“Intelligent Enterprise” von James Brian Quinn

Von Ralf Keuper

Gerade die deutsche Wirtschaft tut sich nach Ansicht vieler Marktbeobachter schwer, ihr Denken in Produkten zu überwinden und die Herausforderungen der Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung anzunehmen. Für den deutschen Ingenieur, seit mehr als hundert Jahren Sinnbild der Stärke des Industriestandorts Deutschland, sind Produkte, die nicht im perfektem Zustand ausgeliefert werden, ein Graus. Digitalisierung wird hierzulande daher überwiegend im Zusammenhang mit Produkten gedacht und praktiziert.

Germany is an engineering culture, so Germans generally tend to think of Digitalisierungas a hardware phenomenon. In their schools it means getting the children iPads. When Americans – at Khan Academy, for example – talk about “edtech” or “e-learning”, they think about how, cognitively, human beings learn and ought to be taught, which is quite different (in: German “Digitalisierung” versus American innovation).

In den USA zeichnete sich die Abkehr von der Produkt- hin zur Serviceorientierung schon vor langer Zeit ab bzw. sie wurde dort eher zur Kenntnis genommen. Beispielhaft dafür ist das Buch Intelligent Enterprise von James Brian Quinn aus dem Jahr 1992.

Quinn beschreibt den Siegeszug der Serviceindustrie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg. Für den Erfolg der Volkswirtschaften seien Servicetechnologien daher ausschlaggebend:

Note that it is not just information technologies, but service technologies developed across a wide spectrum, that have changed the entire structure of U.S. and world competition. Not only have service technologies revolutionized the U.S. ecnomy, they have had the same impact in all other major industrialized countries. All these countries now increasingly compete as service economies. And service industries are becoming the bell-wetheres of all countries’ future international competitiveness and standards of living.

Die Grenzen zwischen den Branchen werden durch die stärkere Serviceorientierung durchlässiger:

Most importantly perhaps, the widespread penetration of service technologies has virtually destroyed the boundaries of all industries. The example of the financial service industry is often cited. But airlines no longer compete just against airlines. They also compete against travel agents, tour groups, retailers, financial service companies, ground transportation providers, communication companies, and so on.

Diese von Quinn beschriebene Entwicklung hat in den letzten Jahren in Form der sog. Sharing Economy und Plattformökonomie eine neue Stufe erreicht. Anbieter wie Uber, Airbnb oder die großen Internetkonzerne wie Amazon oder Google sind dabei, ihren Aktionsradius kontinuierlich auszudehnen. Selbst die Automobilindustrie, das Zugpferd der deutschen Industrie, gerät ins Visier.

Quinn sprach von den neuen Economies of Scope (Verbundeffekten), die es den Serviceunternehmen, u.a. auf Basis der Daten, ermöglichen, ihre Angebotspalette auszuweiten:

One properly installed, the same technologies that create new scale economies – or the supporting technologies necessary to implement the large-scale technologies – allow service enterprises to handle a much wider array of data, output functions, or customers without significant cost increases. In fact, with proper management, unit costs actually decrease as variety and flexibility increase; and the larger companies allocate their technology development or equipment costs over a richer base of operations.

Unternehmen, welche die New Economies of Scope in den letzten zwanzig Jahren in bislang ungekanntem Ausmaß realisiert haben, sind Apple, Amazon und Alibaba.

Weitere Folge der Durchdringung der Wirtschaft durch Services ist die Disintermediation, die wiederum den Unternehmen in die Hände spielt, die große Verbundeffekte (Economies of Scope) umsetzen können:

Given the innovators’ large scale and technological power, outside parties seek to connect directly to the innovators’ systems rather than go through intermediaries. … In addition to increasing the efficiency of each service system, this forced small intermediaries either to develop highly specialized services or to become representatives of the larger entities. As a result of economies of scope, increased complexity of products, and such disintermediation, cross-competition among units in different service (or product) firms and industries became rampant. This then led to the vast restructuring in existing industries already noted – and to the destruction of traditional barries among many others.

Auch hier bieten sich Google, Apple, Alibaba und Amazon als Paradebeispiele an. Über seine offenen Schnittstellen (Open APIs) hat Amazon über die Jahre ein Ökosystem geschaffen, das ohne weitere Zwischenmänner auskommt und den direkten Kontakt zwischen Amazon und den Endkunden und Lieferanten ermöglicht – und damit natürlich auch Abhängigkeiten und Druck schafft. Amazon kann einen direkten Einfluss auf die Prozesse seiner Lieferanten nehmen (Vgl. dazu: Have you had your Bezos moment? What you can learn from Amazon), API imperative: From IT concern to business mandate, Existiert die API-Ökonomie überhaupt nicht?).

Im Nachhinein betrachtet: Ein wegweisendes Buch wie nur wenige.

 

Dieser Beitrag wurde unter Managementliteratur, Sachbücher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu “Intelligent Enterprise” von James Brian Quinn

  1. Pingback: Die neuen Economies of Scope (Verbundeffekte) im Banking | Bankstil

  2. Pingback: Sind Google, Amazon & Co. zu wenig diversifiziert? | Econlittera

  3. Pingback: Sind Google, Amazon & Co. zu wenig diversifiziert? | Bankstil

Schreibe einen Kommentar