David Landes‘ unbequeme Thesen über Kultur, Innovation und wirtschaftlichen Niedergang

Was haben das kaiserliche China, das Portugal der Inquisition und das Spanien der Konquistadoren gemeinsam? Sie alle verfügten über enormes Potential – und verspielten es durch institutionelle Erstarrung, Innovationsfeindlichkeit und die Illusion, Reichtum ließe sich ohne Arbeit bewahren. David Landes‘ monumentale Studie „Wohlstand und Armut der Nationen“ liest sich heute, angesichts deutscher Digitalisierungsversäumnisse und industrieller Erosion, aktueller denn je.


Es gibt Bücher, die man zur falschen Zeit liest und deshalb unterschätzt, und solche, die einen zur richtigen Zeit erwischen. David Landes‘ 1998 erschienenes Werk „The Wealth and Poverty of Nations“ gehört in die zweite Kategorie – jedenfalls für jeden, der sich heute mit der Frage beschäftigt, warum manche Volkswirtschaften ihre Spitzenposition verlieren und andere sie gewinnen.

Landes, der 2013 verstorbene Harvard-Ökonom und Wirtschaftshistoriker, war kein Freund einfacher Erklärungen. Geographie, Klima, Rohstoffvorkommen – all das spielt eine Rolle, aber keine determinierende. Was Nationen reich oder arm macht, sind nach Landes vor allem kulturelle und institutionelle Faktoren: die Bereitschaft zur Innovation, die Offenheit für Fremdes, das Verhältnis zur Arbeit, die Balance zwischen staatlicher Ordnung und unternehmerischer Freiheit.

Das klingt nach wohlfeiler Sonntagsrede. Ist es aber nicht. Denn Landes belegt seine Thesen mit einer Fülle historischer Fallstudien, die unbequeme Fragen aufwerfen – auch und gerade für Deutschland.

Der Beitrag als Interaktive Infografik

Das chinesische Paradox

Am Anfang steht ein Rätsel. China verfügte jahrhundertelang über technisches Wissen, das Europa erst mühsam erwerben musste: Papier, Buchdruck, Schießpulver, Porzellan, Seide. Die chinesische Zivilisation war der europäischen in vieler Hinsicht überlegen. Und dennoch fand die industrielle Revolution nicht in China statt, sondern in England.

Landes greift zur Erklärung auf den ungarisch-französischen Sinologen Etienne Balazs zurück, dessen Analyse bestechend einfach ist: Der totalitäre Charakter des chinesischen Staates erstickte jede Innovation im Keim. Keine private Initiative, keine Äußerung des öffentlichen Lebens blieb der amtlichen Kontrolle entzogen. Die Bürokratie – jene „Atmosphäre von Routine, Traditionalismus und Unbeweglichkeit“ – machte jede nicht vorab genehmigte Initiative verdächtig.

Das Entscheidende ist dabei nicht, dass der Staat Innovation aktiv unterdrückte, obwohl auch das vorkam. Entscheidender war die passive Ersticku…