Wie China in sechs Jahrzehnten eine Rohstoffstrategie zur geopolitischen Waffe formte – und warum der Westen den Anschluss verlor
Im Jahr 1964 stießen chinesische Geologen in der Nähe von Baotou, tief in der Inneren Mongolei, auf einen Fund, dessen strategische Tragweite damals niemand ermessen konnte. Was sie entdeckten, war ein Nebenprodukt des Eisenerzabbaus: das weltweit größte Vorkommen Seltener Erden. In einer Zeit, als der Westen diese Metalle bestenfalls als mineralogische Kuriositäten betrachtete, erkannte Deng Xiaoping ihren Wert. »Wir müssen Stahl entwickeln, aber auch Seltene Erden«, notierte er – eine Formulierung, die industrielle Modernisierung mit langfristiger Rohstoffstrategie verband und die Weichen für Jahrzehnte stellte.
Was folgte, war keine zufällige Entwicklung, sondern ein Lehrstück strategischer Geduld. Während der Kulturrevolution, als das Land in politischem Chaos versank, arbeitete der Chemiker Xu Guangxian mit seiner Frau Gao Xiaoxia im Auftrag der Volksbefreiungsarmee an einem kostengünstigen Verfahren zur Trennung der siebzehn Elemente, die unter dem Namen Seltene Erden firmieren. Das Ergebnis ihrer Forschung bildet bis heute die technologische Grundlage der Produktion. Hier zeigt sich ein Muster, das sich durch die gesamte chinesische Industriepolitik zieht: Die Verbindung von Grundlagenforschung, militärischer Technologieentwicklung und langfristiger ökonomischer Planung.
Vom Labor zur Weltmarktdominanz
Die Achtzigerjahre markierten den Übergang von der Forschung zur industriellen Skalierung. Das Fünfjahresprogramm 1981–1985 ordnete explizit eine Ausweitung der Produktion an. Hunderte Betriebe entstanden, die meisten staatlich, viele ohne jede Umweltkontrolle. Der ökologische Preis war hoch, doch die strategische Logik blieb konsistent: Kapazitäten aufbauen, Kosten senken, Marktanteile gewinnen.
Der entscheidende Durchbruch kam jedoch nicht aus chinesischen Laboren, sondern aus dem Westen selbst. 1983 entwickelten General Motors und Sumitomo Hochleistungsmagnete auf Basis Seltener Erden – eine Schlüsseltechnologie für Elektromotoren, Windturbinen und Rüstungselektronik. Zwölf Jahre später verkaufte GM seine Tochterfirma Magnequench an ein Konsortium, das von Deng Xiaopings Schwiegersöhnen und chinesischen Unternehmen geführt wurde. Zwischen 2001 und 2004 wanderten Maschinen, Verfahren und Know-how nach China. Was GM als Desinvestition bilanzierte, war für Peking ein strategischer Coup: der Erwerb westlicher Spitzentechnologie durch Unternehmensakquise.
Dieser Vorgang illustriert ein Grundmuster, das sich in der Geschichte der globalisierten Wirtschaft immer wieder zeigt: Der Westen entwickelt, China akquiriert und skaliert. Während amerikanische Manager kurzfristige Renditeoptimierung betrieben, dachte Peking in industriepolitischen Dekaden. Die Magnequench-Transaktion war kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Strategie des Technologietransfers durch Übernahmen, Joint Ventures und – wo nötig – Industriespionage.
Konsolidierung und Kontrolle
Die frühen 2000er Jahre brachten eine zweite Phase der Strategieentwicklung. Unter Premierminister Wen Jiabao schloss die Regierung illegale Minen, führte Exportquoten ein und brachte die fragmentierte Branche unter staatliche Kontrolle. Aus dem Wildwuchs der Anfangsjahre entstand ein vertikal integrierter Industriezweig, dominiert von Staatskonzernen wie China Northern Rare Earth. Die offizielle Begründung – Umweltschutz und Bekämpfung von Schmuggel – war nicht falsch, aber sie verdeckte das eigentliche Ziel: die Transformation einer Rohstoffindustrie in ein Instrument nationaler Macht.
