Charakteristika langlebiger Unternehmen

Von Ralf Keuper

Wodurch zeichnen sich langlebige Unternehmen aus? Mit dieser Frage hat sich besonders intensiv Arie de Geus, der ehemalige Strategie-Chef von Royal Dutch-Shell, beschäftigt. Seiner Ansicht nach ist ein Unternehmen ein lebendiges System (Vgl. dazu: The Living Company: A Recipe for Success in the New Economy). De Geus schreibt:

To understand how that works, biology, especially evolutionary biology, provides us with a more effective language than economics. Research by three American evolutionary biologists is particularly illuminating. In the course of their work on the (different) speeds of evolution between species, they began to suspect that certain species were better at “learning to develop a new skill to exploit the environment in a new way” than were competing species.That is a neat way to express the relationship between “learning” and being successful in a competitive world. It is, surely, not dissimilar from the way that, for example, Microsoft would define its competitive behavior. So, how do biological species develop these superior competitive abilities to improve their chances of survival and further evolution?

In dem Interview Every Institution is a Living System sagt de Geus:

I think every institution is a living system. What we see is that the life conditions of these living systems are being threatened from the inside by participants in the institutional living systems. They have no idea what they’re doing there and what their institutions do, and they have no idea how to create better conditions for the survival of the institution of which they are a member. On the contrary, they do all sorts of things that reduce the institution’s life expectancy. A lot of the things they do make the company mechanistic. A mechanistic behavior inside an institution is usually a controlling behavior. Controlling in the sense that it reduces the internal space, which in turn reduces the learning ability, because there is no space to learn. There is no space to experiment, there is no space to act differently. The minute you take the learning ability away, you take away the viability of the institution. As Piaget has clearly indicated, that is the powerful tool in evolving from one phase to the next in life.

Langlebige Unternehmen, also solche mit einer Lebensspanne von mehreren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten, verstehen sich, wie in Vitalität langlebiger Unternehmen zu lesen ist, so de Geus, nicht als Geldmaschinen, sondern als Überlebensgemeinschaften. Darin wird de Geus mit der Aussage zitiert:

Gewinne und angesammeltes Kapital wird bei ihnen für die Zukunftsvorsorge genutzt und nicht für die Beglückung der Kapitaleigner

De Geus hat vier gemeinsame Charakteristika langlebiger Unternehmen definiert:

„Konservatives Finanzgebaren“ – Diese Unternehmen wussten um die Bedeutung von Mittelreserven. Die gefüllten Kassen erlaubten es ihnen, ihr Wachstum und ihre weitere Entwicklung selbst zu bestimmen.
Sensibilität gegenüber dem Umfeld“ – Lernen und Anpassung gelang ihnen rasch und sie bauten ihre Geschäfte auf unterschiedlichsten Grundlagen auf. Jedes dieser Unter-nehmen änderte sein Geschäftsfeldportfolio mindestens einmal vollständig.
Bewusstsein der eigenen Identität“ – egal wie diversifiziert das Unternehmen war, die Beschäftigten fühlten sich dem Ganzen zugehörig und die Manager waren bemüht, die Organisation mindestens so gesund zu erhalten, wie sie ihnen anvertraut wurde. Die Topmanager kamen häufig aus dem Unternehmen selbst. Den Mitgliedern des Unternehmens ist bewusst, „wer wir sind“ und was die gemeinsamen tragenden Werte sind. Der einzelne weiß Antwort auf die entscheidende Frage – „Was ist für uns wichtig?“. Dies schafft einerseits Bindung und Zugehörigkeit von unterschiedlichsten Mitarbeitenden, bietet andererseits auch klare (Entscheidungs-)Kritierien für bzw. gegen die Zugehörigkeit zu einem solchen Unternehmen.
Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen“ – langlebige Unternehmen lassen auch Experimente und „exzentrische“ Geschäfte, die das Verständnis strapazieren, zu. Das Unternehmen gewährt den Menschen Freiraum, Ideen zu entwickeln, frei von engen Kontrollen, Direktiven und Bestrafungen bei Fehlern.

Nach Stuart Crainer besteht das primäre Ziel eines Unternehmens jedoch nicht darin, besonders lange zu bestehen. In seiner Rezension “The Living Company” by Arie de Geus wendet er dagegen ein:

Mr. De Geus’s arguments are probably at their weakest when he contemplates why it is that companies deserve to live long lives. After all, the average entrepreneur would probably accept a life expectancy of 12.5 years. “Like all organisms, the living company exists primarily for its own survival and improvement: to fulfill its potential and to become as great as it can be,” he writes. But life is littered with failed stars. Some fall by the wayside. We cannot all be great. We cannot all be Shell.

Langlebigkeit, da stimme ich zu, kann nicht das oberste Ziel eines Unternehmen sein, so attraktiv diese Aussicht auch sein mag. Wenn alle Unternehmen nur noch darauf aus sind, möglichst lange zu bestehen, dann ist für neue kaum noch Platz. Die innovativsten Unternehmen sind oft gerade diejenigen, die maximal eine Generation lang Bestand haben. Danach haben sie ihren Zweck erfüllt. Ein kurzlebiges Unternehmen kann, wirtschaftlich und gesellschaftlich, mehr bewirkt haben, als ein Unternehmen, das mehrere Jahrhundert alt ist. Die Rückkehr des dynastischen Prinzips, wofür derzeit Familienunternehmen stehen, kann auf Dauer nicht die Lösung sein. Unternehmen sind in ihrer jetzigen Form, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, letztlich nur Zeiterscheinungen. Irgendwann reisst die Kette und andere Organisationsformen treten an ihre Stelle. Auch das ist Evolution.

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