Die Managementlehre der letzten Jahrzehnte hat Unternehmen systematisch das genommen, was sie überlebensfähig macht: Redundanz. Ein Kybernetiker, zwei verfeindete Evolutionsbiologen und ein Gestaltbiologe erklären, warum das ein Fehler war – und warum Organisationen, die nur noch funktionieren, aufgehört haben zu leben.


Bateson: Die Neuformulierung des Problems

Gregory Bateson vollzieht in „Ökologie des Geistes“ eine fundamentale Wende in der Betrachtung von Information. Im Kapitel „Die Neuformulierung des Problems“ (S. 488ff.) definiert er den terminus technicus Information als „irgendein Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied ausmacht“. Diese Definition ist, wie Bateson selbst betont, grundlegend für jede Analyse kybernetischer Systeme und der Organisation.

Die kybernetische Perspektive

Der entscheidende Bruch mit der klassischen Naturwissenschaft liegt darin, dass kybernetische Systeme nicht durch Kräfte, Einflüsse oder Energien gesteuert werden, sondern durch Unterschiede. Eine Maschine mit Regler wählt nicht einen Zustand des Fließgleichgewichts – sie wird daran gehindert, in irgendeinem anderen Zustand zu verbleiben. Im Ingenieursjargon: Das System wird „durch Fehler aktiviert“. Der Unterschied zwischen einem aktuellen und einem „bevorzugten“ Zustand aktiviert die regulierende Reaktion.

Diese Umkehrung hat weitreichende Konsequenzen: Während die klassische Physik fragt „Was verursacht X?“, fragt die Kybernetik „Was schließt Nicht-X aus?“. Information ist das, was gewisse Alternativen ausschließt.

Das klassische Beispiel für diese Verknüpfung ist die Wärmekraftmaschine, bei der die verfügbare Energie eine Funktion eines Temperaturunterschiedes ist. Hier überlappen sich „Information“ und „negative Entropie“.

Vom Einfachen zum Komplexen: Warum Entwicklung Information braucht

Bateson wendet dieses Prinzip auf die Embryonalentwicklung an. Seine Beobachtung: Je komplexer eine Struktur wird, desto mehr Information benötigt sie.

Ein Beispiel macht das anschaulich. Ein Seestern ist radialsymmetrisch – man kann ihn um seine Mitte drehen, und er sieht aus jeder Richtung gleich aus. Ein Mensch hingegen ist bilateral symmetrisch – er hat eine linke und eine rechte Seite, die sich spiegeln. Und unsere Hände sind asymmetrisch – die linke Hand ist nicht identisch mit der rechten, sondern ihr Spiegelbild.

Jeder dieser Schritte – vom Seestern zum Menschen, von der Körpermitte zur Hand – bedeutet eine Reduktion der Symmetrie. Und jede Reduktion der Symmetrie erfordert zusätzliche Information von außen. Das sich entwickelnde Gewebe muss „wissen“, wo oben und unten ist, wo vorne und hinten, wo die Körpermitte liegt und wo die Peripherie.

Was passiert, wenn diese Information fehlt? Bateson zeigt: Es entstehen Fehlbildungen. Ein sich entwickelndes Glied, dem die Information fehlt, welche Seite „innen“ und welche „außen“ sein soll, kann keine normale asymmetrische Hand ausbilden. Stattdessen entsteht eine symmetrische Verdoppelung – eine Fehlbildung, die sich präzise aus dem Informationsverlust erklären lässt.

Der Gedanke ist einfach und weitreichend: Komplexität entsteht nicht von selbst. Sie erfordert Unterschiede, die weitere Unterschiede machen – also Information im Sinne Batesons.

Redundanz als Organisationsprinzip

Damit kommt Bateson zu seinem zentralen Gedanken: Redundanz ist in biologischen Systemen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie ist eine „wichtige und notwendige Quelle von Stabilität, Voraussagbarkeit und Integration“.

Was meint er damit? Lebende Systeme sind nicht nach dem Prinzip der minimalen Ausstattung gebaut. Sie haben Überschüsse, Doppelungen, scheinbar überflüssige Strukturen. Wir haben zwei Nieren, obwohl eine reichen würde. Unser Erbgut enthält lange Abschnitte, die keine offensichtliche Funktion haben. Unsere Organe können weit mehr leisten, als der Alltag verlangt.

