Prozessberatung für die Organisation der Zukunft (Edgar H. Schein)

Von Ralf Keuper

Der berühmte Organisationsforscher Edgar H. Schein legt in seinem Buch Prozessberatung für die Organisation der Zukunft seine Prinzipien einer modernen Organisationsberatung dar. Dabei stellt er in Abgrenzung zum „Experten-Modus“ den Prozessberatungs-Gedanken in den Vordergrund.

Was er unter Prozessberatung versteht:

Im Folgenden werde ich beschreiben, was Prozessberatung ist und welche Rolle sie im täglichen Leben und in der Organisationsentwicklung sowie bei Veränderungen und Lernprozessen spielt. Jede Form der Beratung impliziert, dass eine Person einer anderen hilft. Daher konzentriert sich diese Analyse darauf, herauszufinden, was genau in einer zwischenmenschlichen Situation hilfreich ist und was nicht. Des Weiteren betrachte ich Prozessberatung als entscheidend am Anfang und beim weiteren Verlauf einer jeden Organisationsentwicklung (OE) und eines jeden Lernprozesses. Organisationsentwicklung wird in der Regel als ein geplantes, organisationsweites Programm definiert, aber die einzelnen Komponenten, aus denen sie sich zusammensetzt, sind Aktivitäten, die der Berater mit Einzelnen oder mit Gruppen durchführt. Die Art und Weise, in der dies geschieht, spiegelt die der Prozessberatung zugrundeliegenden Annahmen wider. In letzter Zeit wurden vor allem Lern- und Veränderungsprozesse in Organisationen betont, es muss daher die Beziehung der Prozessberatung zu diesem Thema erläutert sowie ein Modell und eine Theorie des Helfens erstellt werden, die sämtliche dieser Organisationsprozesse einbezieht. Der zentrale Fokus bleibt jedoch auf der OE, da diese meines Erachtens ein allgemeiner Prozess ist, der Lern- und Veränderungsprozesse beinhaltet. …

Folgende Beratungs-Alternativen stehen für Schein zur Verfügung:

Bei der Behandlung dieser und anderer Fragen versuche ich zu zeigen, dass der Operationsmodus, für den der Berater sich immer wieder neu entscheidet, den entscheidenden Faktor für den Erfolg der Beratung darstellt. Der Berater muss lernen, zwischen folgenden Positionen zu unterscheiden: (1) der Beraterrolle des Experten, der dem Klienten sagt, was er zu tun hat; (2) dem Verkauf von Lösungen, die der Berater für gut hält, oder dem Verkauf von Techniken, deren Handhabung dem Berater vertraut ist; oder (3) der Miteinbeziehung des Klienten in einen Prozess, den letztendlich sowohl Klient wie auch Berater als hilfreich empfinden. Wie im weiteren Verlauf gezeigt wird, beruhen diese drei Modi auf grundlegend verschiedenen Modellen darüber, was „Hilfe“ beinhaltet, und diese Modelle wiederum fußen auf vollkommen unterschiedlichen Annahmen dazu, was eigentlich Wirklichkeit ist und was Hilfe ausmacht.

Die Vorteile bzw. das Wesen der Prozessberatung sind gegenüber dem Experten bzw. Beratungsansatz in der Einbeziehung des Klienten auf Augenhöhe, ohne dass von dem Berater eine Beeinflussung in Richtung des von ihm favorisierten Vorgehens erfolgt.

Der Berater ist bereit, mit einem einzelnen Klienten oder einer Organisation zu arbeiten, ohne einen klaren Auftrag zu erhalten, ein Arbeitsziel oder ein festumrissenes Problem genannt zu bekommen. Denn er geht davon aus, dass bei jedem Menschen, jeder Gruppe oder Organisation Prozesse verbessert und effizienter werden können, falls es gelingt, die Prozesse herauszufiltern, die die Gesamtleistung entscheidend beeinflussen. Es gibt keine perfekte Organisationsstruktur und keinen perfekten Prozess. Jede Organisation hat ihre Stärken und Schwächen. Daher sollte ein Manager, wenn er das Gefühl hat, etwas liege im Argen, da Leistung und Moral zu wünschen übrig lassen, nicht überstürzt handeln, bevor er sich über die Stärken und Schwächen der gegenwärtigen Struktur und Prozesse seiner Organisation im Klaren ist.

Das Konzept von Schein ist nicht unwidersprochen aufgenommen worden. So wird die Universalität bzw. Neutralität der Prozessberatung kritisiert, und stattdessen auf die Notwendigkeit des Expertenwissens verwiesen, ohne die eine Beratung, die nachhaltige Ergebnisse vorweisen kann, nicht möglich ist. Insofern bezieht der Expertenstatus seine Berechtigung aus dem Know How, den Erfahrungen sowie Vergleichsmöglichkeiten, die es ihm erlaubt, die objektiv angemessene Lösung ohne das Gefühl der Voreingenommenheit empfehlen zu können.

Insgesamt sprechen viele Argumente sowohl für die eine wie auch die andere Seite. Eine reine Prozesssicht ist m.E. für alle Situationen ist ebenso wenig ratsam, wie der Verkauf von Standardlösungen im Sinne „one size fits all“.

Was den Ansatz von Schein nachdenkenswert macht, ist neben dem großen Rennomee als Forscher und aktiver Berater, die Akzentverschiebung auf die Beziehung zwischen Berater und Klient im Sinne eines echten Dialogs auf gleicher Ebene.

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