Sind Familienunternehmen wirklich anders?

Von Ralf Keuper

Seit Jahren richten sich die Hoffnungen in der Wirtschaftspresse auf die zahlreichen Familienunternehmen in Deutschland, die für viele Kommentatoren den guten Kapitalismus repräsentieren. Hier bestimmt nicht der Quartalsbericht die Ausrichtung der Firmenstrategie; es wird in Generationen gedacht. Kurzfristige Gewinnmaximierung zu Lasten langfristiger Marktchancen ist hier verpönt – so lesen wir zumindest immer wieder. Bereits im Jahr 2011 habe ich mich mit Phänomen in dem Beitrag Familienunternehmen – Größe und Grenzen beschäftigt.

Schon damals äußerte ich Zweifel, ob die Familienunternehmen zur Gegenwelt taugen; sie sind seitdem nicht geringer geworden. Es drängt sich der Eindruck auf, als würden die Familienunternehmen in die Rolle eines “Ersatzadels” gedrängt. Schnell ist da von Dynastien die Rede.

Nur leider hat das Bild einige deutliche Risse.

Im vergangenen Jahr sorgte der Hersteller elektronischer Verbindungstechnik, Weidmüller, mit seinem feindlichen Übernahmeversuch von R. Stahl für Schlagzeilen und Irritationen. Nicht nur der Deutschlandfunk erblickte darin die Entzauberung des Mythos Familienunternehmen. Selbst eine Ikone unter den Familienunternehmen, wie der Oetker-Konzern, sorgte mit seinem nach außen gedrungenen Erbstreit für ungewohnte Töne und Einblicke. Im nicht weit entfernten Rheda-Wiedenbrück liefern sich Clemens Tönnies und sein Neffe Robert eine Auseinandersetzung um die Vorherrschaft bzw. Teilhabe an der Macht in Europas größtem Fleischkonzern. In einem Interview mit der WirtschaftsWoche versucht Arist von Schlippe die neue Streitsucht der Familienunternehmen mit deren besonderen Werten bzw. Charaktereigenschaften zu erklären. Das nennt man auch zirkuläre Argumentation oder Immunisierung. Beim Nutzfahrzeugzulieferer Knorr-Bremse verlässt der als Kronprinz gehandelte Sohn des Eigentümers das Unternehmen. Und auch in der Familie Haniel herrscht schon lange nicht mehr die harmonische Grundstimmung der Vergangenheit. Selbst im Brenninkmeyer-Clan, das absolute Vorzeige-Familienunternehmen, ist die alte Verbundenheit brüchig geworden.

Irgendwas ist anders geworden; oder es wird jetzt einfach nur offensichtlicher.

Die Grenzen zwischen Familienunternehmen verlaufen deutlich fließender als manche Berichte suggerieren. Beim Haushaltsgerätehersteller Miele etwa, regieren, wie das Manager Magazin vor einiger Zeit berichtete, zwei einflussreiche Banker von Goldman Sachs und der Commerzbank im Hintergrund.

Auch in Familienunternehmen regiert der Shareholder Value – nur ist die Zahl der Shareholder hier i.d.R. deutlich geringer , als bei den echten börsennotierten Unternehmen 😉

Insofern ist, wie so oft, eine gesunde Skepsis angebracht, wenn uns das nächste Mal wieder Geschichten aus der Welt des “Ersatzadels” serviert werden.

Weitere Informationen:

Aldi, Oetker und andere Konflikte in Familienunternehmen

Sein erstes Interview: Maurice Brenninkmeijer, Oberhaupt des verschwiegenen C&A-Clans, erklärt, wie man eine der reichsten Familien über Jahrhunderte zusammenhält – und welche Schuld Angehörige im “Dritten Reich” auf sich geladen haben

Playmobil, Aldi oder Oetker – wenn Dynastien streiten

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