Diese Redundanz ist kein Konstruktionsfehler. Sie ist die Bedingung dafür, dass das System als Ganzes funktioniert, sich anpassen kann und Störungen übersteht. Bateson geht noch weiter: Selbst unsere Erklärungen biologischer Systeme müssen redundant sein – sie müssen sich überlappen, um der Komplexität des Lebendigen gerecht zu werden. Erklärungen ohne Überschneidung bleiben unzureichend.

Die Evolution selbst wird durch diese inneren Redundanzen beeinflusst. Was auf den ersten Blick wie Verschwendung aussieht, erweist sich als Reservoir für künftige Entwicklungen – ein Gedanke, der weit über die reine Informationstheorie hinausweist.

Redundanz gegen Kernkompetenz: Ein Widerspruch

Batesons Redundanzbegriff steht in diametralem Gegensatz zur Managementorthodoxie der letzten Jahrzehnte. Das Konzept der Kernkompetenzen, wie es Prahalad und Hamel Anfang der 1990er Jahre formulierten, fordert die systematische Konzentration auf das, was eine Organisation besonders gut kann – und die Auslagerung alles anderen. Outsourcing, Lean Management, der Abbau von Doppelstrukturen: All dies zielt auf die Eliminierung dessen, was Bateson als notwendige Quelle von Stabilität und Integration identifiziert.

Die Logik der Kernkompetenz fragt: Was ist überflüssig? Was können andere besser oder billiger? Die Antwort führt zur Spezialisierung, zur Ausdünnung, zur Abhängigkeit von externen Zulieferern und Dienstleistern. Was dabei verloren geht, ist genau jene Redundanz, die Bateson als Bedingung für Anpassungsfähigkeit und Integration beschreibt.

Ein System ohne Redundanz ist ein System ohne Reserven. Es kann Störungen nicht absorbieren, weil jedes Element bereits vollständig ausgelastet ist. Es kann keine neuen Verbindungen herstellen, weil alle Ressourcen gebunden sind. Es kann nicht lernen, weil Lernen Kapazitäten voraussetzt, die nicht bereits durch das Tagesgeschäft beansprucht werden.

Die Fragilität durchoptimierter Lieferketten, die Verwundbarkeit von Organisationen ohne eigene Fertigungstiefe, die Abhängigkeit von wenigen spezialisierten Zulieferern – all dies sind Symptome systematisch eliminierter Redundanz. Die Effizienzgewinne der Vergangenheit wurden mit Stabilitätsverlusten bezahlt, die erst in der Krise sichtbar werden.
Batesons biologische Perspektive legt nahe, dass Redundanz kein Luxus ist, den sich erfolgreiche Systeme leisten, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Systeme überhaupt erfolgreich sein können. Erklärungen ohne Überschneidung, Organisationen ohne Redundanz – beide bleiben unzureichend, um Integration zu gewährleisten.

Eine unerwartete Konvergenz: Dennett und Gould

Dass Batesons Redundanzgedanke tragfähig ist, zeigt sich an einer überraschenden Konvergenz zweier Denker, die ansonsten erbitterte Gegner waren: Daniel Dennett und Stephen Jay Gould. Ihre Debatte über Adapationismus versus Strukturalismus gehört zu den schärfsten Kontroversen der Evolutionsbiologie des späten 20. Jahrhunderts. Dennoch laufen ihre Argumentationen an einem entscheidenden Punkt zusammen – und dieser Punkt ist die Frage der Redundanz.

Goulds Perspektive: Spandrels und Exaptation

Gould entwickelte gemeinsam mit Richard Lewontin den Begriff der „Spandrels“ – Zwickel, jene dreieckigen Flächen zwischen Bögen, die in der Architektur notwendige Nebenprodukte der Konstruktion sind, nicht etwa geplante Designelemente. In der Biologie entsprechen dem Merkmale, die nicht direkt durch natürliche Selektion für ihre aktuelle Funktion geformt wurden, sondern als Nebenprodukte anderer Entwicklungen entstanden.