Die geopolitische Dimension dieser Strategie wurde 2010 offenbar. Als Japan und China in einen Territorialkonflikt um die Senkaku-Inseln gerieten, stoppte Peking stillschweigend die Exporte Seltener Erden an Japan. Die Wirkung war durchschlagend: Japan, dessen Elektronikindustrie von diesen Importen abhängig war, machte politische Zugeständnisse. Erstmals wurde einer breiten Öffentlichkeit bewusst, dass Rohstoffe nicht nur Handelsware sind, sondern geopolitische Waffen sein können – vergleichbar dem Öl-Embargo der OPEC in den Siebzigerjahren.
Die strategische Ressource
Unter Xi Jinping wurde diese Erkenntnis zur offiziellen Doktrin. Seit 2019 gelten Seltene Erden als »strategische Ressource«. Exportrestriktionen und Kontingentierungen dienen seither als Druckmittel gegenüber den USA und westlichen Industriestaaten. Im Jahr 2025 stoppte China die Ausfuhr bestimmter Elemente – darunter Dysprosium – an westliche Abnehmer. Dysprosium ist unverzichtbar für Hochleistungsmagnete in Elektromotoren und für Kondensatoren in KI-Chips. Der Exportbann traf gezielt die Lieferketten der Halbleiterindustrie.
Die Zahlen sprechen für sich: Rund neunzig Prozent der weltweiten Lieferkette – vom Rohstoff bis zum fertigen Magneten – liegen in chinesischer Hand. Diese Dominanz erstreckt sich über Branchen von Elektrofahrzeugen bis zur Rüstungselektronik. Das Raffineriezentrum in Wuxi etwa veredelt Dysprosium mit einer Reinheit, die weltweit einzigartig ist. Diese Konzentration ist kein Marktergebnis, sondern das Resultat strategischer Planung.
Wissen als Waffe
Besonders aufschlussreich ist Chinas Bildungsoffensive. Neununddreißig Universitäten bieten inzwischen Studiengänge für Seltene-Erden-Technologien an. Im Westen existieren keine vergleichbaren Programme. Diese Asymmetrie ist kein Zufall: Während westliche Universitäten ihre Curricula an Arbeitsmarkttrends und Studierendenpräferenzen ausrichten, steuert Peking den Aufbau von Humankapital nach strategischen Erfordernissen.
Parallel dazu schützt China sein Know-how mit einer Konsequenz, die an militärische Geheimhaltung erinnert. Exportverbote für Verarbeitungsanlagen, Ausreiseverbote für Schlüsselfachkräfte, Klassifizierung kritischer Betriebe als »nationale Sicherheitseinheiten« – das Arsenal der Abschottung ist umfassend. Was der Westen als Protektionismus kritisiert, ist aus chinesischer Perspektive die logische Konsequenz einer Strategie, die technologische Souveränität über Handelsliberalismus stellt.
Das Erbe von sechs Jahrzehnten
Chinas Vormachtstellung bei Seltenen Erden ist kein Zufall und kein Ergebnis natürlicher Ressourcenvorteile. Sie ist das Produkt von kontinuierlicher, staatsgesteuerter Strategie über sechs Jahrzehnte hinweg. Von Xu Guangxians Laborversuchen während der Kulturrevolution bis zu Xi Jinpings Exportverboten zieht sich eine durchgehende Linie: die bewusste Nutzung von Rohstoffen als Hebel für technologische und geopolitische Macht.
Die Elemente dieses Erfolgs sind identifizierbar: wissenschaftliche Grundlagenforschung unter staatlicher Lenkung, militärisch-zivile Technologieintegration, industriewirtschaftliche Skalierung, systematischer Technologietransfer aus dem Westen, Konsolidierung durch Regulation und schließlich die Instrumentalisierung als geopolitische Waffe. Jede Phase baute auf der vorherigen auf; keine hätte ohne die anderen funktioniert.
