dynamik in den Blick zu nehmen. Die Landlust-Debatte tut genau das Gegenteil: Sie produziert eine Konkurrenzerzählung, wo eine Systemanalyse nötig wäre.


V. Das institutionelle Desiderat: Regionalbanken und dezentrale Wirtschaftsformen

Was in der Landlust-Debatte fast vollständig fehlt, ist die institutionelle Dimension. Bätzing verweist auf die historische Funktion von Raiffeisenbanken und regionalen Sparkassen als Finanzierungsinfrastruktur eines regionsspezifischen Wirtschaftsstils. Diese Funktion erodiert — und die Wanderungsforschung nimmt davon keine Notiz.

Filialschließungen, Fusionswellen, die Zentralisierung von Kreditentscheidungen in fernen Hauptstellen und die zunehmende Automatisierung der Kreditvergabe entfernen die Finanzierungsentscheidung vom regionalen Kontext. Entscheidungen werden raumblind — und damit in der Tendenz strukturell städtisch: geeicht auf Sicherheiten, Bilanzkennzahlen und Portfoliologiken, die für das multifunktionale, dezentrale Wirtschaften ländlicher Räume ungeeignet sind. Kreditvergabe an regionale Betriebe erfordert lokales Urteilsvermögen, das sich nicht skalieren lässt, ohne verloren zu gehen.

Das Zusammenspiel von Landwirtschaft, Handwerk, lokaler Kultur und Naturschutz, das Bätzing als zentralen Synergiepfad für dezentrale Arbeitsplätze beschreibt, setzt voraus, dass Finanzierungsinfrastrukturen existieren, die dieses Zusammenspiel verstehen und unterstützen. Die Frage, ob Korrelationen bestehen zwischen dem Rückzug der Regionalbanken aus der Fläche und der strukturellen Attraktivitätsentwicklung ländlicher Gemeinden, wäre ein lohnenswertes Forschungsprogramm — das bislang niemand systematisch verfolgt.


VI. Das digitale Paradox

Bätzing notiert eine Beobachtung, die für die aktuelle Debatte besonders produktiv ist: Der ländliche Raum wird paradoxerweise zum eigentlichen Schauplatz der Digitalisierung — weil fast alle großen Serverfarmen von Google, Amazon und Microsoft auf dem flachen Land angesiedelt sind. Christoph Engemann hat dafür in seinem Aufsatz „Die Farm der Daten“ den Begriff des „Auszugs des Digitalen ins Grüne“ geprägt. Was Nutzer von Tablets, Laptops und Wearables in Händen halten, verweist sie auf das Land — auf Farmen und Ställe, in denen die Daten verarbeitet werden, die die urbane Digitalökonomie am Laufen halten. Die Abhängigkeit der Stadt vom Land ist materiell und unsichtbar zugleich.

Die BBSR-Studie kommt zu einem analogen Befund aus der entgegengesetzten Richtung: Die leistungsfähige digitale Infrastruktur ist ein zentrales Zuzugskriterium für Homeoffice-Arbeitende, die als neue Zielgruppe für periphere Regionen identifiziert werden. Damit schließt sich ein Kreis: Das Land, das die materielle Voraussetzung der digitalen Ökonomie bereitstellt, zieht nun jene an, die von dieser Ökonomie leben.

Die Frage, die sich daraus ergibt, stellt die Studie nicht: Ist das eine genuine Landlust — oder die Verlängerung urbaner Lebensformen und urbaner Ökonomielogik in den ländlichen Raum, mit entsprechenden Folgen für Bodenpreise, lokale Kohäsion und die konstitutiven Eigenheiten des Landlebens, die Bätzing beschreibt? Homeoffice-Arbeitende, die im Dorf residieren, aber für Berliner oder Münchener Unternehmen arbeiten, reproduzieren das Landleben nicht — sie nutzen es als Kulisse.


VII. Fazit: Die falsche Frage, die richtige Beobachtung

Die BBSR-Studie ist kein schlechter Text. Sie liefert einen wichtigen Korrekturbeitrag zur unkritischen Landlust-Euphorie und führt eine analytisch nützliche Unterscheidung ein — Push statt Pull, Abwanderungsrückgang statt echter Zuzugsdynamik. Ihr methodisches Hauptverdienst liegt in der Demontage pauschaler Erzählungen.

Was sie nicht leistet — und nicht leisten kann, weil ihr Rahmen es nicht zulässt —, ist die Einbettung der Wanderungsbewegungen in die strukturelle Frage, welche gesellschaftliche Funktion das Land im 21. Jahrhundert erfüllt und ob die beobachteten Bewegungen diese Funktion stärken oder untergraben. Diese Frage stellt Werner Bätzing. Und sie ist die eigentlich relevante.

Die Landlust ist kein Mythos. Sie ist selektiver, push-getriebener und funktional ambivalenter als ihre Protagonisten behaupten. Aber die Art, wie wir über sie debattieren — als Wohnortwahlproblem zwischen konkurrierenden Raumoptionen —, verfehlt das Wesentliche: dass Stadt und Land keine Alternativen sind, sondern Seiten desselben gesellschaftlichen Systems. Wer das eine auf Kosten des anderen schwächt, schwächt beide.

Ralf Keuper 


Primärquellen / Studien

Bücher und Aufsätze

  • Bätzing, Werner: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. C.H. Beck, München 2020. Rezension auf Westfalenlob/Bankstil: https://westfalenlob.bankstil.de/das-landleben-geschichte-und-zukunft-einer-gefaehrdeten-lebensform-von-werner-baetzing
  • Engemann, Christoph: „Die Farm der Daten. Über den Auszug des Digitalen ins Grüne.“ In: Zeitschrift für Ideengeschichte IX, Nr. 2, 2015, S. 47–53.
  • Florida, Richard: The Rise of the Creative Class. Basic Books, New York 2002.
  • Höhne, Stefan: „Idiotie des Stadtlebens.“ In: Zeitschrift für Ideengeschichte IX, Nr. 2, 2015.

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