Mit Elisabeth Vrba führte Gould 1982 den Begriff „Exaptation“ ein: Merkmale, die ursprünglich für eine andere Funktion selektiert wurden oder überhaupt keine Funktion hatten, können später für neue Zwecke kooptiert werden. Federn etwa existierten in der Fossilgeschichte, bevor die Vorfahren der Vögel zu fliegen begannen.

Was bedeutet das für den Redundanzbegriff? Gould argumentiert, dass Organismen nicht aus perfekt optimierten Einzelteilen bestehen, sondern aus historisch gewachsenen Strukturen mit erheblichem „Überschuss“ – Merkmalen ohne unmittelbaren Nutzen, die aber als Reservoir für künftige Anpassungen dienen können. Diese „Non-Aptations“, wie Gould und Vrba sie nennen, sind evolutionär wichtig gerade weil sie nicht funktional optimiert sind.

Dennetts Perspektive: Der Design-Raum

Dennett, der Gould scharf für dessen vermeintliche Abweichungen vom Darwinismus kritisierte, entwickelte in „Darwin’s Dangerous Idea“ (1995) das Konzept des „Design-Raums“ und der „Library of Mendel“ – des logisch möglichen Raums aller denkbaren Genome, von denen nur ein winziger Bruchteil jemals realisiert wird.

Auch wenn Dennett die Macht der natürlichen Selektion gegen Goulds Einwände verteidigte, erkennt sein Konzept des Design-Raums implizit an, dass Evolution nicht nur mit dem arbeitet, was aktuell funktional ist, sondern mit dem, was möglich ist. Die „komplexen Einschränkungen durch Entwicklungsbiologie und Ökologie“, so Dennett, reflektieren relative Grade der Zugänglichkeit innerhalb dieser Bibliothek. Das Zugängliche ist eine kleine Teilmenge des Möglichen – aber eine viel größere als das Aktuelle.

Die Konvergenz

Trotz aller Polemik konvergieren beide Positionen in einer zentralen Einsicht: Biologische Systeme können nicht auf aktuelle Funktionalität hin optimiert werden, ohne ihre Evolutionsfähigkeit zu verlieren. Gould betont die historischen Strukturen und entwicklungsbiologischen Einschränkungen, die Organismen mit sich tragen – scheinbarer Ballast, der aber neue Entwicklungspfade ermöglicht. Dennett betont den Möglichkeitsraum, innerhalb dessen sich Selektion bewegt.

Beide erkennen an, was Bateson als Redundanz beschrieben hatte: Systeme brauchen mehr als das, was sie aktuell nutzen. Sie brauchen Reserven, Überschüsse, nicht-funktionale Elemente, aus denen Neues entstehen kann. Evolution arbeitet nicht mit dem Skalpell des Effizienzberaters, der alles eliminiert, was nicht unmittelbar zum Geschäftszweck beiträgt. Sie arbeitet mit dem, was Gould „developmental constraints“ nannte – Einschränkungen, die zugleich Ermöglichungen sind.

Die Ironie ist beträchtlich: Zwei Denker, die sich über fast alles stritten, bestätigen gemeinsam Batesons Grundeinsicht – dass Systeme, die ihre Redundanz eliminieren, ihre Zukunft eliminieren.

Der Wert des Funktionslosen: Adolf Portmann

Noch pointierter formulierte der Basler Zoologe Adolf Portmann diesen Gedanken. In seinem Buch „An den Grenzen des Wissens – Vom Beitrag der Biologie zu einem neuen Weltbild“ hob er den Wert des Funktionslosen hervor und sprach von einem „Spielraum des Offenen“, der zu Varianten führt, für die das funktionale Denken keine Erklärung hat.

Portmann kam aus der Tradition der Gestaltbiologie und interessierte sich für das, was er „unadressierte Erscheinung“ nannte – die Farbenpracht tropischer Tiefseefische etwa, die kein Auge je sieht, oder die Komplexität innerer Organe, die niemandem „gezeigt“ werden. Solche Phänomene lassen sich nicht durch Anpassung an Umweltbedingungen erklären. Sie sind funktionslos im engeren Sinne – und gerade deshalb bedeutsam.