Für den Westen stellt sich nun die Frage, ob eine solche Strategie überhaupt replizierbar ist – und wenn ja, zu welchem Preis.
Primärquellen und Hintergrundberichte
Chinas Seltene-Erden-Strategie – Überblick
New York Times / DNYuz – Keith Bradsher: Inside China’s Six-Decade Campaign to Dominate Rare Earths (Dezember 2025)
https://dnyuz.com/2025/12/31/inside-chinas-six-decade-campaign-to-dominate-rare-earths/
Umfassende Darstellung der chinesischen Strategie von den 1960er Jahren bis heute.
Wikipedia – Rare earth industry in China
https://en.wikipedia.org/wiki/Rare_earth_industry_in_China
Grundlegende Informationen zur Entwicklung der Branche.
Foundation for Defense of Democracies – Elemental Strategy: Countering the CCP’s Efforts to Dominate the Rare Earth Industry (Februar 2022)
https://www.fdd.org/analysis/2022/02/10/elemental-strategy-countering-the-chinese-communist-partys-efforts-to-dominate-the-rare-earth-industry/
Xu Guangxian und die Entwicklung der Trennverfahren
Wikipedia – Xu Guangxian
https://en.wikipedia.org/wiki/Xu_Guangxian
Biografie des »Vaters der chinesischen Seltene-Erden-Chemie«.
Peking University – [70 years on] Xu Guangxian: Father of Chinese rare-earth metal
https://english.pku.edu.cn/news_events/news/people/9479.html
Offizielle Darstellung seiner Forschungsleistungen.
Shanghai Jiao Tong University – Recall Father of China’s Rare Earth, Alumnus of SJTU Academician Xu Guangxian
http://en.sjtu.edu.cn/news/recall-father-of-chinas-rare-earth-alumnus-of-sjtu-academician-xu-guangxian
China Banking News – How China seized global domination of rare earth metals (Oktober 2025)
https://www.chinabankingnews.com/p/how-china-seized-global-domination
Der Magnequench-Fall (1995–2004)
The Heritage Foundation – Magnequench: CFIUS and China’s Thirst for U.S. Defense Technology
https://www.heritage.org/asia/report/magnequench-cfius-and-chinas-thirst-us-defense-technology
Detaillierte Analyse der Übernahme und ihrer Folgen.
CounterPunch – Jeffrey St. Clair: The Saga of Magnequench (April 2006)
https://www.counterpunch.org/2006/04/07/the-saga-of-magnequench/
Zeitgenössische Berichterstattung über die Schließung der Indiana-Werke.
Commonplace – Daniel Kishi: America Gave Away Rare Earths (Oktober 2025)
https://www.commonplace.org/p/fatal-attraction
Historische Analyse des Technologietransfers.
The Hustle – What the hell are rare earth elements? (Mai 2025)
https://thehustle.co/originals/what-the-hell-are-rare-earth-elements
Ahead of the Herd – Richard Mills: China stealing rare earths monopoly from US is all about the missiles
https://aheadoftheherd.com/china-stealing-rare-earths-monopoly-from-us-is-all-about-the-missiles-richard-mills/
Deng Xiaoping und das Öl-Zitat
Domino Theory – How a Deng Xiaoping Quote Became China Watchers‘ Favorite Anecdote (November 2025)
https://dominotheory.com/how-a-deng-xiaoping-quote-became-china-watchers-favorite-anecdote/
Kritische Analyse der Ursprünge und Bedeutung des Zitats.
Nasdaq – Dian L. Chu: Seventeen Metals: „The Middle East has oil, China has rare earth“ (November 2010)
https://www.nasdaq.com/articles/seventeen-metals-middle-east-has-oil-china-has-rare-earth-2010-11-11
ChinaFile – What Exactly Is the Story with China’s Rare Earths? (Mai 2019)
https://www.chinafile.com/conversation/what-exactly-story-chinas-rare-earths
Japan-Embargo 2010 (Senkaku-Krise)
World Economic Forum – How Japan solved its rare earth minerals dependency issue (Oktober 2023)
https://www.weforum.org/stories/2023/10/japan-rare-earth-minerals/
Institute of Energy Economics Japan (IEEJ) – Chairman’s Message (Oktober 2023)
https://eneken.ieej.or.jp/en/chairmans-message/chairmans-message_202310.html
Perspektive eines damaligen METI-Beamten.
