“Vom Mythos der Unbesiegbaren. Anmerkungen zur Weltmacht Japan” von Karel van Wolferen

Von Ralf Keuper 

Zu den wenigen Büchern, die in den 1980 und 90er Jahren ein differenziertes, und wie sich im weiteren Verlauf zeigen sollte, zutreffendes Bild von Japan lieferten, zählt Vom Mythos der Unbesiegbaren. Anmerkungen zur Weltmacht Japan von Karel van Wolferen. Über den Autor heisst es im Klappentext:

Karel van Wolferen hat für eine Reihe kritischer Japan-Artikel die höchste holländische Presseauszeichnung, dem Pulitzer-Preis vergleichbar, erhalten. Seine kritische Beschäftigung mit Japan hat er in seinem Buch vertieft, und er geht mit seinem Gastland, in dem er ein Vierteljahrhundert gearbeitet hat, hart ins Gericht. Für jeden europäischen Leser, der fasziniert ist von den Erfolgen der japanischen Nation, von Fleiß und Disziplin der Bevölkerung, von der wirtschaftlichen Macht, ist von Wolferens Buch eine desillusionierende Lektüre.

Der Autor zeigt, daß noch immer die Rangunterschiede früherer Gesellschaftsstrukturen den Alltag des Normalbürgers einengen, er zeigt, daß brutale Wettbewerbsbedingungen ein ungutes Arbeitsklima schaffen, er zeigt, daß das weltweit gepriesene Unterrichtssystem in Wahrheit morsch ist, weil natürliche Anlagen und Fähigkeiten unterdrückt werden. Die Folge dieses stupiden Lernens ist das Fehlen jeglicher Kreativität. Von Wolferen beschreibt anschaulich, wie fasziniert die Europäer seit Marco Polo vor dieser fremden Zivilisation standen, vor einem Volk so völlig verschieden von den eigenen Anlagen.

Für van Wolferen sind die ersten Anzeichen für den Niedergang Japans sichtbar. Er legt zwingend dar, daß die von den Japanern für sich beanspruchte Einzigartigkeit sie in den Isolitianismus und zwangsläufig in die Bedeutungslosigkeit treibt.

Wie die weitere Entwicklung gezeigt hat, lag van Wolferen mit seiner Prognose richtig. Damit hebt sich sein Buch deutlich von Günter Ederers Das leise Lächeln des Siegers. Was wir von Japan lernen können ab. Während Ederer zur Verklärung des japanischen Erfolges hierzulande maßgeblich beigetragen hat, stützen sich van Wolflerens Aussagen auf jahrzehntelange Beobachtungen vor Ort. Erschwerend kommt hinzu, dass van Wolferens Buch 1989 fünf Jahre vor Ederers Werk erschien. Mit dem Angstbild Japan ließen sich noch jahrelang hohe Auflagen erzielen. Für eine differenziertere Sichtweise gab es da kaum Platz.

Auszüge:

Die herrschende Elite Japans hat heute wie vor dem Krieg die übermächtige Einstellung, >Papi weiß es am besten<, während das Volk, wie wir in diesem Buch sahen, unter ständiger politischer Vormundschaft gehalten wurde. Es ist diese Kontinuität von der Vorkriegszeit über den Krieg bis zur Nachkriegszeit, nicht die unbezweifelte Änderung im Verhalten der Elite und die Gewinne an persönlicher Freiheit, die den Charakter des japanischen politischen Systems bis heute am meisten bestimmt.

Die Japaner akzeptieren ein hohes Maß an Organisation und Einschränkung, sie dulden die Art, wie sich Beamte in ihr Leben einmischen, und hinterfragen ihre dauernde politische Bevormundung nicht. Sehr wenige können sich bürgerlichen Ungehorsam gegen legitime politische Tat vorstellen.

Die Expansion der Industrie, die auf Kosten der lebenden Umwelt, der Wohnungsbau- und Sozialpolitik erreicht wurde und zu den höchsten Landpreisen der Welt geführt hat – all dies, ohne die Bequemlichkeit zu bringen, die in weiten Teilen Europas und Nordamerikas selbstverständlich sind – , war nicht das Ergebnis irgendeiner Art Einigung darüber, was für das Volk gut sei. Die verhängnisvollen politischen Manöver, die sie zur übergeordneten nationalen Priorität machten, wurden nicht von der Presse überwacht. Die Öffentlichkeit wurde nicht aufgefordert, sich an der Formulierung der Politik zu beteiligen – sie wußte nie, daß es überhaupt eine Wahl gab.

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