Portmanns Schlussfolgerung ist radikal: Das reine Funktionieren kann nicht das alleinige Lebensziel sein. Fortschritt benötigt ein gewisses Maß an Über-das-Ziel-Hinausschießen.
Dieser Gedanke trifft sich mit Bateson, Gould und – wider Willen – auch mit Dennett. Was funktional überflüssig erscheint, ist der Rohstoff künftiger Entwicklung. Der „Spielraum des Offenen“ ist nichts anderes als Batesons Redundanz, reformuliert aus der Perspektive einer Biologie, die sich weigert, Leben auf Funktion zu reduzieren.

Für die Kritik der Kernkompetenz-Doktrin ergibt sich daraus eine zusätzliche Dimension: Die Eliminierung des scheinbar Überflüssigen ist nicht nur strategisch riskant – sie verfehlt, was lebendige Systeme ausmacht. Organisationen, die nur noch funktionieren, haben aufgehört zu leben.


Quellen:

Primärquellen

Gregory Bateson
Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981 (stw 571).

Originaltitel: Steps to an Ecology of Mind. Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution and Epistemology (1972).

Suhrkamp Verlag: https://www.suhrkamp.de/buch/gregory-bateson-oekologie-des-geistes-t-9783518281710

Wikipedia (DE): https://de.wikipedia.org/wiki/Gregory_Bateson

Stephen Jay Gould / Richard Lewontin

Gould, Stephen Jay / Lewontin, Richard C.: „The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: A Critique of the Adaptationist Programme“. In: Proceedings of the Royal Society of London B 205 (1979), S. 581–598.

Embryo Project Encyclopedia: https://embryo.asu.edu/pages/spandrels-san-marco-and-panglossian-paradigm-critique-adaptationist-programme-1979-stephen-j
Wikipedia (DE): https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Jay_Gould

Stephen Jay Gould / Elisabeth Vrba

Gould, Stephen Jay / Vrba, Elisabeth S.: „Exaptation – A Missing Term in the Science of Form“. In: Paleobiology 8, Nr. 1 (1982), S. 4–15.

Scientific American (Übersichtsartikel): https://www.scientificamerican.com/article/evolution-as-opportunist/

Daniel Dennett

Dennett, Daniel C.: Darwin’s Dangerous Idea. Evolution and the Meanings of Life. New York: Simon & Schuster, 1995.

Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Darwin’s_Dangerous_Idea

PDF (Einleitung): https://www.inf.fu-berlin.de/lehre/pmo/eng/Dennett-Darwin’sDangerousIdea.pdf

Adolf Portmann

Portmann, Adolf: An den Grenzen des Wissens. Vom Beitrag der Biologie zu einem neuen Weltbild. Wien/Düsseldorf: Econ Verlag, 1974.

Wikipedia (DE): https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Portmann

Personenlexikon BL: https://personenlexikon.bl.ch/Adolf_Portmann

Bibliographie: https://merke.ch/biografien-biologen/adolf-portmann/

C. K. Prahalad / Gary Hamel

Prahalad, C. K. / Hamel, Gary: „The Core Competence of the Corporation“. In: Harvard Business Review 68, Nr. 3 (Mai–Juni 1990), S. 79–91.

Harvard Business Review: https://hbr.org/1990/05/the-core-competence-of-the-corporation
Semantic Scholar: https://www.semanticscholar.org/paper/The-Core-Competence-of-the-Corporation-Prahalad-Hamel/47e178921055335a116b2dc99716e72c0a2f03b4

Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Core_competency

Sekundärliteratur / Vertiefung

Zur Debatte Gould vs. Dennett/Dawkins

Wikipedia: Dawkins vs. Gould: https://en.wikipedia.org/wiki/Dawkins_vs._Gould

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Adaptationism: https://plato.stanford.edu/entries/adaptationism/

Zu Bateson

Lutterer, Wolfram: Gregory Bateson. Eine Einführung in sein Denken. Heidelberg: Carl-Auer, 2002.
SpringerLink (Buchkapitel): https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-211-69499-2_7

Zu Redundanz und Evolution

PMC: „Evolutionary constraints or opportunities?“: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4206685/