„Der Kampf um die Tiefsee. Wettlauf um die Rohstoffe der Erde“ von Sarah Zierul

Von Ralf Keuper

Während einige Unternehmer mit dem Versuch, den Mars oder gleich das ganze All zu erobern, Schlagzeilen machen, spielt sich einige tausend Meter unter der Meeresoberfläche weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit der wahre Wettlauf um die Rohstoffe der Zukunft ab, wie Sarah Zierul in Der Kampf um die Tiefsee. Wettlauf um die Rohstoffe der Erde schreibt.

Schon längst haben einige Konzerne das Potenzial der Tiefsee entdeckt und betreiben, wie der französische Ölkonzern Total, vor der Küste Angolas die Förderung von Öl aus mehreren tausend Metern Tiefe (Vgl. dazu: Tiefsee-Erdöl aus Angola). Der Ölboom hat dazu geführt, dass Luanda, die Hauptstadt Angolas, die teuerste Stadt der Welt ist – vor New York, London und anderen Weltmetropolen. Aber nicht nur das Öl weckt Begehrlichkeiten. Das gilt in besonderer Weise für die sog. Schwarzen Raucher.

Um die Austrittsstellen des heißen Wassers, das die Schwarzen Raucher abgeben, setzen sich die aus der Erdkruste gelösten Materialien ab. Auf diese Weise bilden sich innerhalb weniger Jahre Schornsteine. Es entstehen große Gebiete von Gesteinsschichten, die wertvolle Schwefelverbindungen, Massivsulfide, enthalten:

Auf diese Massivsulfide hat die Bergbauindustrie ein Auge geworfen, denn die Gesteinsschichten enthalten extrem hohe Konzentrationen an Kupfer, Zink, Silber und Gold. Rohstoffe, die an Land immer seltener und teurer werden.

Mit Sorge betrachten die Wissenschaftler die Abbaupläne der Rostoffindustrie, wie die Forscher von Ifremer in Brest und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt. Leiter der Abteilung Marine Zoologie der letztgenannten war Michael Türkay, der sich in jahrzehntelanger Forschung mit der Biodiversität der Tiefsee beschäftigt hatte. Die Bedeutung des Meeres für das Leben, so nicht nur Türkay, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden:

Das Meer ist nicht nur einer der wichtigsten Nahrungslieferanten, bietet Arbeitsplätze in der Fischerei und im Tourismus und bildet neuerdings die Grundlage für Kosmetika und Medikamente. Es spielt außerdem für sämtliche Abläufe der Natur eine zentrale Rolle: Es speichert die Wärme der Sonne.Es nimmt Abfallstoffe und giftige Gase aus der Luft, den Flüssen und dem Regen auf. Es produziert Sauerstoff. Es ist das größte Wasserfilterungssystem des Planeten. Und es beeinflusst das Klima: Ungefähr ein Driten allen Kohlendioxids, das Autos, Kohlekraftwerke oder Industrieanlagen an Land ausstoßen, wird von den Ozeanen absorbiert. Und so davor bewahrt, in der Atmosphäre den Treibhauseffekt zu verstärken.

Ein wahrer Wettlauf ist in letzten Jahren um die Abbauflächen der Manganknollen entbrannt. Mittels sog. Kollektoren, panzerähnlichen Fahrzeugen, soll das Mangan am Boden der Tiefsee abgebaut werden. Noch ist unklar, welche langfristigen Folgen für das Ökosystem in der Tiefsee der Manganabbau haben wird.

Zierul spricht in dem Zusammenhang vom Deutschlands 17. Bundesland im Pazifik. Deutschland hat sich im Jahr 2006 für 15 Jahre einen Claim für Mangan im Pazifik gesichert. Federführend war dabei die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums handelte. Der Goldrausch in der Tiefsee speist sich u.a. aus der Tatsache, dass im Pazifik zehn Milliarden Tonnen Manganknollen vermutet werden, worin sich wiederum 300 Millionen Tonnen Buntmetalle, wie Kupfer, Nickel, Zink und Kobalt befinden.

Das größte Potenzial der Tiefsee liegt nach Ansicht einiger führender Meeresforscher, wie Daniel Desbruyères von Ifmar, in der sog. Blauen Biotechnologie. Das Interesse der Industrie gilt dabei vornehmlich den Giftstoffen, die einige Tiefsee-Mikroben absondern:

So produzieren Bakterien, die in Symbiose mit Schnecken und Schwämmen, an Korallen oder Schwarzen Rauchern leben, den unterschiedlichsten Substanzen, die auch beim Menschen antiviral, antibakteriell oder entzündungshemmend wirken. Auch die Bakterien und chemischen Reaktionen, die für die Biolumineszenz der Tiefsee-Tiere sorgen, werden auf ihre medizinische Heilkraft untersucht. Aus manchen Mikroben konnten bereits bis zu 200 verschiedene Substanzen gewonnen werden. Bei der Suche nach neuen Antibiotika, Schmerzstillern oder Tumorblockern stoßen Forscher unter der Wasseroberfläche auf eine Fundgrube.

Ihr Buch beendet Zierul mit einem Plädoyer bzw. Aufruf:

Der Meeresboden wird derzeit einer kleinen Gruppe von Entscheidern aus Industrie, Politik und Wissenschaft überlassen. Dabei muss sich eine breite Öffentlichkeit dieses Themas annehmen. Noch können die Weichen für den weiteren Vorstoß in die Tiefsee gestellt werden. Doch dafür müssen wir alle unsere Prioritäten neu überdenken. Wir müssen uns fragen, wie wichtig uns die Ozeane und ihre Artenvielfalt sind. Welche Abstriche wir für ihren Schutz beim Wachstum der Wirtschaft und bei unserem Verlangen nach billigen Rohstoffen im Zweifel zu machen bereit sind. Und ob es für manche dieser Rohstoffe nicht ohnehin längst auch Alternativen gibt. Eine solche Debatte kann nur innerhalb der gesamten Gesellschaft geführt werden. Und sie muss heute beginnen – bevor es zu spät ist.

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