Die stille Macht der Datenbanken

Für den Kaufhauskunden ist es bloß ein Griff ins Portemonnaie, wenn er an der Kasse seine Payback-Karte zückt. Prämien und Vergünstigungen winken – vorausgesetzt, die Zahl der Bonuspunkte stimmt. Mit jedem Piepen des Kassenscanners werden diese Punkte exakt und diskret erfasst. Problematisch wird es jedoch, wenn die Informationen über Preis, Bonuspunkte und Kundenname in einer Datenbank verknüpft werden. Für diese Art der Datenauswertung interessiert sich der Zürcher Technikhistoriker David Gugerli. 

»In Datenbanken sieht er nicht stille Diener, die bloß die Arbeit von Firmen und Behörden erleichtern. Vielmehr haben sie seiner Ansicht nach die Gesellschaft umgekrempelt: “Das technische Symbol für die Moderne war das Fließband. Das technische Symbol der Postmoderne oder der deindustrialisierten Gesellschaft wäre die Datenbank.” .. 

Das alles ist nur der Anfang. Datenbanken haben nicht nur die Konsum-, sondern auch auf die Arbeitswelt verändert. Großbetriebe, deren Komplexität sich vormals nur durch Hierarchien beherrschen ließ, können nun ihren Teilbereichen mehr Entscheidungsfreiheit geben. Kein Vergleich zum starren Takt der Fließbandproduktion, die Charlie Chaplin 1936 im Film “Modern Times” ironisierte. Gugerli: “Mit dem Aufstieg der Dienstleistungsgesellschaft in den 60er und 70er Jahren begann eine Zeit, die auf Flexibilität und das Neukombinieren kleinster Einheiten setzt. So entstehen vielfältige Ad-hoc-Lösungen. Arbeit wird vermehrt an Subunternehmer ausgelagert. Die wiederum arbeiten zunehmend projektförmig.” 

Die alte, hierarchische Industriegesellschaft findet Gugerli zufolge ihr Pendant in der Softwarearchitektur der “hierarchischen Datenbanken”. Deren bekanntester Vertreter war der Informatiker Charles Bachmann. Ende der sechziger Jahre kam es zur Kontroverse zwischen ihm und dem Mathematiker Edgar Codd. Codd schlug ein alternatives Konzept vor, das schließlich zur Standardsoftware heutiger Datenbanken wurde: die relationale Datenbank. Wer den Wandel von der Industrie- zur postmodernen Dienstleistungsgesellschaft verstehen will, muss sich mit der Kontroverse von Codd und Bachmann befassen. 

Quelle: Die stille Macht der Datenbanken http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2246255_0_5807_-vernetzung-die-stille-macht-der-datenbanken.html

Weitere Informationen:

Die Welt als Datenbank: Zur Relation von Softwareentwicklung, Abfragetechnik und Deutungsautonomie

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