CEPR VoxEU – Revisiting the China–Japan Rare Earths dispute of 2010
https://cepr.org/voxeu/columns/revisiting-china-japan-rare-earths-dispute-2010
Kritische Überprüfung der Embargo-Narrative.
East Asia Forum – Did China really ban rare earth metals exports to Japan? (August 2013)
https://eastasiaforum.org/2013/08/18/did-china-really-ban-rare-earth-metals-exports-to-japan/
Wikipedia – Rare earths trade dispute
https://en.wikipedia.org/wiki/Rare_earths_trade_dispute
Global Asia – Florence W. Yang: China’s Rare-Earth Resource Nationalism: Learning from Japan’s Experiences
https://www.globalasia.org/v17no4/cover/chinas-rare-earth-resource-nationalism-learning-from-japans-experiences_florence-w-yang
The Breakthrough Institute – How Should We Interpret Chinese Critical Mineral Export Restrictions? (März 2025)
https://thebreakthrough.org/issues/energy/how-should-we-interpret-chinese-critical-mineral-export-restrictions
Exportkontrollen 2025
CSIS – Gracelin Baskaran: The Consequences of China’s New Rare Earths Export Restrictions (April 2025)
https://www.csis.org/analysis/consequences-chinas-new-rare-earths-export-restrictions
IEA – With new export controls on critical minerals, supply concentration risks become reality (2025)
https://www.iea.org/commentaries/with-new-export-controls-on-critical-minerals-supply-concentration-risks-become-reality
China Briefing – China’s Rare Earth Export Controls – Impact on Businesses and Industries (November 2025)
https://www.china-briefing.com/news/chinas-rare-earth-export-controls-impacts-on-businesses/
Al Jazeera – China tightens export controls on rare-earth metals: Why this matters (Oktober 2025)
https://www.aljazeera.com/news/2025/10/10/china-tightens-export-controls-on-rare-earth-metals-why-this-matters
Holland & Knight – China Imposes Export Controls on Medium and Heavy Rare Earth Materials (April 2025)
https://www.hklaw.com/en/insights/publications/2025/04/china-imposes-export-controls-on-medium-and-heavy-rare-earth-materials
Pillsbury Law – China Suspends Export Controls on Certain Critical Minerals and Related Items https://www.pillsburylaw.com/en/news-and-insights/china-suspends-export-controls-certain-critical-minerals-related-items.html
Resources for the Future – The Strategic Game of Rare Earths: Why China May Only Be in Favor of Temporary Export Restrictions
https://www.rff.org/publications/issue-briefs/the-strategic-game-of-rare-earths-why-china-may-only-be-in-favor-of-temporary-export-restrictions/
Strategische Analysen und Geopolitik
CSIS – Rare Earths: Next Element in the Trade War?
https://www.csis.org/analysis/rare-earths-next-element-trade-war
South China Morning Post – In US-China battle over rare earths, developing nations are the front line (August 2025)
https://www.scmp.com/news/china/diplomacy/article/3320666/us-china-battle-over-rare-earths-developing-nations-are-front-line
Wilson Center / New Security Beat – Mine the Tech Gap: Why China’s Rare Earth Dominance Persists
https://www.newsecuritybeat.org/2024/08/mine-the-tech-gap-why-chinas-rare-earth-dominance-persists/
Geopolitical Monitor – A Brief History of US-China Rare Earth Rivalry (Oktober 2024)
https://www.geopoliticalmonitor.com/a-brief-history-of-us-china-rare-earth-rivalry/
Investing.com – China’s Rare Earths: The Winning Card in the Trade War With the US (Juni 2025)
https://www.investing.com/analysis/chinas-rare-earths-the-winning-card-in-the-trade-war-with-the-us-200662733
